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'Der Körper' eines republikanisch verkleideten monarchischen Gewalthabers.

Zu: Jan Bernhard Meister, Der Körper des Prinzeps. Zur Problematik eines monarchischen Körpers ohne Monarchie, Franz-Steiner Verlag Stuttgart 2012, Historia (Zeitschrift für Alte Geschichte) Einzelschriften (hg. von Kai Brodersen, Erfurt, Mortimer Chambers, Los Angeles, Martin Jähne, Dresden, Francois Paschoud, Genf, Aloys Winterling Berlin) Nr. 223, 327 Seiten.

Stand: 15. März 2013.


'Der Körper' von Gewalthabern bietet sich immer wieder als Thema historischen Nachdenkens an, und zwar - dies ist die Meinung des Rezensenten -, weil er schon immer den leichtesten Zugang zu ihrer Beseitigung bot.

Dauerdiktatoren sorgen sich in realistischer Besorgnis um ihr Leben und suchen es mit allen Mitteln gegen eine 'körperliche Absetzung' zu sichern. Das macht gewöhnlich einen großen Herrschaftssicherungsapparat erforderlich, aber auch einen großen, öffentlichen, ideologisch verbrämten Aufwand für ihre politische 'Selbstdarstellung'. So ließ etwa Stalin, um ein Beispiel aus der Neuzeit-Geschichte zu erwähnen, ein den öffentlichen Raum füllendes Propaganda-System ihn selbst betreffenden Personenkults entstehen, das ihn, der mit seinen vielen tatsächlichen oder vermeintlichen Feinden auf dem Erschießungswege zu verkehren pflegte, vor der berechtigten Rache der Überlebenden unter seinen Opfern schützen sollte.

Von ähnlicher Struktur - so meint der Rezensent - ist die Selbstdarstellung von Dauerdiktatoren in der Römischen Geschichte, welche, ob noch zur Zeit der Republik oder in der Kaiserzeit, stets um ihr Leben zu fürchten hatten. Auch alle römischen Kaiser waren ja íhrer politischen Funktion nach 'dictatores perpetui', öfters wohl ohne ausreichendes Bewußtsein von dem grundsätzlichen politischen Legitimationsproblem, das darin lag.

Sie befanden sich damit - wie schon die leicht organisierbare Tötung Caesars im Jahre 44 v. Chr. zeigte - , in ständiger Lebensgefahr, vor allem dann, wenn sie ihre faktische Machtfülle 'allzu selbstbewußt' 'auslebten' und sich nicht wenigstens äußerlich bescheiden und bürgerfreundlich zu geben verstanden. Die Tradition der Attentate gegen Tyrannen war fest mit dem Selbstbewußtsein eines politisch freien Gemeinwesens auch in der auf Caesar folgenden römischen Kaiserzeit verbunden. Sie hing auch mit dem präventiven Terror zusammen, den einige 'bedeutende' kaiserliche Selbstherrscher - wie etwa Octavian oder Tiberius - zu Beginn ihrer Herrschaft entfalteten. Wurden auf diese - oder auch auf 'mildere' - Weise die Traditionen einer 'res publica libera' verletzt, so sprachen diejenigen, die sie hochhielten, wie Tacitus in seinen Annalen, von 'servitium' (1,7,1): "At Romae ruere in servitium consules, patres, eques, quanto quis inlustrior, tanto magis falsi ac festinantes, vultuque composito, ne laeti excessu principis neu tristiores primordio, lacrimas gaudium, questus adulationem miscebant." - "In Rom aber stürzten sich die Spitzen des Staates - und zwar je höheren Ranges sie waren, um so heuchlerischer und eilfertiger - freiwillig in die Sklaverei, die Konsuln, die Senatoren und der Ritterstand. Und mit verstellter Miene, um ja nicht als zu froh über den endlich eingetretenen Herrscherabgang und zu traurig über den bevorstehnden Beginn einer neuen Gewalthaberschaft zu erscheinen, mischten sie formelle Tränen mit formeller Freude, amtliche Klage mit höfischer Schmeichelei [in sinnentsprechender Übersetzung C. G.].

Die, um es zu wiederholen, leicht organisierbare Tötung Caesars i. J. 44 v. Chr. - in einer Vorphase der Römischen Kaiserzeitgeschichte - hatte deutlich gemacht, daß das 'servitium' der eingeschüchterten Mitläufer eines Gewaltregimes einen illegitimen Gewalthaber trotz aller militärischen und politischen Absicherung und aller ideologischen Überhöhung seiner Gewaltherrschaft nicht sicher davor schützen konnte, der politischen Freiheit wegen angegriffen und beseitigt zu werden.

Der Autor hat zu seinem Thema den öffentlich weitgreifenden herrschaftsideologischen Aufwand gemacht, den die Kaiser der früheren Principats-Zeit zu entfalten pflegten. Er untersucht dafür die gelegentlich physische, zumeist aber symbolisch-bildliche Präsenz des kaiserlichen Gewalthabers im öffentlichen Raum. Weil es für die Tatbestände einer 'physischen' und 'symbolisch-bildlichen Präsenz' keinen kurzen, zusammenfassenden, wissenschaftsüblichen Ausdruck gibt, spricht der Autor in einem weitgefaßten Sinne von einem kaiserlichen 'Körper'. Doch bringt diese Zusammenfassung von sehr Verschiedenem in einem kurzen Wort nach Auffassung des Rezensenten keinen Vorteil und sollte deswegen vielleicht späterhin aufgegeben werden.

Zur erörterten 'Problematik' der römischen Kaiser-Herrschaft gehören der 'über den Gesetzen stehende' Charakter eines 'obersten Gewalthabers', die dynastische Herrschaftsform, ihre akklamatorisch-öffentliche Verherrlichung, ihre von den Untertanen klaglos zu ertragende persongebundene Lebenslänglichkeit und nicht zuletzt ihre abscheuliche religiöse Verbrämung. Nach heutigen Vorstellungen war der kaiserliche Gewalthaber nicht gewählt, seine Regierung war nicht auf Amtsperioden begrenzt, es gab keine von ihm unabhängigen gesetzgeberischen und gerichtlichen Instanzen, es gab keine prinzipielle Möglichkeit öffentlicher Kritik an seiner Regierung und seinen persönlichen gewalthaberischen Sitten, und er berherrschte alle damaligen 'öffentlichen Medien' mit uneingeschränkter Weisungs- und Selbstbeweihräucherungsbefugnis. Wie auf einen heutigen historischen Betrachter hat dieses System auf einen politisch freiheitsbewußten, souverän urteilenden und gebildeten antiken Beurteiler - wie Tacitus - abstoßend gewirkt.

Denn selbst wenn es sein mag, daß Besonnenheit oder gar Weisheit gelegentlich auch in der Person römischer Kaiser -.wie zum Beispiel Mark Aurels - anzutreffen waren, das ändert nichts daran, daß sie an zentraler Stelle in ein illegitimes politisches Herrschaftssystem eingefügt waren. Von der konkreten Person unabhängig waren ja die unerträglich falschen Vorstellungen: von einer überwältigenden - sozusagen 'augusteischen' - 'Größe' des Kaisers, seiner 'unbestechlichen Gerechtigkeit' und sonstigen 'Tugend', seinen 'Erlöser'-Qualitäten und seinem postmortalen Aufstieg zu den Göttern ('Divinisierung').

Der Verfasser hat die Widersprüchlichkeit und Unklarheit dieser politisch-ideologischen Vorstellungswelt anerkennenswert klar und unwidersprüchlich schon im Titel seiner Schrift zum Ausdruck gebracht. Denn der Kaiser war für dieses reine Propaganda-System nichts weiter als eine scheinhafte 'Verkörperung', um auf den zentralen Begriff der Schrift zurückzukommen.

Was die Ideologie dieses Systems betrifft, untersucht die Schrift im einzelnen a) das Ideologem eines 'körperlichen Charismas' des Prinzeps, b) den Propaganda-Modus einer 'Verkörperung der Republik' in der kaiserlichen Gewalt und c) das scheinhafte Auftreten des Prinzeps als 'Gleicher unter Gleichen', als 'bescheidener Allmächtiger' bzw. als 'herrschaftlicher Nichtherrscher'. Sie behandelt ferner auch die in Rom lebendig bleibende Kritik an kaiserlichem Selbstdarstellungsschein dieser Art, wie er etwa in den 'Kaiserbiographien' der Prinzipatszeit - so der Suetons - öfters hervortritt.

Die 'Neuerungen' der Kaiserzeit werden in einem Eingangskapitel von den senatorischen Traditionen der Römischen Republik abgehoben, welche den Senatsmitgliedern zwar ein ständisch bedingtes und alter Sitte entsprechendes Auftreten als 'togati' in der Öffentlichkeit oder als Statuen nach ihrem Tode, nicht jedoch irgendwelche politischen Darstellungssonderrechte oder standeswidrigen Verhaltensauffälligkeiten gestatteten.

Die Schrift ist die Ausarbeitung einer Dissertation zum Thema. Sie faßt viele interessante und konstruktive Überlegungen und Erkenntnisse zusammen.

Der Verfasser will sie weiter ausbauen. Er beabsichtigt dabei, seine Arbeit an der Epoche der früheren Prinzipatszeit fortzusetzen. Vielleicht sollte er dann aber zunächst den Kern der späteren kaiserherrschaftlichen Verfassungsverhältnisse, d. h. der offenen Militärregime einerseits und der christlich legitimierten und insoweit auch eingegrenzten Kaiserherrschaft andererseits, vergleichshalber ins Auge fassen. Diese Epochen der Kaiserzeitgeschichte folgen ja nicht umsonst dem früheren 'Prinzipat' und sind für spätere historische Entwicklungen des Mittelalters und der Neuzeit möglicherweise wichtiger gewesen.

Man könnte ferner durch eine Erweiterung des Untersuchungsrahmens immerhin den Eindruck ausschließen, die politischen Herrschaftsverhältnisse der Römischen Prinzipatszeit seien mit ihrer politischen Unerträglichkeit historisch alternativlos oder gar beispielhaft gewesen - wie dies ja auch für Gewaltherrschaften der Gegenwart gilt.

Sicherlich hatte aber auch der frühere 'Prinzipat' eigene Nachwirkungen, etwa für den 'Absolutismus' und dessen Ideen von einer angeblich 'legitimen' unrepublikanischen Herrschaft, wie sie in der Französischen Revolution angegriffen wurden. Auch seine oben angesprochene Affinität mit totalitären Regime-Arten der gegenwartsnahen Neuzeitgeschichte und ihrem Personenkult fällt auf.


Hg. dieser WWW-Seite: Christian Gizewski, Prof. Dr., TU Berlin, Privatanschrift: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.: 030 8337810, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de .