S 4

Digestenexegese und Soziakstrukturgeschichte.

Zum Nutzen interdisziplinärer Zusammenarbeit am Beispiel des 'familia'-Begriffs in Dig. 50, 16, 195.

Von Christian Gizewski.

 Auszug aus einem Arbeitsprojekt zum Thema "Der Patrimonialismus als Strukturtypus im sozialen Gefüge nach römischem Recht" (1985).

Die wissenschaftliche Arbeitsteilung hat zumeist wohlerwogene rationale Gründe. Diese unterliegen aber dem Wandel, und damit können sie ihre Bedeutung ganz oder teilweise verlieren. So verhält es sich mit der historisch-exegetischen Bearbeitung der Quellenstellen des römischen Rechts. In früheren Zeiten kam diese Aufgabe - zumindest was eine dem Text als Rechts-Text angemessene, systematische Textinterpretation betrifft- wie selbstverständlich primär der wissenschaftlichen Teildisziplin 'Römisches (Pandekten-) Recht' innerhalb der Jurisprudenz zu. Als Domäne einer 'Römischen Rechtsgeschichte' galten ferner die 'normativen Ordnungen', das eher 'Statisch-Systematische' an den geschichtlichen Gestaltungen des Römischen Rechts. Durch diese Teilgebiete der Jurisprudenz waren sowohl propädeutische Lehr-, als auch eigenständige Forschungsaufgaben zu erfüllen, und zwar vorrangig im Hinblick auf das aktuell geltende und darin wieder das Bürgerliche Recht, das bekanntermaßen von dem in der Neuzeit in Europa rezipierten Römischen Recht stark geprägt worden ist.

Allerdings blieben der Alten Geschichte, der Altpholologie und der Altorientalistik seit jeher die Bereiche des nicht-römischen Rechts im Altertum zur Erforschung überlassen, und wenn sich diese Disziplinen mit den Rechtsquellen befaßte, so vornehmlich - und von prominenten Ausnahmen wie Theodor Mommsen abgesehen, der allerdings von Haus aus Jurist war - für ihre spezifisch-fachlichen Interessen: die Alte Geschichte dabei etwa zu dem Zweck, diese Quellen unabhängig von ihrer juristischen Zweckbestimmung als eine Art Steinbruch für Informationen nicht-juristischer Art über die eher dynamischen Prozesse und individuell-konkreten Phänomene der Geschichte zu nutzen. Noch Theodor Mommsen übrigens wollte - offenbar mit Rücksicht auf die Komptenzordnung seiner Zeit - sein 'Römisches Staatsrecht' ausdrücklich nicht als historisches, sondern als systematisch-rechtswissenschaftliches Werk verstanden wissen. (1)

Doch haben sich in den letzten Jahrzehnten die fachlichen Abgrenzungen in der Allgemeingeschichte auch des Altertums verändert, insoweit als verschiedene neue Forschungsteilgebiete, so etwa eine 'Gesellschafts- und Sozialstrukturgeschichte', zu ihren Forschungsgegenständen hinzukamen. Innerhalb dieser entstanden Fragestellungen, die in markanter Weise auch den eher 'systematischen' - oder soziologisch zu sprechen: 'systemischen' - Aspekten der 'normativen Ordnungen' früherer Epochen gelten. Dazu gehören mittlerweile sogar solche Bereiche, die einem 'idiographischen' Selbstverständnis der Geschichtswissenschaft früherer Zeiten als abseitig erschienen wären, wie etwa eine Geschichte der 'Verwandtschaftverhältnisse ' oder eine 'Geschichte der sexuellen Geschlechtsbeziehungen' oder eine 'Mentalitätsgeschichte'. In diese Bereiche gingen theoretische Konzepte und methodische Anregungen auch aus Disziplinen wie etwa der Soziologie, der Ethnologie oder der Anthropologie ein. (2)

Die Rechtswissenschaft ihrerseits hat im Laufe der Zeit eine Veränderung ihrer Grenzen erfahren. Das zeigt sich nicht nur an ihren heutigen Ausbildungsaufgaben, in denen zum Beispiel die früher zentrale 'Digestenexegese' nur noch eine vergleichsweise geringe Rolle spielt. Auch im Forschungsbereich hat sie sich auf den Gebieten der Geschichte, der Komparatistik oder der theoretischen Grenzgebiete des Rechts erheblich verändert. Rechtsgeschichtliche Fragestellungen haben dort heute - und schon seit längerem - auch im Hinblick auf Forschungskonzepte, die mit der praktischen Anwendung des geltenden Rechts in nur sehr indirekter Beziehung stehen, eine gewisse eigene fachwissenschaftliche Dignität entwickelt. Auch in der Stellung der in der rechtswissenschaftlichen Rechtsgeschichte traditionell und primär verankerten römisch-rechtlichen Rechtsmaterien haben sich im Zuge dieser Entwicklung Veränderungen ergeben. Manche neue Fragestellung entwickelte sich im Laufe der Zeit, wie etwa die nach der Stellung des römischen Rechts in und zu einer Menge anderer Rechtssysteme des Altertums, nach ethnologischen Aspekten der römischen Rechtsordnung, nach der Entwicklung eines 'antiken Völkerrechts' oder nach der Bedeutung des überlieferten öffentlichen Rechts (neben dem traditionell im Mittelpunkt der Pandektistik stehenden Privatrecht) im Zusammenhang mit komparatistisch-staatstheoretischen Fragen der Forschung. (3)

Obwohl die Ausgangsbedingungen und -fragen solcher Wissenschaftsteilgebiete wie 'Römische Rechtsgeschichte' , 'Allgemeingeschichte der römischen Antike/ Unterabteilung: Gesellschafts- und Sozialgeschichte' oder 'Etnologie/Anthropologie mit Bezug auf das Altertum' nach wie vor - natürlicherweise - unterschiedlich sind, konvergieren sie heute dennoch in manchen Bereichen in interessanter Weise, die es rechtfertigt, dort, wo es möglich ist, intensiver zu koopererieren, als es nach älteren Fachabgrenzungen sinnvoll erschien. Für den Allgemeinhistoriker etwa kann das bedeuten, sich der Arbeitsmethoden zum Beispiel der 'Digestenexegese' oder rechtlich-systematischer Grundüberlegungen oder auch ethnologischer Konzepte als fachlich-eigener ohne fachgebietlich bedingte Gewissensbisse zu bedienen, sofern er sie jedenfalls korrekt anwendet. Für die Vertreter der anderen genannten Wissenschaftsteilgebiete ergeben sich durch intensivierte Kooperation entsprechend interessante Perspektiven (4)

Die Möglichkeit einer solchen Kooperation sei im folgenden an einem Beispiel erläutert, das die Untersuchung von 'Verwandtschaftsstrukturen' im Spiegel der spätantiken römischen Reichsordnung betrifft.

Betrachtet man die Definitionen des spätantiken Codex-Rechts, welche bestimmte rechtsrelevante Begriffe der Verwandtschaftsverhältnisse juristisch klären - wie z. B. Dig. 38, 10, 4 (cognatio), Dig. 26, 4, 7 (adgnati), Dig. 38, 10, 4, 3 (adfines) oder Dig. 50, 16. 195 und 196 (familia), so ist eine sinnvolle methodische Grundvoraussetzung, die der Allgemeinhistoriker von der juristischen Digestenexegese übernehmen sollte, ein Aufriß - nicht nur des historischen, autorenbezogen-biographischen oder werkbezogen-literarischen, sondern - vor allem auch des juristischen Problemzusammenhangs, aus dem heraus sie erfolgen; denn dieser motiviert die Rechtsregel und steckt die Grenzen ab, innerhalb derer die bewußte Mitteilung erfolgt. Ausdrücklich gewollte von impliziten Aussagen eines überlieferten Textes unterscheiden zu können, ist u. U. ein wichtiges Mittel, seine Zuverlässigkeit zu beurteilen, und bewahrt auch vor einer Überforderung des Textes durch unangemessene Erwartungen und Schlußfolgerungen.

Auf einer derartigen - sich auch juristisch eindenkenden - Exegese kann dann eine weitergehende strukturgeschichtliche Analyse aufbauen.Diese setzt ihrerseits bestimmte, auch begrifflich möglichst klar vorzuformulierende Fragestellungen voraus. Das Interesse kann dabei verschiedenartigen Aspekten oder Bereichen sozialer Ordnung gelten, über die der Text explizit oder implizit Aussagen macht. Das können unter vielem anderen auch die 'Verwandtschaftsverhältnisse' sein - ein Begriff, der sinnvollerweise in gewissem Umfang zu klären ist, bevor die historische Analyse beginnt, damit der Untersuchende weiß, wonach genau er suchen soll und kann. Eine solche kommt an den Begriffsbildungen der Ethnologie und Anthropologie nicht vorbei.

Es wird dann aber öfters in fruchtbarer Weise offenbar, daß in den juristischen Texten immer in großem Umfang strukturgeschichtlich Konzepte und Aussagen mitgemeint oder vorausgesetzt zu sein pflegen. Die Rechtsregel will sie zwar nicht explizit ausdrücken, aber sie läßt sie erkennen und teilt sie objektiv mit. Nicht nur die konkrete Rechtsmitteilung, sondern gerade auch das 'sonst noch' vielfältig und implizit von ihr Mitgeteilte, ist, weil in Materialfülle vorhanden und nicht absichtsvoll gestaltet, für spätere Zeiten in besonderem Maße aufschlußreich und zuverlässig. (5) 

In welchem Maße eine einzige juristische Definition des römischen Rechts historische Mitteilungen über Verwandtschaftsordnungen ihrer Zeit - und auch ihr vorhergehender Epochen - enthalten kann und wo ihre Grenzen als historische Quelle liegen, läßt sich gut an Dig. 50, 16, 195, einem Zitat aus Ulpians Kommentar zum Praetorischen Edikt, genauer demonstrieren. Sie lautet:

"Pronuntiatio sermonis in sexu masculino ad utrumque sexum plerumque porrigitur. (1) 'Familiae' appellatio qualiter accipiatur, videamus. Et quidem varie accepta est: nam et in res et in personas deducitur. In res, ut puta in lege duodecim tahularum his verbis 'adgnatus proximus familiarn habeto'. Ad personas autem refertur familiae significatio ita, cum de patrono et liberto loquitur lex: 'ex ea familia', inquit, 'in eam familiam': et hic de singularibus personis legem loqui constat. (2) Familiae appellatio refertur et ad corporis cuiusdam significationem, quod aut iure proprio ipsorum aut communi universae cognationis continetur. lure proprio familiarn dicimus plures personas, quae sunt sub unius potestate aut natura aut iure subiectae, ut puta patrem familias, matrem familias, filium familias, filiam familias quique deinceps vicem eorum sequuntur, ut puta nepotes et neptes et deinceps. Pater autem familias appellatur, qui in domo dominium habet, recteque hoc nomine appellatur, quamvis filium non habeat; non enim solam personam eius, sed et ius demonstramus: denique et pupillum patrem familias appellamus. Et cum pater familias moritur, quotquot capita ei subiecta fuerint, singulas familias incipiunt habere; singuli enim patrum familiarum nomen subeunt. Idemque eveniet et in eo qui emancipatus est; nam et hic sui iuris effectus propriam familiam habet. Communi iure familiam dicimus omnium adgnatorum; nam etsi patre familias mortuo singuli singulas familias habent, tamen omnes, qui sub unius potestate fuerunt, recte eiusdem familiae appellabuntur, qui ex eadem domo et gente proditi sunt. (3) Servitutium quoque solemus appellare familias, ut in edicto praetoris ostendimus sub titulo de furtis, ubi praetor loquitur de familia publicanorum. Sed ibi non omnes servi, sed corpus quoddam servorum demonstratur huius rei causa paratum, hoc est vectigalis causa. Alia autem parte edicti onmes servi continentur; ut de hominibus coactis et vi bonorum raptorum, item redhibitoria, si deterior res reddatur emptoris opera aut familiae eius, et interdicto unde vi familiae appellatio omnes servos comprehendit. Sed et filii continentur. (4) Item appellatur familia plurium personarum, quae ab eiusdem ultimi qenitoris sanguine proficiscuntur (sicuti dicimus familiam luliam), quasi a fonte quodam memoriae. (5) Mulier autem familiae suae et caput et finis est."

In Übersetzung: "Der sprachliche Gebrauch des grammatischen männlichen Geschlechts bezieht sich zumeist auf die beiden natürlichen Geschlechter. (1) Wir wollen nun sehen, auf welche Weise die Benennung ,,familia" gebraucht wird. Man hat man sie ja auf verschiedene Weise gebraucht; denn sie wird sowohl auf Sachen als auch auf Personen bezogen. Auf Sachen, wie z. B. im Zwölftafelgesetz mit diesen Worten: ,,Der nächste Agnat soll den Nachlaß (familia) haben." Auf Personen wird die Bedeutung von familia dann bezogen, wenn das Gesetz von Patron und Freigelassenen spricht: "aus dieser familia in jene familia", und bekanntlich spricht das Gesetz hier von einzelnen Personen. (2) Die Bezeichnung 'familia' wird auch zur Bezeichnung einer gewissen Gemeinschaft verwendet, die entweder ihr besonderes Recht hat oder die im gemeinsamen Recht der gesamten Verwandtschaft inbegriffen ist. Familia mit besonderem Recht nennen wir mehrere Personen, die unter der Gewalt eines einzigen stehen, dem sie entweder durch die Natur oder durch das Recht unterworfen sind, wie z.B. Familienvorstand (paterfamilias), Hausmutter (mater familias), Haussohn (filius familias), Haustochter (filia familias) und die, welche sofort auf diese folgen, wie z.B. Enkel, Enkelinnen und so weiter. 'Paterfamilias' wird aber der genannt, der im Haus die Herrschaft ausübt. Er wird zu Recht mit diesem Namen bezeichnet, auch wenn er keinen Sohn hat, weil wir nicht bloß die Person, sondern auch das Rechtsverhältnis desselben meinen. Danach nennen wir auch einen Unmündigen 'paterfamilias'. Und wenn der 'paterfamilias' stirbt, dann bilden so viele Häupter, wie ihm unterworfen waren, ebenso viele einzelne Familien; denn jeder einzelne nimmt den Namen 'paterfamilias' an. Und dasselbe trifft auch auf denjenigen zu, der aus der väterlichen Gewalt entlassen wurde. Denn auch dieser bildet, da er nunmehr rechtlich selbständig ist, eine besondere 'familia'. 'Familia' mit gemeinsamem Recht nennen wir alle Agnaten; denn wenn auch nach dem Tode des 'paterfamilias' jeder einzelne eine besondere Familie bildet, so werden doch alle, die unter der Gewalt eines einzigen gewesen sind, mit Recht Glieder derselben Familie genannt, weil sie aus demselben Haus und aus derselben 'gens' hervorgegangen sind. (3) Auch die Gesamtheit der [scil. einem Herrn gehörenden] Sklaven pflegen wir 'familia' zu nennen, wie wir [scil. in unserem Kommentar] zum Praetorischen Edikt unter dem Titel 'Über den Diebstahl' ausgeführt haben, wo der Praetor von einer 'familia' der Steuerpächter redet. Aber an dieser Stelle sind wiederum nicht alle Sklaven überhaupt [scil. eines Herrn] gemeint, sondern nur ein bestimmter Teil von ihnen, jener nämlich, der bei der Steuererhebung eingesetzt wird. An anderer Stelle des Edikts allerdings geht es generell um alle Sklaven [scil. eines Herrn]; so sind bei den Poenalklagen wegen unzulässiger Gewaltanwendung gegenüber Personen oder wegen räuberischer Fortnahme von Sachen oder bei der Wandelungsklage des Kaufrechts, wenn die Kaufsache wegen ihrer Behandlung durch den Käufer oder seine 'familia' in schlechterem Zustand zurückgegeben wird [scil. als sie ausgehändigt wurde], und auch im Interdikt gegen gewaltsame Besitzentziehung immer sämtliche Sklaven [scil. eines Herrn] gemeint. Sogar die Sklavenkinder sind dann einbegriffen. (4) Ferner wird unter 'familia' die Gesamtheit mehrerer Personen verstanden, die von einem und demselben Ahnherren, wie von einer Quelle, an der die Erinnerung beginnt, blutsmäßig abstammen (in dem Sinne, wie wir von einer 'familia Iulia' sprechen).(5) Eine Frau ist aber [scil. wenn die Konstellation ihrer Emanzipation eintritt] sowohl Oberhaupt und Anfang als auch das Ende ihrer eigenen 'familia'." (6)

Bei der Bestandsaufnahme der Begriffsabgrenzungen ist zunächst festzustellen, daß die zitierte 'lex' auch andere Klarstellungen enthält als die über die 'familia', nämlich die Auslegungsregel für den Fall einer 'pronuntiatio sermonis in sexu masculino'.(7)

Ferner ist mit dem römischen Begriff 'familia' offensichtlich mehr gemeint, als der Begriff 'Familie' in unserem heutigen - auf generative, adoptions- oder hochzeitsbedingte Nahverhältnisse konzentrierten - Sinne meint ; auch Aspekte der Vermögens- und Erbordnung, solche der Sklaverei, des Straf- und Zivilprozesses und sogar solche der Steuereintreibung berührt der antike Begriff. Diese Zusammenhänge könnten aber dennoch, zumindest in irgendeiner Weise indirekt, für die Struktur einer - in einem anthroplogisch-ethnologischen Sinne verstandenen - Verwandtschaftsordnung aufschlußreich sein und sind deshalb auf keinen Fall von vornherein aus einer Textuntersuchung als unwesentlich auszuschließen, wie es etwa dann geschieht wenn die Textstelle nicht vollständig präsentiert wird, sondern nur 'auszugsweise'. Jedenfalls muß stets der gesamte Quellentextinhalt auf seinen Zusammenhang mit dem Thema untersucht werden. (8)

Dies vorab bedacht, lassen sich vier i. e. S. verwandtschaftsbezogenen Bedeutungsvarianten des Begriffs 'famila' unterschieden:

'Familia' kann ferner soviel wie 'Vermögen' oder 'Erbgut' bedeuten. Diese auf ein 'Familienvermögen' - und im Todesfall des 'pater familas' auf die von ihm hinterlassene 'hereditas' - bezogene Bedeutung von 'familia' besteht darin, daß sie die Rechtsmacht des Inhabers der 'patria potestas' über eine Gesamtheit von rechtlichen Gegenständen betrifft, deren Zweckbestimmung vor allem in der Versorgung der Hausverwandtschaft besteht; die 'familia' ist deshalb auch das originär für die Hausverwandtschaft bestimmte Erbvermögen (auch wenn durch die Testierfreiheit dieser Aspekt in den Hintergrund treten kann). Eine Vermögens-'familia' kann auch von einem Minderjährigen oder einer Frau innegehabt werden; sie können zwar nicht wirklich ('persona') 'pater familias' sein, aber rechtlich ('iure') dennoch als 'capita' einer 'familia' fungieren. Das 'familia'-Vermögen eines 'pater familias' ist also nicht nur für seine Sklaven, sondern generell für seine Hausverwandtschaft ein verbindendes Moment, für die Hausverwandtschaft insofern, als alle ihre Angehörigen daran teilhaben, zu Lebzeiten zwar prinzipiell nur aufgrund seiner Verfügung oder mit seinem Einverständnis, nach seinem Tode aber als Erben im Rahmen zumindest der gesetzlichen Erbfolge.

Im sachlichen Mittelpunkt der verschiedenen 'familia'-Definitionen steht die 'familia proprio iure', also die Hausverwandtschaft im Sinne von 1). Alle anderen Definitionen lehnen sich an sie an. Über ihre Struktur läßt sich aus dem vorliegenden Text folgendes entnehmen, daß die Einordnung in sie aufgrund zweier verschiedenartiger Momente erfolgt, nämlich

Bei den natürlichen und legitimen Kindern und Kindeskindern sind beide Momente am engsten miteinander verbunden.

Aber auch bei der Eheschließung und bei der Adoption - als auf Willensakt beruhenden Familieneintritten - spielt sowohl das Moment der Herstellung einer abstammungsanalogen persönlichen Nähe als auch das der Vermögenseinordnung und der Unterordnung unter eine 'patria potestas' eine Rolle. Das gilt selbst für die 'manusfreie' Ehe, bei der die Frau zwar nicht einer eheherrlichen Gewalt ihres Ehemanns i. S. der der 'patria potetstas' entsprechenden 'manus' zugeordnet und mit ihrem eingebrachten Vermögen formell nicht seiner Vermögens-'familia' eingeordnet wird. Der Mann hat aber auch dann seiner Ehefrau gegenüber Bestimmungs-, Vermögensverwaltungs- und rechtsgeschäftliche Vertretungsrechte, die der Position eines 'pater familas' - bis auf bestimmte wichtige ehegüterrechtliche Verfügungsbeschränkungen - dennoch weitgehend entsprechen.

Schließlich ist die Verbindung von Vermögenseinordnung und - analog angewandten - Aspekten verwandtschaftlicher Nähe sogar, wie erwähnt, sogar für die Sklaven-'familia' von Belang. (9)

Die 'familia communi iure' ist nichts weiter als die 'famila proprio iure' nach dem Tode des 'pater familias', wobei deren auf Agnation beruhende, zivilrechtlich bedeutsame Einheit gerade dann in der Verteilung des Erbes hervortritt.

Diese 'familia'-Kategorie ist - das sei zu ihrer Klarstellung ausdrücklich hervorgehoben - nicht mit dem weiter gefaßten, die Agnationsverwandtschaft zwar einbegreifenden, aber weit über sie hinausreichenden Begriff der 'cognatio' zu verwechseln, mit dem sich andere familien- und erbrechtliche Rechtsfolgen verbinden als mit dem der 'agnatio' (Dig. 38, 10, 4, 1 f: "Cognati ab eo dici putantur, quod quasi una communiterve nati vel ab eodem orti progenitive sunt. Cognationis substantia bifariam apud Romanos intellegitur; nam quaedam cognationes iure civili, quaedam naturali connectuntur, nonnumquam utroque iure concurrente et naturali et civili copulatur cognatio. et quidem naturalis cognatio per se sine civili cognatione intellegitur, quae per feminas descendit, quae volgo liberos peperit. civilis autem per se, quae etiam legitima dicitur, sine iure naturali cognatio consistit per adoptionem, utroque iure consistit cognatio, cum iustis nuptiis copulatur. Sed naturalis quidem cognatio licet ipsa quoque per se plenissime hoc nomine vocetur, proprie tamen adgnatio vocatur, videlicet quae per mares contingit" - Übersetzung: "Es ist anzunehmen, daß die Bezeichnung 'cognati' [übers. 'zusammen oder gemeinsam Geborene'] daher kommt, daß die damit Bezeichneten gewissermaßen als Einheit oder Gemeinschaft geboren oder auch aus demselben Ursprung gezeugt und hervorgegangen sind. Bei den Römern gibt es zwei Bedeutngevarianten dieses Begriffs; denn es gibt eimal die Kognations-Verhältnisse nach Civilrecht [d. h. nach römischem 'ius civile'], zum andern solche nach Naturrecht [d. h. nach 'ius naturale' im römisch-rechtlichen Sinne]. Manchmal konkurrieren in einem Kognationsverhältnis civil- und naturrechtliche Elemente. Es gibt auch ein rein naturrechtliches Kognations-Verhältnis, etwa zwischen einer Frau und ihrem unehelich geborenen Kind. Es gibt ferner ein rein civilrechtliches Kognationsverhältnis - es wird auch 'Kognation aufgrund Gesetzes' genannt -, bei dem keine natürliche Verwandtschaft besteht, etwa bei der Adoption. Kognationsverwandtschaft sowohl im natur- als auch im cicilrechtlichen Sinne entsteht aus einer rechtmäßig geschlossene Ehe. Obwohl nun die Kognations-Verwandtschaft aufgrund natürlichen Rechts im Vollsinne ihrer Wortbedeutung so genannt wird, so gilt doch nach civilrechtlichen Maßstäben als wesentliche Form der Verwandtschaft die Agnations-Verwandtschaft [übers.: 'die in Zuordnung Geborenen'), insofern als sie die Männer [scil. einer Kognations-Filiation] in besonderer Weise miteinander verbindet").

Wichtig an dem Begriff der 'famila communi iure' ist vielmehr der Aspekt der Emanzipation. Spätestens beim Tode eines väterlichen Potestas-Inhabers kommt es zur Emanzipation der bisher seiner 'patria potestas' Unterstellten einschließlich der unverheirateten Töchter und zu einer 'Quasi-Emanzipation' seiner Ehefrau im Hinblick auf die bisher bestehenden ehemännlichen Rechte. Eine Emanzipation kann zwar auch zu Lebzeiten des 'pater familias' geschehen, sowohl anläßlich der Eheschließung eines Sohnes als auch aus anderen von der Obrigkeit zu genehmigenden Gründen. Daß aber erwachsene Menschen im gesetzlich vorausgesetzten Regelfall erst mit dem Tode des ihnen formell übergeordneten familiären Gewalthabers 'statusfrei' werden, zeigt, wie selbstverständlich - und offenbar auch problemlos - vater-orientiert die Struktur der römisch-rechtlich geordneten Familienverwandtschaft von den frühen bekannten Rechtszuständen in Rom an bis hin zur Spätantike ist. Dabei darf aber ein wichtiger, auf die öffentliche Ordnung bezogener funktioneller Grund dieser Regelung nicht vergessen werden, nämlich daß die freie Verfügung über ein Vermögen nach römischer Rechtsvorstellung ein sozial hervorgehobener Status sein soll, an dessen beschränkter Zuweisung an einen überschaubaren Kreis wirklich eigenverantwortlich Handelnder auch ein öffentliches Interesse besteht. (10)

Die 'gentile familia', also die 'gens', hat als eine besondere Kategorie des im öffentlichen Raum wirksamen Verwandtschaftverbandes in Rom ihre besondere Bedeutung und Entwicklungsgeschichte gehabt; der deutschprachige Begriff 'Sippenverwandtschaft' erfaßt die Bedeutungsspekte der 'gens' daher nur teilweise. Daß die 'gens' als 'familia' aufgefaßt wird, weist zumindest darauf hin, daß die hausfamiliären Strukturen - der Potestas-Aspekt und die agnatisch selektierte generative Tradition - auch für die Ordnung des öffentlichen Raumes Bedeutung gehabt haben müssen, selbst wenn dieser auf Dauer seine eigenen - politischen - Strukturprinzipien entwickelte. Die gentil-familiären Prägewirkungen dürfen zum Beispiel in den Standestraditionen Roms ebenso vermutet werden wie in gewissen Aspekten seiner Ämterstruktur. (11)

Strukturgeschichtlich aufschlußreich ist schließlich auch der Begriff der 'Sklaven-familia'. Er muß aus etymologischen Gründen als von Anfang an in starkem Maße mitprägend für die Bildung des Familienbegriffs angesehen werden; denn der Wortstamm '-famul- ' bezeichnet ursprünglich nicht eigentlich irgendeinen Typus von Generativ-Verwandten, sondern primär einen 'Diener' oder aber neutral einen 'Hausgenossen'. Alle Hausgenossen sind also wegen ihrer Hausgenossenschaft auf irgendeine, wenn ggf. auch noch so marginale Weise in die 'familiären' Beziehungen im engeren Sinne miteinbezogen. Es zeigt sich hier andeutungsweise an einem Basisbegriff der römischen Verwandtschaftsordnung, wie nicht nur generative Verbindungen und die Vermögenszuordnung von Personen, sondern - als drittes Moment - prinzipiell auch die häuslich-räumliche Nähe und langwährende persönliche Dienstverhältnisse verwandtschaftsartige oder -analoge Bindungen zu erzeugen vermögen. (12)

Ferner ist ein in der Textstelle angesprochener Nebenaspekt der 'Sklaven-familia' für die öffentlich-rechtliche Sphäre von Bedeutung, nämlich die Form einer 'familia' von Bediensteten, die für Zwecke der staatlichen Steuererhebung eingesetzt wird. Der Inhaber eines Steuerpachtrechts ('publicanus') übernimmt zwar formell als Privatmann aufgrund eines formell privatrechtlichen Vertragserhältnisses mit dem Fiskus für einen abgegrenzten Bereich eine Aufgabe und setzt zu deren Erfüllung eine Gruppe von Sklaven ein, die 'familia' genannt wird. Bei der übernommenen Aufgabe handelt es aber um eine öffentliche, ja eine hoheitliche, nämlich die der Steuererhebung.

Das generelle Modell, das dahintersteht, ist der Einsatz von Sklaven - aber auch der von freigelassenen und originär freien, dienstvertraglich verpflichteten Mitarbeitern - für 'operae' im Rahmen der Erfüllung öffentlicher Aufgaben, in Form einer 'familia' (Dig. 39, 4, 1, 5: - Ulpian: "Familiae nomen hic non tantum ad servos publicanorum referemus, verum...sive liberi sint, sive servi ..., qui publicanis in eo vectigali ministrant, hoc edicto continebuntur"). Die Gesamtheit der weisungsabhängigen subalternen Mitarbeiter und Sklaven - also solcher Befehlsempfänger, die nicht einen eigenen beamtenrechtlichen Status im Rahmen der römischen Ämterverfassung zugewiesen erhalten haben - kann im römischen Recht generell 'familia' (CIL 6, 479; 14, 32; Paul., sent. 5, 1, 3; Cod. Theod. 7, 4, 17) oder auch 'domestici' genannt werden (Cod. Iust. 1, 32, 3; 1, 51; Amm 15, 6, 1). Auch bestimmte Einheiten (von Rekruten) beim Militär werden 'familia' genannt (Cod. Theod. 10, 1, 17). (13)

Fassen wir diese Beobachtungen mittels einer modernen ethnologisch-anthropologischen Verwandtschaftsterminologie zusammen, wie sie uns etwa in den grundlegenden Untersuchungen des Ethnologen George P. Murdock zur Verfügung gestellt worden ist (14), so können wir - nur aufgrund einer genaueren Analyse der Rechtsquelle Dig. 50, 195, 16 - folgendes feststellen:

Wir haben damit - also durch Analyse eines einzigen Rechtsquellenzitats - eine relativ zuverlässige, zwar in eine etwas abstrakte, aber dafür auch für interkulturelle und eopchenübergreifende Vergleichszwecke angemessen differenzierende Begrifflichkeit gefaßte Form der Charakterisierung der Familienverhältnisse gewonnen, wie sie nach dem römischen Recht der Spätantike nicht nur gewollt, sondern auch als weithin tatsächlich vorhanden vorauszusetzen sind. Diese Beschreibung hat darüber hinaus auch für frühere Epochen der römischen Gesellschaftsgeschichte Bedeutung; denn ihre Grundlage ist ja ein Zitat des dem 2./3. Jht. n. Chr. angehörenden Juristen Ulpian. (15)

Auf der Basis solcher Feststellungen lassen sich nicht nur einige hin und wieder vertretene, zu stark verallgemeinernde oder begrifflich unklare Annahmen, etwa über einen 'Patriarchat' als tragendes Prinzip römischer Gesellschaftsordnung oder über eine 'reine Sachqualität' des Sklaven, quellenbasiert entzerren und zu einem genaueren Bild fortentwickeln. Auch interessante neue Fragestellungen sind möglich, z. B. nach der Prägewirkung verwandtschaftlicher Strukturen für den Aufbau öffentlicher Ämter oder nach den Konturen und der funktionellen Bedeutung einer 'Inzesttabu-Verwandtschaft' im Gefüge der Sexualsittlichkeit und generell der sozialen Nahbeziehungen unter römischen Verhältnissen oder nach den verwandtschaftlichen Aspekten der Sklaverei und des libertinen Klientenstatus im familiären Verwandtschaftsgefüge. Auch für die Rezeptionsgeschichte der antiken Lebensordnungen und 'Mentalitäten' im späteren Europa bietet die Erkundung der spätantiken Rechtsquellen, hier des Familien- und Erbrechts, einen heute noch weithin unbeachteten Bereich. (16)

In der hier untersuchten Ulpian-Stelle sind sicherlich einige wichtige Aspekte der römisch-rechtlichen Verwandtschaftsverhältnisse nicht angesprochen. Nichts Genaueres erfahren wir hier etwa über

Dies erklärt sich daraus, daß die Stelle einen bestimmten, im prätorischen Edikt und im 12-Tafel-Gesetz an verschiedenen Stellen vorkommenden Terminus nach seinen jeweiligen dortigen Bedeutungen erklären will, d.h. keine systematische, sondern lediglich eine additive Begriffserklärung enthält. Sie soll zum Verständnis konkreter Rechtsinstitute beitragen wie z.B. der Wandelungsklage des Kaufrechts ('actio redhibitoria'), der Strafklage wegen Landzwang ('homines coacti') und des Interdikts wegen verbotener gewaltsamer Besitzentziehung ('interdictum unde vi'), in denen überall der Terminus 'familia' eine Rolle spielt, nicht aber - natürlich - zu einer sozialstrukturgeschichtlichen Theorie über römische Verwandtschaftsverhältnisse.

Aber auch für die über die hier erörterte Rechtsquelle nicht beantwortbaren Fragen gibt es eine Fülle von Rechtsquellenmaterial, nicht nur in Gestalt der oben erwähnten Definitionen. Allein die Digesten enthalten in 15 von insgesamt 50 Büchern familien- und erbrechtliche Materie.

Ein Einwand pflegt an dieser Stelle eines Plädoyers für eine systematisch-allgemeingeschichtliche Nutzung der römischen Rechtsquellen gemacht zu werden: man wisse, wenn man das Recht kenne, noch nichts über die ihm gegenüberstehende oder es tragende 'soziale Wirklichkeit'. Soweit es sich bei dem mit 'soziale Wirklichkeit' Gemeinten um Normen aus sittlichen oder rechtlichen Überzeugungen handelt, die mit dem offiziell in Geltung befindlichen - hier römischen - Recht nicht übereinstimmen, z. B. um Normen über die Vielehe, so trifft das gewiß zu. Ebenso sagen natürlich Rechtsnormen direkt nichts über ihre wirkliche Einhaltung und Durchsetzbarkeit in den Populationen aus, für die sie in Geltung gesetzt wurden.

Dennoch wird auch hier die Aussagekraft der Rechtsquellen hin und wieder zu schlecht eingeschätzt. Jede Regelung entscheidet nicht nur für, sondern auch gegen etwas. Was durch die Regelung vermieden oder verboten werden soll, ist in den Rechtsregeln des öfteren sogar direkt angesprochen, ob es sich nun um obsolete oder nicht-akzeptierte fremde Rechtskonzepte und -gewohnheiten oder schlicht um Unordnungs- und Mißbrauchszustände handelt. So wird etwa in Nov. Just. 21 für den römischen Bereich die armenische Gewohnheit des 'Frauenkaufs' verboten; d. h. es gibt einen solchen Brauch auf römischem Territorium. Oder Dig. 23, 2, 21 stellt klar, daß es verboten ist, Kinder zu einer Eheschließung zu zwingen. Auch hier läßt sich auf entsprechende Gewohnheiten zurückschließen. Mit solchen Hinweisen sind die 'leges' auch dann eine allgemeingeschichtlich wertvolle Quelle, wenn sie den genannten Zuständen gerade entgegentreten wollen.


ANMERKUNGEN

1) Rudolf Sohm schreibt in seinem seinerzeit weithin verwendeten Lehrbuch der römischen Rechtsgeschichte (Institutionen des römischen Rechts, Leipzig 1908 13 , S. 13: "Die römische Rechtsgeschichte pflegte bisher [scil. im deutschen Studienbetrieb vor Inkrafttreten des BGB] mit der großen Kodifikation Justinians, dem Corpus Juris civilis, abzuschließen. Die "Geschichte" des römischen Rechts wird fortan darüber hinauszugehen haben. Sie wird (was bisher den "Pandekten" [d. h. dem Lehrgebiet vom 'gemeinen', in Deutschland bis zum Inkrafttreten des BGB subsidiär angewandten Römischen Recht] überlassen zu werden pflegte) auch die Schicksale des Corpus juris von seiner Abfassung bis zur Gegenwart in den Bereich ihrer Darstellung ziehen. Sie wird die Rolle klar zu machen haben, welche das Corpus juris für die ganze nachfolgende Entwicklung gespielt hat. Aus der "Geschichte" des römischen Rechts muß der Wert des Corpus juris auch für die Gegenwart hervorgehen". Die gegenwartsbezogene Zweckbestimmung des wissenschaftlichen Teilgebiets 'Römische Rechtsgeschichte' ist hier im Sperrdruck beispielhaft deutlich ausgesprochen. Bemerkenswert ist ferner die fachdisziplinäre 'reservatio mentalis', die in der mehrmaligen Apostrophierung des Begriffs 'Geschichte' ihren Ausdruck findet. Zu Theodor Mommsen: siehe Anm. 4).

2) Das Begriffspaar 'nomothetisch- idiographisch', das von dem Philosophen Heinrich Rickert (Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Leipzig 1902) um die Jahrhundertwende als Klassifikationsinstrument für die Einteilung der Wissenschaften eingeführt und begründet wurde, bringt den Grundsatzstreit über die spezifischen Aufgaben und Methoden geisteswissenschaftlicher, individuell-konkreten Sinnzusammenhängen und Geschehnissen zugewandter Wissenschaftsgruppen und ihren Eigenwert gegenüber einer 'naturwissenschaftlichen' Denkweise, auch in den auf Mensch und Kultur bezogenen damals 'neuen' Disziplinen - wie z. B. Wirtschaftswissenschaften oder Soziologie - , auf einen begrifflichen Nenner. Die Rickertsche Begriffsbildung und der in ihr fortwirkende ideelle Grundsatzstreit beeinflussen noch heute zumindest in Deutschland und öfters wohl als eine Art vorwissenschaftlicher Topos- anders als etwa in angelsächsischen Ländern, die insoweit eine andere Wissenschaftsentwicklung erfuhren - das Selbstverständnis auch der Geschichtswissenschaft.

3) Schon in der Zeit Rudolf Sohms und vor ihm im 19. Jahrhundert gilt es als eine legitime Randaufgabe der jursiprudentiellen Rechtsgeschichte, auch historische Rechtsentwicklungen als solche, d. h. ohne unmittelbaren Bezug zur Gegenwart, zu erforschen; im Zitat aus Sohms Werk - s. o. 1) - findet sich dies darin abgedeutet, daß er Römische Rechtsgeschichte "auch" im Hinblick auf die Gegenwart betrieben wissen will. Allerdings sind ursprünglich juristische Wissenschaftler wie Theodor Mommsen oder Max Weber in der Jurisprudenz damals eher Randfiguren geblieben und haben sich aus ihr heraus in andere wissenschaftliche Disziplinen fortbewegt, und Aufgaben der historischen Rechtsanalyse für das Altertum, die außerhalb der Römischen Rechtsgeschichte lagen, blieben Orientalisten oder Althistorikern wie etwa Ulrich Wilcken überlassen - Zur exemplarischen Verdeutlichung des bis heute eingetretenen Wandels sei demgegenüber nicht nur auf so grenzüberschreitende Fachvertreter der Römischen Rechts - schon in früheren Jahrzehnten - wie Leopold Wenger, Paul Koschaker oder Franz Wieacker hingewiesen, sondern auch auf so etwas Charakteristisches wie die Zweckbestimmung einer 'Wissenschaftlichen Einrichtung' an der Juristischen Fakultät der Freien Universität Berlin, welche die Teilgebiete 'Römische Rechtsgeschichte', 'Deutsche Rechtsgeschichte', 'Rechtsphilosophie', 'Rechtstheorie', 'Rechtssoziologie' und 'Rechtstatsachenforschung' unter dem Oberbegriff 'Grundlagen und Grenzgebiete des Rechts' zusammenfaßt.

4) Theodor Mommsen, der diese Methode ständig und mit großem wissenschaftlichen Erfolg anwendetete, sah sich zu seiner Zeit im Hinblick auf sein 'Römisches Staatsrecht' noch genötigt, etwa im Hinblick auf die Staatsform der Spätantike, die in seiner Darstellung des 'Römischen Staatsrechts' keine rechtlich-systematische Berücksichtigung fand, festzustellen: " Die allmähliche Aufkündigung des Compromisses, auf dem die augustische Dyarchie beruht, ... in ihrem vollen Umfang und mit all ihren Krisen und Kämpfen darzustellen, bleibt billig dem Historiker vorbehalten" (Römisches Staatsrecht, 2. Bd., S.109 f.). Eine solche strikte Respektierung einer Komptenzaufteilung zwischen Allgemeinhistorie und Rechtshistorie erscheint heute unnötig; Mommsens 'Römisches Staatsrecht' gilt - trotz Widerspruchs gegen seine Verfahrensweise, etwa bei J. Bleicken (Lex publica. Gesetz und Recht in der römischen Republik, Berlin 1975, S. 16 - 51: 'Kritik der Staatsrechtslehre Theodor Mommsens') in vollem Umfang als althistorisch-wissenschaftliches und nicht primär als rechtswissenschaftlich-rechtshistorisches Werk.

5) Seit jeher werden in der althistorischen Geschichtswissenschaft auch die spätantiken Rechtsquellen für Zwecke etwa einer 'pragmatischen' Geschichtsschreibung gründlich ausgewertet; exemplarisch sei dafür das Werk von O. Seeck, Regesten der Kaiser und Päpste für die Jahre 311 - 476 n. Chr (Stuttgart 1919) erwähnt, das die Orts- und Datumsangaben der in den Codices zusammengefaßten Gesetzespromulgationen systematisch ausschöpft. Hier ist jedoch etwas anderes gemeint, nämlich die gründliche Berücksichtigung des 'inneren' Systemzusammenhangs der Rechtsnormen zu dem Zweck, von ihm aus auf soziale Strukturen zurückzuschließen, also nicht auf Ereignisse oder Ereignisfolgen, sondern auf komplexe normative Zusammenhänge sozialen Lebens, denen die gesetzlichen Regelungen gelten.

6) Zum römisch-rechtlichen Begriff der 'familia' und seiner Entwicklung zusammenfassend: M. Kaser, Das römische Privatrecht, 1. Abschnitt (Das altrömische, das vorklassische und das klassische Recht), München 1971 2 , S. 50 ff. und 268 ff., 2. Abschnitt (Die nachklassischen Entwicklungen), München 1975 2 , S. 109 ff.

7) Diese Regel steht nur hier, weil sie von Ulpian stammt und in den größeren Zusammenhang Dig. 50, 16, tit. de verborum significatione gehört, wo zusammenfassend 264 umgangssprachliche Redewendungen eine Klarstellung für den juristischen Sprachgebrauch erfahren. Sie bringt lediglich zum Ausdruck, daß sich ein im grammatisch männlichen Geschlecht gefaßtes Wort im gesetzlichen Sprachgebrauch zumeist auf beide natürliche Geschlechter bezieht. Mit den nachfolgenden Klarstellungen zum Begriff der 'familia' hängt sie logisch nicht zusammen.

8) Beispielsweise ist in einer Übersetzung wie Liselot Huchthausen (Hg.), Römisches Recht in einem Band, Berlin 1991, S. 286 die Passage über die 'Sklaven-famila' und die 'familia publicanorum' stark gekürzt. Für eine strukturgeschichtliche Untersuchung des 'familia'-Begriffs ist aber gerade auch dieser weggelassene Teil von großem Interesse, weil er eine analoge Verwendung des 'familia'-Musters außerhalb des engeren privaten und hausverwandtschaftlichen Bereichs verdeutlicht.

9) Zur 'familia proprio iure', zur 'patria potestas' und zuzr 'agnatio': Kaser, Römisches Privatrecht I, S. 341 ff. Die Bedeutung der personalen Zuordnung zu einem 'Vermögen' als für den Familienverband verwandtschaftskonstituierenden oder -konturierenden Moments neben der biologischen Abstammung enstpricht der allgemeinen Unterscheidung der Anthropologie und Ethnologie zwischen klassifikatorischen und abstammungsbedingten Verwandtschaftsformen, die in den einzelnen Kulturen auf sehr unterschiedliche Weise hervortritt; siehe F. R. Vivelo, Handbuch der Kulturanthropologie. Eine grundlegende Einführung , dt.Übersetzung, Stuttgart 1981, S. 222 ff. 'Verwandtschaft' ist eben nicht etwas 'rein Biologisches', sondern eine sich aus archaischen , d. h. sehr alten Traditionen sozialen Lebens herleitende Organisationsform sozialer Nahverhältnisse. Insoweit ist sie auch von originärem Interesse für die Geschichtswissenschaft.

10) Zur 'familia communi iure' und zur Erbengemeinschaft im Falle des Todes des 'pater familias': Kaser, Römisches Privatrecht I, S. 672 ff; zum Begriff der 'cognatio': S. 350 f.

11) Zum Verhältnius von 'familia' und 'gens': Kaser, Römisches Privatrecht I, S. 50 ff.

12) Zur 'familia servorum' im Zusammenhang der Deliktsklagen des praetorischen Edikts: Kaser, Römisches Privatrecht, S. 619. Zur Etymologie von 'familia': A. Walde, B. Hoffmann, Lateinisches etymologisches Wörterbuch, 3 Bde., Heidelberg 1972, Bd. 1, S. 452 f; Festus P. 77 (famuli).

13) Zur Organisation des subalternen Verwaltungsdienstes in Rom: T. Mommsen, Römisches Staatsrecht, Bd. 1 (1871), ND Tübingen 1862, S. 320 ff. Der familia-Begriff bezieht sich nach Mommsen primär auf die Staatssklaven, bezieht aber auch die Freigelassenen ein, für die nur eine dienstvertragliche Stellung statusangemessen sein kann (S. 325) Mit freien Subalternbediensteten werden die Sklaven unter dem Oberbegriff 'minsterium' zusammengefaßt (S. 341; Hinweise auf Tac. ann. 13, 27; Plin., ad Trai. 32). Mommsen wendet der quellenmäßig belegten Anwendung des familia-Begriffs auf ganze Arbeitsstäbe römischer Magistrate, speziell der Provinzialstatthalter, soweit ersichtlich, keine besondere Bedeutung zu. Auch eine Untersuchung wie die von P. R. C. Weaver, Familia Caesaris, Cambrdige 1972, interessiert sich an den dafür in Frage kommenden Stellen (z. B. S. 42 ff.) nicht für die Überschneidungen zwischen originär freien und servilen bzw. freigelasenen Subalternbediensteten des Kaisers. So müssen eben einstweilen die Quellen für sich sprechen.

14) George P. Murdock, Social Structure, New York 1949, S. 91 ff. (Verwandtschaftsterminologie) Murdock hat seine Terminologie aufgrund einer weltweit ausgreifenden, interkulturell vergleichenden Untersuchung aller ihm und seinem Arbeitsstab in mehrjähriger Forschungsarbeit bekannt gewordenen Verwandtschaftssysteme entwickelt und damit Maßstäbe auch für den heutigen anthropologisch-ethnolgischen Begriffsgebrauch gesetzt; siehe auch F. R. Vivelo, wie Anm. 9, S. 212 ff. u.a.O.. Es ist daher gerechtfertigt, diese Begrifflichkeit auch der hier vorgenommenen Klassifikation der römisch-rechtlichen Verwandtschaftsmuster zugrundezulegen.

15) Der Schluß auf die 'soziale Wirklichkeit' geht davon aus, daß es sich beim justinianischen Codex-Recht prinzipiell - und insbesondere etwa in den familien- und erbrechtlichen Materien - um ein praxisnahes, zur Regelung der sozialen Wirklichkeit bestimmtes Alltagsrecht handelt. Eine Begründung dafür ist an dieser Stelle nicht möglich. Sie setzt eine Würdigung des gesamten Codex-Werkes voraus. Für den rechtspraktischen Wert der justinianischen Regelungen spricht jedenfalls ihre später im Rahmen der europäischen Rezeption des römischen Rechts erkennbare juristische Wertsschätzung. - Größere Textveränderungen sind im Rahmen der justinianischen Redaktion an dem Ulpian-Zitat wahrscheinlich nicht vorgenommen worden. Vgl. Kaser, Römisches Privatrecht I, S. 50, der es seiner Erörterung der klassischen Epoche der römischen Jurisprudenz ohne Modifikation zugrundelegt. - Zur Epoche Ulpians: W. Kunkel, Herkunft und soziale Stellung römischer Juristen, Graz, Wien, Köln 1967, S. 245 ff., 334 ff.

16) An dieser Stelle ist eine eingehendere Auseinandersetzung mit gesellschaftsklassifizierenden Konzepten, etwa eines 'Patriarchats' (wie es etwa von E. Bornemann, Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft unseres Gesellschaftssystems, Frankfurt 1979, S. 347 ff. verwendet wird) oder einer 'Sklavenhaltergesellschaft' (wie es etwa von F. Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates [1884], in: K. Marx., F. Engels, Ausgewählte Schriften, Bd. 2, Berlin 1963, S. 299 ff. verwendet wird), sofern sie auf die römische Antike Anwendung finden, weder möglich noch nötig. Es soll nur darauf hingewiesen werden, daß durch derart großräumig konzipierte Begriffe der Erkenntnisgewinn, den die Quellen bereit halten, zumindest verloren gehen kann. Das gilt sogar schon für die Anwendung von solchen Begriffen wie 'Kleinfamilie' auf die 'familia proprio iure' oder 'Großfamilie' auf die 'familia communi iure', wie sie sogar Kaser, Römische Rechtsgeschichte I, S. 50, Anm. 3 und 4, wenn auch apostrophierend, vornimmt. 


An allen in dieser Abteilung SCRIPTORIUM präsentierten Skripten und Beiträgen behalten sich deren Autoren grundsätzlich ihr Urheberrecht vor. Dazu bitte ich, die Erläuterungen "ZUM ZWECK DES PROJEKTS" zu beachten. Christian Gizewski (christian.gizewski@tu-berlin.de).