S 48

Das 'Berlinerische' als Sprach- und Lebensweise zwischen Bescheidenheit und Beschränktheit.

Zu Claire Waldoffs Liedern. Von Christian Gizewski.

Bearbeitungsstand: 11. Oktober 2013

1. Zu Leben und Persönlichkeit Kläre Walldoffs.

Die auf einer CD des Jahres 2004*), die hier besprochen werden soll, zusammengefaßten Lieder von Claire Waldoff (21. 10. 1884 - 22. 1. 1957) stammen aus ihrer künstlerisch besonders aktiven Zeit in den Jahren zwischen 1924 und 1933, als sie in Berlin häufig öffentlich auftrat und populär wurde. Auch zwischen 1933 und etwa 1942 war Kläre Walldoff - nach einem vorübergehenden, von NS-Propaganda-Minister Goebbels gegen sie vehängten Auftrittsverbot - noch als Sängerin tätig. Allerdings wurde ihr ein Beitritt zur 'Reichskulturkammer' aufgenötigt, und sie stand unter dem strikten Verbot politischer Äußerungen. Dazu wurde ihr öffentliches Wirken in Berlin wesentlich eingeschränkt. Im Kriege wurde sie statt dessen häufig bei der Truppenbetreuung verwendet. In den letzten drei Jahren des Krieges trat sie aber auch dabei nicht mehr auf. Nach dem Kriege führte sie gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Olga von Roeder ein zurüchgezogenes privates Leben.

Die meisten ihrer Lieder gab es schon, bevor Claire Waldoff begann, sie vorzutragen. Sie wurden jedoch immer von oft prominenten Autoren und Komponisten für ihren Vortrag textlich und musikalisch besonders gestaltet.

Dabei stand im Mittelpunkt ihre kräftig ausufernde Stimme, ihr künstlerisch perfektioniertes Berlinerisch, die Offenheit ihrer Gefühlsäußerungen und deren gleichzeitige strikte Beschränkung auf die persönlich-intime, familiäre und nachbarschaftlich-nahräumliche Lebenswelt.

Politische, religiöse und hochkulturelle Ideen oder 'Ideologien' findet man bei ihr nicht angesprochen. Zu deren Beurteilung war sie aber aufgrund ihrer Bildung und Lebenserfahrung durchaus in der Lage. Sie, die zunächst den Namen Klara Wortmann trug, stammte aus einer kinderreichen Gastwirtsfamilie im Ruhrgebiet (Gelsenkirchen). Doch wurde ihr von den Eltern der auswärtige Besuch eines Mädchen-Gymnasums in Hannover ermöglicht. Sie erhielt dabei die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in dieser Schullart typische Ausbildung in den musischen Fächern und zugleich eine gute Allgemeinbildung in anderen Gymnasialfächern, so sicherlich im Deutschunterricht mit seinen grammatischen und literarischen Schwerpunkten, aber auch in Geschichte, Erdkunde, Mathematik, Biologie und anderen naturwissenschaftlichen Fächern. Sie war also zugleich musisch interessiert, der Sprache mächtig und allgemeingebildet, als ihre Schulzeit zuende war. Darauf dürfte ihr nach dem Abitur zunächst geäußerter Wunsch zurückzuführen sein, Ärztin zu werden. Das bedeutet: sie wollte 'sozial aufzusteigen' und als junge Frau nicht Hausfrau zu werden, sondern berufstätig ud finanziell unabhängig sein.

In Hannover lebte sie in einer wohl besonders kunstoffenen und freisinnigen Umgebung - in der sie auch den späteren Schauspieler Theo Lingen kennenlernte. Dort wurden ihre deutlich hervortretenden künstlerischen Anlagen gefördert. Da sie wegen fehlenden Geldes nicht studieren konnte, entschloß sie sich mit beachtlichem weiblichem Selbstbewußtsein dazu, Schauspielerin zu werden und damit Geld zu verdienen. Sie nahm dazu gleich den 'elegant-französisierten' Künstlernamen 'Claire Waldoff' - möglicherweise dem Ortsnamen 'Waldhof' (heute Hannover) nachgebildet - an. Schon 1903 - also mit 19 Jahren, kurz nach Beendigung ihrer Gymnasialzeit - erhielt sie erste Arbeit als Schauspielerin, seit 1906 auch in Berlin, wo sie 1916 sogar in zwei Stumm-Filmen, also in einer gänzlich unmusikalischen Kunstform, mitwirkte. Im Mittelpunkt ihres Interesses stand aber die kaberettistische Kleinkunst, wobei sie sich im Laufe der Zeit zur solo auftretenden Chanson- und 'Popularllied'-Sängerin ausprägte, die ihr Repertoire mit großem Erfolg in Revuen größerer Theater und auf zahlreichern Kleinkunstbühnen anbot. Schließlich wurde sie sogar als Berliner 'Kabarett-Königin' prominent und behielt diese Stellung lange Zeit, sogar noch nach 1933, unter sich allmählich verstärkenden, politisch motivierten Einschränkungen.

Da ihre künstlerische Popularität wesentlich davon abhing, daß sie alle denkbaren Konfliktmomente in ihrer Kunstpräsentation vermied, beachtete sie - nicht erst in der NS-Zeit, sondern schon in den an inneren Konflikten reichen Jahren der Weimarer Republik - unausgesprochen vorgegebene Grenzen eines kabarettistischen Wirkens, nämlich: dem Publikum nichts politisch, religiös oder kulturell Trennendes und Erbitterndes zu präsentieren.

II. Die Themen der Lieder Kläre Waldoffs mit Beispielen.

So stand gewissermaßen von selbst ein Kreis zwar aufsehenerregender, aber doch noch tolerabler Alltagsthemen im Mittelpunkt ihrer künsterische Präsentationen:

1. das manchmal in seiner Konsequenz befremdliche, aber - auch wegen der generellen gesellschaftlichen Veränderungen - notwendige Abirren von Familien, Nachbarn, Jugend und sonstigen Nächsten von den strikten Normen der Tradition und Moral, z. B. die damals neuartigen Schönheitsoperationen, die öffentliche Erwähnung lesbischer Neigungen, die Prostitution oder der Drogenkonsum.

2. ein Berliner Lokalpatriotismus, wobei sich Kläre Waldoffs Aufmerksamkeit auch dessen 'berlinerischer' Sprache zuwandte,

3. die Rücksichtslosigkeiten und Gehässigkeiten eines Berliner 'Grobianismus' und

4. das persönlich wirklich Erlebte, das nie so recht ausgesprochen wird: die - vor allem - körperliche Liebe, das Begehren, die endgültige Trennung und die untröstliche Trauer.

Das 'Berlinerische' - eine brandenburgisch-niederdeutsche Dialektform - in seinen sprachlichen Eigenheiten und Abweichungen von einer deutschen Norm-Sprache übertrieb sie dabei parodistisch bis ins grammatisch bewußt Fehlerhafte (Beispiel: häufige und betonte Verwechslung von 'mir' und 'mich'). Zugleich betonte sie seinen Zusammenhang mit einer in einem sozialen Sinne großstädtisch-kleinbürgerlich-'berlinerischen' Lebensweise.

Die genannten Themen finden auch in den Liedern, die die zu besprechende Sammlung zusammenfaßt, Ausdruck. Einige von ihnen sind im folgenden exemplarisch und knapp erörtert, wobei jeweils dem akustischen Zitat eine stichwortartige und kurz zusammenfassende Charakterisierung folgt.

Zu 1. a) 'Wegen Emil seine unanständige Lust'

Stichworte:
Keine Scham
Viel mehr amüsieren
Neese verpatzen
Auf hübsch operieren
Ich lasse keinen Arzt an meine Brust
wegen Emil seine unanständige Lust
Ein richtiger Mann, der will Natur
Thmen sind: Modische Schönheitschirurgie, Unpersönlichkeit der sexuellen Lust, Schadenfreude über sexuelle Fehlleitung bei anderen, Widerspruch zwischen 'Unnatürlichkeit' - 'Natur'- im sexuellen Rollenverständnis

Zu 1 b) 'Hannelore'

Stichworte:
Kind vom Halleschen Tore
Bubiköpfchen
Smokingkleid und Schlips
Weib und Mann zugleich
Bräutigam und Braut zugleich
Ludenstall
Kokain

Themen sind ein Revuesängerinnen-Ideal für junge Frauen, die öffentliche Demonstration lesbischer Anlagen. eine modische weibliche Männerimitation, Prostitution und Drogengebrauch

Zu 2. 'Wat braucht der Berliner, um glücklich zu sein'

Stichworte:
Mensch, dann ziehen die Berliner
quietschvergnügt nach Treptoff raus
Sechsmal spuckste in de Hände
Nach de Laubenkolonie
Laube, Zaun, Beet
Frisch gewaschenes Hemd
Skat
Kümmel.
Weißbier.
Wat braucht der Berliner nen heurigen Wein
Dicke Zigarre
Nötiges Schwein
Darf dir nie vergehn dein Witz
Mensch, denk an den Sonntagmorgen
und an Deinen Grundbesitz
Wenn der Sonntag wieder vorbei ist
Ihr Oller war wieder fett
Alltags isse wieder munter
Kino, Zirkus und Zoo
Zweimal im Jahr uff die Inventur
kesse Tour
kleenes Stelldichein

Themen sind die Elemente der Schrebergartenidylle am Wochenende und ihr Gegensatz zum Alltagsleben: Bescheidene Bedürfnislosigjeit, stolze Unbedarftheit. Die Angeberei im kleinen Kreis.ist stilisiert. Bierseligkeit am Rande des Ungenügens. Frauen- und Männergesellschaft in der Freizeit sind zumeist geschieden.

Zu 3.'Wer schmeißt denn da mit Lehm?'

Stichworte:
Nervös
Bös
Schimpfen
Mit Lehm schmeißen.
Du olles Trampeltier
Frau boxt tadellos
Frau schiebt Gatten unters Bett
Passense auf Ihren Bandwurm auf
Habense keine Augen im Kopp?
Können Sie nicht sehen?
Sie olle Kuh mit langem Schwanz

Themen sind: Giftige private Bosheit. Ehegewöhnlichkeiten. Körperlich dominerend stilisierte Frauen. Jugendfrechheit. Alltagsschimpferei im öffentlichen Verkehr.

Zu 4 a) 'Nach meine Beene is janz Berlin verrückt'

Stichworte:
Faule Köppe wollen bloß pussieren
Ick laß mir nich verführn
Von mir wird jeder Mann ja nur versetzt
Kleines Titititü.
Zeig ich meine Beene voller Intelligenz,
schlag ich aus dem Felde jede Konkurrenz
Studenten, Richter, Assessoren
Die kieken alle nach meine Beene hin
Die ganzen Affenherzen sind total geknickt.

Themen sind: Öffentliche Ausstellung körperlicher weiblicher Reize. Männerdemütigung als Vergnügen. Weiblicher Konkurrenzkampf. Das frauenbewundernde Publikum.

Zu 4 b) 'Warum willst Du mich denn ganz verlassen?'

Stichworte:
Warum
Ganz verlassen
Liebe hassen
Liebe vermissen
Schöne Stunden vorbei
Großes Glück
Da für Dich
Schnell entschwunden

Themen sind: Die verlorene Liebe. Die gänzliche Trennung. Die Erinnerung an das Glück. Die Schnelligkeit des Verlusts. Die Ratlosigkeit und die Trauer.

III. Die Lieder Kläre Waldoffs und das 'Berlinerische' als Sprach- und Lebensweise zwischen Bescheidenheit und Beschränkung.

Wie läßt sich der geistige Hintergrund solcher Themenwahl und zugleich Themenbegrenzung bei einer so beachtlichen Künstlerin erklären?

Das, was Claire Waldoff in ihren Liedern ausdrückt, unterliegt einer deutlichen thematischen Beschränkung. Diese ergibt sich vor allem aus den öffentlichen Kontroversen ihrer Zeit, welche das Berliner Publikum, bei dem sie populär war, in die vielen politischen Richtungen - Kommunismus, Sozialdemokratie, Anarchismus, Wirtschafts- und Geistesliberale, Zentrum, Preußentradition, Nationalismus, Nationalsozialismus - teilten. Dieses Publikum gehörte außerdem großenteils zum großstädtischen Arbeiter- und Kleinbürger-Milieu. Bei einem solchen Publikum konnte man nur durch Nicht-Stellungnahme zu kontroversen Themen und durch Nähe zu den 'kleinen Leuten' populär werden

Daß vor allem die politischen Richtungen damaliger Zeit von der Unterhaltungs-Künstlerin thematisch nicht einmal ansatzweise in den hier ausgewählten bekannten Liedern ihres Repertoire vorkommen, aber auch sonstige prinzipielle Überzeugungen, etwa 'religiöse' oder 'ideenkritische', nicht, macht deutlich, daß es der Künstlerin vor allem darauf ankam, ihr Publikum nicht zu spalten. Ihre Kunst mußte dazu in betonter Weise 'unpolitisch' und 'umideologisch' sein, um allgemeine und ungestörte Resonanz zu finden Dies gilt schon für die Zeit der Weimarer Republik, in der sie prominent wurde. In der NS-Epoche hatte sie aber außerdem noch die politische Zensur zu fürchten. Durch diese wurde sie dann auch tatsächlich allmählich aus ihrer vorherigen Promunenz-Rolle in Berlin verdrängt, weil sie sich eben auch nicht zum 'Führer' bekennen wollte.

Möglicherweise auch wegen ihrer Herkunft aus einer Gastwirtsfamilie und deren Traditionen verstand sie ihre Texte nicht als 'Literatur' - etwa im Sinne irgendwelcher ästhetischen Traditionen der Tragödie, der Komödie, der Prosa oder der Poesie. Die Reim-Kunst ihrer Liedtexte ist zwar auch Poesie, aber von betont volkstümlicher und due Hochsprache parodierender Art. Obschon sie eine gute Gymnasiums-Schulbildung und später großen beruflichen Erfolg hatte, blieb sie den 'klein-bürgerlichen' Lebensverhältissen, denen sie entstammte, als Künstlerin stets vollkommen treu.

Dies förderte aber auch eine thematische und sprachliche Selbstbeschränkung auf den Bereich 'Lokales und Lauben'. Das 'Berlinerische' der Künstlerin Waldoff, das sie erst für Kunstzwecke erlernte und dann in seiner Zwiespältigkeit gekonnt künstlerisch 'übertrieb', ist also nicht nur eine dialektal-liebenswürdige Sprechweise, sondern kam auch dieser Selbstbeschränkung entgegen.


*) Membran Music International GmbH 2004. 2221452-205. Die akustischen Zitate aus der CD sind zum Zweck der Veranschaulichung einer rein wissenschaftlichen, nicht irgenwelchen Erwerbszwecken dienenden Analyse in den Text eingebaut. C. G.


Hg. dieser WWW-Seite: Christian Gizewski, Prof. Dr., TU Berlin, Privatanschrift: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.: 030 8337810, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de .