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Zu 'Frau Dr. Johanna Haarer, Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind'.

Von Christian Gizewski.

I. Kurz vorgestellt werden soll ein im J. G. Lehmanns Verlag München / Berlin im Jahre 1941 erschienenes, in der C. H. Beckschen Verlagsdruckerei Nördlingen seit seiner Ersterscheinung im Jahre 1934 bereits 440000 mal gedrucktesWerk: 'Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Von Frau Dr. Johanna Haarer', 282 S. Text, 58 Abbildungen.

Das Buch wurde bis zum Kriegsende 1945 in hohen Auflagen verbreitet und fand auch später - nach politisch-adaptiver Reformulierung bestimmter in der NS-Epoche üblicher ideologischer Positionen - bis in die 1990er Jahre als Beratungsschrift für junge Mütter hohen Absatz. Derzeit ist es aber weder in seiner NS-nahen noch in seiner nach dem Krieg angepaßten Form in Neuauflagen verfügbar, sondern nur noch antiquarisch zu erwerben. Doch scheint es im Internet dafür weiterhin eine starke Nachfrage zu geben.

II. Aufbau und Grundgedanken des Buches.

Auf eine Eingangs-Passage 'An die deutsche Frau' folgen in zwei Teilen (betr. die Entwiclung des Kindes im Mutterleib und die Geburtsphase) zwölf Kapitel über

1. die körperlichen Vorgänge und medizinischen Fragen einschließlich auch des Abgangs, der Unterbrechung und der Abtreibung,

2. die selbsttätige Herstellung und sparsame Beschaffung der Aussteuer für das Kind,

3. die Hebammenhilfe, Beschwerden, Veränderungen und Zwischenfälle in der unmittelbaren Vorgeburtsphase,

4. geeignete Ober- und Unterkleidung in der unmittelbaren Vorgeburtsphase,

5. die Entscheidung zwischen Heim- und Krankenhausgeburt, ferner vor allem Sauberkeitsfragen,

6. Eröffnungs, Aus- und Nachgeburtszeit der Entbindung bei üblichem 'Hinausschieben' des Kindeserzeugers,

7. die Erholungs- und Wiederherstellungsphase nach der Geburt (Wochenbett),

8. das Stillen und die Unterschiede der weiblichen Brustformen,

9. Reinlichkeit, Ruhe und moderate Wärme bei der Pflege des Säuglings,

10. die Milchernährung und der allmähliche Übergang zur Zusatzernährung,

11. die Veränderung des Nährstoffbedarfs des Säulings im zweiten Halbjahr nach der Geburt, und

12. die beginnende, ruhig bestimmte, durchsetzungsbereite Erziehung des Kindes unter den Maximen Pflichtbewußtsein, Ordnung, Regelmäßigkeit, Pünktlichkeit, Sauberkeit, korrektes Sprechen, aber auch Anerkennung des selbständigen Wesens des Kindes.

Im wesentlichen nur ín der Eingangspassage, welche nur knapp 5 Seiten lang ist, und in dem 40 Seiten langen 12. Kapitel sind Fragen politischer und weltanschaulicher Orientierung behandelt.

III. Die 'grundsätzliche' Einleitung erörtert die in damaliger Zeit unter der 'neuen Führung des nationalsozialistischen Staates' allgemeinverbindlich gemachten 'Wert- und Wesensvorstellungen' über die Geburt als Aufgabe junger Frauen, über die Bedeutung der "Front der Mütter unseres Volkes, die den Strom des Lebens, Blut und Erbe unzähliger Ahnen, die Güter des Volkstums und der Heimat, die Schätze der Sprache, Sitte und Kultur weitertragen und auferstehen lassen in einem neuen Geschlecht.“ Die Frau wird damit bestimmt zur 'Sachwalterin des 'Volkes' - gemeint ist stets das 'deutsche'. Mit ihrer Mutterexistenz trägt sie auch bei zu dessen sittlicher Gesundung nach einer vorhergegangenen, von 'Dekadenz' gezeichneten Epoche. Das 'Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses' des Jahres 1933 sieht die Autorin als ein Beispiel für die insoweit segensreich konsequent durchgreifende Hand des neuen Staates. Die Geburts-Leistungen der Mütter seien ihr 'Opfer' in einem Kampf für das Wohl des Volkes - dem kriegerischen Einsatz der Männer für das 'Volk' vergleichbar. Die 'deutsche' Frau sei aber zugleich auch Mitglied einer 'großen glücklichen Kameradschaft der Mütter'. Zitiert wird erklärend Friedrich Schiller: "Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein".

IV. Die folgenden zwölf Kapitel beabsichtigten dann aber vor allem die Zusammenfassung einer Vielzahl von Ratschlägen, welche damals offenbar sicherlich praktisch sehr nützlich waren und es vermutlich noch heute sind.

Abb. zweier Seiten mit Photos von Trockenbettungsarten aus dem Werk (S. 154 f.)

Nebenher enthalten diese Kapitel dennoch manche kultur- und ideologiegeschichtlich wichtigen Hinweise auf offenbar stark verbreitete und auch tief verinnerlichte, traditionsgebundene Verhaltensweisen bei den angesprochenen jungen Frauen in der Zeit der 1930er Jahre und danach.

So steht etwa der traditionelle Verhaltenstypus der privathäuslichen Kindesgeburt im Mittelpunkt der Erörterung der Autorin. Ebenso dominiert der Typus der häuslichen Eigenausstattung des Kleinkindes. Es werden ausführliche, bis ins Kleinste gehende Ratschläge für Selbstversorgung, Sparsamkeit und Improvisation gegeben.

Nicht zuletzt tritt neben Häuslichkeit, Sparsamkeit und damals dafür wohl ursächlicher Armut immer wieder ein ebenfalls traditionsreicher Typus 'harter', 'strenger' Kleinkinderziehung hervor. Starke - mütterliche - Kontrolle, Distanz und Durchsetzungsbereitschaft gegenüber dem allzu eigenwilligen Kinde gelten als Selbstverständlichkeit.

Vielleicht finden sich hier generell einige Bedingungen für die Genese einer 'autoritären Persönlichkeit' im Sinne Theodor Adornos und Max Horkheimers konkret zusammengefaßt.

V. Zu Lebenslauf und fachlicher Ausbildung der Autorin.Johanna Haarer (1900 - 1988): Sie war von Ausbildung Lungenfachärztin, wandte sich aber dann der Geburtsmedizin und Fragen der Frühkind-Erziehung zu. Aus diesem Interesse heraus wurde sie Autorin zweier lange Zeit und weit verbreiteter Erziehungsratgeber. Vor 1945 waren diese eng mit der NS-Ideologie verbunden. Als Mitglied der NSDAP seit 1937 befaßte sie sich im Rahmen der 'NS-Frauenschaft' parteiamtlich aber nicht nur mit diesen, sondern auch mit rassepolitischen Fragen. Der hier besprochene Ratgeber zur Säuglingspflege läßt deutlich die Affinität zu NS-Erziehungsvorstellungen erkennen.

Die Autorin im Alter (Abb. und persönliche Daten entnommen aus >Wikipedia)

Nach 1945 wurden von Ihrem Verlag und mit ihrer Zustimmung aus ihren Werken die offenkundigen NS-Komponenten beseitigt. Nach einer kurzen Phase öffentlicher Latenz wurden Neuauflagen ihrer Ratgeber einem nach wie vor dafür aufnahmebereiten und ideologisch vermutlich eher indifferenten Publikum angeboten.

VI. Viele Titel der Reihe 'Politische Biologie', in der Haarers Buch zunächst erschien, machen dennoch den ideologischen Zusammenhang deutlich, aus dem sich Haarers Schriften auch später nicht völlig abtrennen ließen. In der NS-Zeit entstanden: 'Mutter, erzähl' von Adolf Hitler' (Haarer selbst), 'Volk in Gefahr' (O. H. Geh), 'Gattenwahl zu ehelichem Glück und erblicher Ertüchtigung' und 'Rassenkunde des deutschen Volkes' (Prof. Dr. Hans F. K. Günther), 'Völker am Abgrund' (Prof. Dr. Fr. Burgdörfer), 'Die seelischen Ursachen des Geburtenrückgangs' (Dr. Th. Valentiner), 'Geburtenkrieg' (Dr. Paul Danzer), 'Sittliche Entartung und Geburtenschwund' (Dr. Ferd. Hoffmann), 'Kampf dem Säuglingstod. An der Wiege des Lebens der Nation' (Hans Bersee), 'Deutsche Mutter und Deutscher Aufstieg' (Prof. Dr. August Mayer).

Wie viel Fleiß und Leidenschaft in Verbindung mit wie viel allzu fehlangepaßter Beschränktheit! - Ein nützliches, warnendes Beispiel für die Gelehrsamkeit und die öffentliche Meinungsäußerung anderer Zeiten.

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(Bearbeitungsstand 14. April. 2014)

Hg. dieser WWW-Seite: Christian Gizewski, Prof. Dr., TU Berlin, Privatanschrift: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.: 030 8337810, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de .