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Scriptorium

S 52

Zu: Frank Lisson, 'Hellas als unerreichbare Gegenmoderne.

Die Entstehung des tragischen Bewußtseins aus der Griechensehnsucht in der deutschen Altertumswissenschaft zwischen 1800 und 1875'.

Von Christian Gizewski

I. Zu Autor, Thema und Zweck des Werks. 1)

Der 1970 geborene Autor wuchs in der alten Bundesrepublik (Lübeck und Würzburg) auf. Nach seiner Gymnasial-Schulzeit bereiste er bis 1994 einige Zeit lang - dezidiert einzeln, bedürfnislos, autoptisch-experimentell und ungeplant, also als 'Tramp' - folgende Länder: Bulgarien, Rumanien, Griechenland, Ungarn, Italien und Südafrika.

Nach Deutschland zurückgekehrt, studierte er in Würzburg und München aus künstlerischer Neigung zunächst Architektur und dann aus historischen und philosophischen Interessen Alte Geschichte als Allgemeingeschichte, Germanistik als Sprach-, Kultur- und Volksgeschichte sowie Philosophie als Grundlagenwissenschaft. Nach dem Examen war er als freier Mitarbeiter bei Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen tätig. Dort wurden auch mehrere Features und Hörspiele von ihm im gesendet. Von Berufs wegen hielt er ferner akademische Vorträge über moderne Philosophen und Literaten.

Lisson ist ein sehr produktiver Autor. Zwischen 2014 und 1999 erschienen folgende Bücher und Features: 2014: Humor. Warum wir lachen. 2013: Hellas als unerreichbare Gegenmoderne. 2013: Homo Viator. Die Macht der Tendenzen. 2012: Die Verachtung des Eigenen. Ursachen und Verlauf des kulturellen Selbsthasses in Europa. 2008: Homo Absolutus. Nach den Kulturen. 2008: Widerstand. Lage - Traum - Tat 2005: Kursverlust (Hörspiel). 2005: Oswald Spengler. 2004: Friedrich Nietzsche. 2002: Die schönen Gedanken, die töten. Zur Faszination von Gewalt und Untergang (Feature) 2000: Die Gräfin und die Enormen von Wahnmoching. Ein Münchener Stadtteil am Vorabend des Ersten Weltkriegs (Feature) 2000: Kein Tag, den nicht die Nacht gebar. 2000: Ackerland in Bauernhand. Ausbruch und Scheitern des Bauernkrieges von 1525 (Feature). 1999: Betrachtungen eines Untergangs. 1918 - Thomas Mann und Oswald Spengler (Feature).

Er selbst beschreibt seine Grundinteressen und Erkenntnismotive folgendermaßen 1):

"Wie stellt man es an, 'überzeitlich' zu denken? Wie gelingt es, sich im Dickicht vermittelter Informationen und inszenierter Wirklichkeiten einen klaren Blick zu bewahren? Wie hält man Abstand von den jeweiligen geistigen Moden, um ihrer Verführungskraft nicht zu erliegen? - Weil das Beobachten zur Bewegung zwingt, kann der Standpunkt des Philosophen nie ein unverrückbarer, sondern immer nur ein erhöhter sein. Erst das Beobachtete weist dem Beobachter eine Richtung oder einen Standpunkt zu, von wo aus er auf die Dinge blickt.- Ein freier, denkender und beobachtender Mensch aber bleibt stets in Bewegung und kann deshalb auch in keinem Milieu beheimatet sein - selbst wenn er dies wollte. Wer das Wesen seiner Zeit und damit die ihn umgebende Wirklichkeit erfassen will, darf keine Rücksicht nehmen auf die jeweils gültigen moralischen oder politischen Standards, sondern wird allen angebotenen Tagesparolen und allen angesagten Meinungen skeptisch gegenüberstehen. Deshalb muss er beharrlich nach den Ursachen aller Dinge fragen: wie ist was wann und warum geworden? Denken heißt, nach den Prinzipien dessen zu suchen, was Denken möglich macht.

Denn jede Tendenz lockt den Denkenden in ihre Richtung, von wo aus er sich dann zumeist nur noch eine bestimmte Sicht auf die Dinge erlaubt. Vor über fünfzig Jahren entwarf Eugéne Ionesco in 'Die Nashörner' (1959) eine Vision der heimlichen Lust des Menschen auf Normierung und Anpassung unter dem Einfluss von Massenmedien und Kulturindustrie: am Ende sehnen sich auch die beiden letzten übriggebliebenen Menschen nach der Mutation zum Nashorn, um so zu werden wie alle anderen, weil von der Herde stets eine nahezu unwiderstehliche Wirkung ausgeht."

Das jüngst (2013) als Dissertation erschienene Buch3) befaßt sich kulturkritisch mit einem ausgeprägt starken. politisch-konservativen Zweig deutschen, bildungsbürgerlichen Bewußtseins in der Geschichtswissenschaft und Philosophie des 19. Jhts. Innerhalb dieser Denkrichtung habe es, so Lisson, ausgeprägte Vorstellungen von einer 'idealen griechischen Antike' gegeben. Diese sei im Hinblick auf eine unterstellte praktische Bedeutung als 'Modell' für eine 'moderne' Gegenwartskultur überschätzt worden bzw. gar nicht anwendbar gewesen. Darauf sei letztlich auch ein jahrzehntelanger Zustand gebremster geistiger Produktivität politisch-kulturellen bürgerlichen Denkens im Deutschland der damaligen Epoche zurückzuführen.

Der Autor überprüft die geschichtswissenschaftlichen Grundannahmen einer Vielzahl (ca. 150) philosophischer, philologischer, literarischer und historischer Autoren des 18. und 19. Jhts. (wie Johann Gottfried Herder, August Boeckh oder Jakob Burckhardt) sowie einer etwas kleineren Zahl Autoren des 20. Jhts.(wie Martin Heidegger oder Karl Löwith). Hinzukommt die Auseinandersetzung mit ca. 130 Titeln neuerer Forschungsliteratur. Auch die Nachprüfung der Zitate antiker Autoren wie Platon, Aristoteles, Herodot, Thukydides, Xenophon, Pseudo-Xenophon und Diogenes Laertios einschließlich einer weitergehenden Lektüre solcher Autoren muß viel Zeit gebraucht haben.

Neben der erwähnten 'Produktivitätshemmung' deutet der Autor weitere Konsequenzen einer illusorischen Griechenlandbegeisterung an, insbesondere wenn er einen Zusammenhang fehlender geistiger Produktivität mit einer weitverbreiteten Vaterlands- und Kriegsbegeisterung zu Beginn des Ersten Weltkrieges annimmt.

Ein 'deutscher Nationalismus' dieser Zeit, so folgt daraus für den Leser seiner Ausführungen, wäre ohne die entpolitisierende Wirkung anti-moderner Formen historischen Bewußtseins des 19, Jhts. vermutlich nicht so stark und so irrational gewesen.

II. Zur Übersicht über die deutschsprachigen Althistoriker des 19. Jhts.

Der Autor geht zunächst auf die von ihm ausgemachten 'Ausgangspositionen' der späteren Entwicklung im 19. Jht. ein. nämlich die 'Göttinger Schule' und Geschichtswissenschaftler und Kulturphilosophen wie Johann Gottfried Herder, Friedrich August Wolf, Arnold Hermann Ludwig Heeren und Friedrich Ast.

Für das 19. Jht. trennt er dann eine 'ältere' (1800 - 1835) von einer 'jüngeren' (1835 - 1875) Gruppe deutschsprachiger Gesamtdarstellungen der antiken griechischen Geschichte. 1835 dürfte auch wegen der damals in Frankreich und Deutschland verschärften reaktionären Verfolgungsmaßnahmen als Zeitmarke gewählt worden sein.

Zu der älteren Gruppe werden von Lisson gerechnet die Werke folgender Autoren: Friedrich Wilhelm Gödecke (1822), Friedrich Wilhelm Schubert (1822), Heinrich Hase (1828 und später), Georg Graff (1828; trotz des auch didaktischen Charakters seines Werks), Wilhelm Wachsmuth (1826 -1830 und später), Johann Wilhelm Zinkeisen (1832), Hermann Gottlob Plass (1831 - 1834).

Für die jüngere Gruppe von Werken wählt Lisson aus: Karl Ludwig Roth (1840 und später), Oskar Jäger (1866 und später), Heinrich Wilhelm Stoll (1868 und später), Karl Friedrich Hermann (verschiedene Werke 1831, 1851 und 1857, teilweise wiederaufgelegt), Friedrich Kortüm (1854), Maximilian Duncker (1852 - 1857 und später), Ernst Curtius (1857 - 1867), Georg Friedrich Schoemann (1855 - 1859 und Fridegar Mone (1858 und später).

Bei seiner Autoren-Besprechung erörtert Lisson sinnvollerweise auch solche, die zu ihrer Zeit den Geruch des wissenschaftlich 'Seltsamen' an sich hatten; denn was er über solche Autoren berichtet, scheint aus heutiger Perspektive durchaus bemerkenswert.

Er hat sich in ihre Gedankenwelt offenkundig mit Leidenschaft und Sorgfalt vertieft und fühlt sich, so zeigt ein persönliches Gespräch mit ihm, besonders einer unverstellt-romantischen Gefühlswelt und einem autonom-freien philosophischen Individualismus verbunden.

Große Aufmerksamkeit wendet der Autor Lisson für das 19. Jht. besonders Friedrich Nietzsche und Jakob Burckhardt mit ihren prominent gewordenen Schriften der Zeit seit etwa 1870 zu. Im 20. Jht. interessiert ihn vor allem das philosophisch unvollendet gebliebene Werk Oswald Spenglers.

Das alles hält ihn aber nicht etwa davon ab, den von ihm festgestellten Typus eines illusorisch der griechischen Antike zugewandten, antimodernistischen Kulturpessimismus eingehend zu untersuchen. Eine bei Nietzsche deutliche Skepsis gegenüber einem angeblich besonderen Eigenwert der griechisch-antiken Geschichte innerhalb der Menschheitsgeschichte dürfte dafür der Grund sein.

Seine Untersuchung führt ihn, wie sich für den Leser ergibt, dann notwendig dazu, das Unerklärliche an den Griechenland-Illusionen des 19. Jhts. als Aporien in der damals zeitgenössischen Ideenwelt zu benennen und kulturkritisch zu beurteilen.

Die Untersuchung spricht damit notwendigerweise ein nicht nur ideen-, sondern auch ideologiegeschichtliches Grundsatz-Problem an, nämlich daß auch die Wissenschaft - als Wissenschaft - in unbewußten Zeitströmungen, zwanghaft-allgemeinüblichen Illusionen oder sie mitverursachenden politischen Korrektheitszwängen 'eingesperrt' sein kann.

Derartige Gefangenschaft des Geistes kann die Durchsetzung eines Objektivitäts-Prinzips gerade in den für die menschliche Orientierung so wichtigen Erkenntnisbereichen der Geschichtswissenschaft und der Philosophie ideell stark - und auch politisch folgenreich - behindern. Ja, der Geschichtswissenschaft pflegen 'Ideologie'-Momente - d. h. in besonderem Maße mit vorgängigen, dogmatisch-normativen Unwahrheiten belastete Erkenntnisse (Ideologeme) - fast wesensnotwendig innezuwohnen. Bei den vom Autor erörterten Illusions-Zusammenhängen handelt es sich deutlich um derartige geschichtswissenschaftliche Ideologeme.

III. Die ideologische Bedeutung der Entwicklung einer Vorstellung von einem 'Dualismus' der 'Antike' und 'Moderne'.

Der Autor geht in einem weiteren Teil seiner Untersuchung zunächst auf ein - unbegründet 'geschichtsdogmatisch' erscheinendes - grundlegendes 'Konzept' in der Altertumswissenschaft des 19. Jhts. ein, nämlich einen 'Dualismus' zwischen 'Antike' und 'Moderne'. Seine Grundgedanken sind ungefähr folgende: Üblicherweise wird historisch unter 'Antike' nicht mehr und nicht weniger verstanden als eine abgrenzbare Epochenfolge im Bereich der vorderorientalisch-mediterranen Hochkulturen. Eine solche Struktur ist etwas objektiv Seiendes. Aber sie kann kaum 'als Einheit' 'bewertet' oder gar 'verehrt' werden. 'Der geographische Raum der mediterran-vorderorientalischen Antike' oder 'die im mediterran-vorderorientalischen Raum im Altertum lebende Bevölkerung' sind ähnlich abstrakte, objektiv seiende Strukturen, die als solche nicht 'verehrt' werden können.

Wenn ein solcher Versuch dennoch stattfindet, in dem die 'hellenische Antike' als ganze einer flächendeckenden Überbewertung unterliegt, so stellt sich die Frage nach den Gründen einer solchen, unter damaligen Gelehrten allgemeinverbreiteten Fehleinschätzung. Sie sind in der Sache selbst, um die es geht, nicht zu finden.

Naheliegt die Annahme, daß sie durch eingrenzende Rahmenbedingungen mitverursacht sei. Es bietet sich insoweit an, den vom Autor untersuchten illusorischen Griechenland-Enthusiasmus auch aus politischen Begrenzungen freier Meinungsäußerung zu verstehen und als eine Form geistiger Anpassung an einen politischen Freiheitsmangel im Deutschland des 19. Jhts. zu verstehen.

Diese Annahme wird dadurch gestützt, daß dieses Muster kollektiv-akademischen Denkens eine stark verinnerlichte Frontstellung gegenüber einer politisch-aufklärerischen Fortschrittsidee in Kultur und Politik erkennen läßt.

Eine ähnliche Frontstellung registriert Lisson am Vorstellungskomplex von einem 'tragischen' 'Werteverfall' in einer 'modernen' Kultur und vor allem von einer 'Entartung' gleichermaßen in antik-griechischer und neuzeitlicher, als 'bindungslos' beurteilter 'Demokratie'.

Die von Lisson an vielen untersuchten Wissenschaftlern - abgesehen vielleicht von der erwähnten, als sonderlich geltenden Freigeistern - festgestellte Unproduktivität und Konformität dürfte so eine angemessene Erklärung finden.

Sie paßte zu den damaligen politischen Korrektheitsnormen so, wie in späterer Epoche die Bekenntnisse zum 'deutschen Volk' oder zum 'Marxismus-Leninismus' zu den sie abnötigenden politischen Systembedingungen gehörten.

'Nichts gegen Adel und Monarchie' - da sonst 'kultureller Werteverfall' drohe - und 'Alles gegen politische Aufklärung, Fortschrittsideen und Selbstbestimmung der breiten Bevölkerung' - da sonst Zivilisations-Chaos ausbreche - , das waren die Kerngedanken und Bekenntnis-Devisen dieses opportun-unrichtigen, öffentlich-'wissenschaftlichen' Argumentierens. und Darstellens.

Schon 1796 sprach Immanuel Kant sogar - 'kategorial' argumentierend - von 'Unmöglichkeit' und 'Undenkbarkeit' der 'Demokratie'.4).

IV. Zur Darstellung der Entwicklung eines geschichtswissenschaftlichen Ideologems von einem 'tragischen' 'Werteverfall' in einer 'modernen' Kultur.

Der nächste von Lisson hervorgehobene bürgerlich-akademisch-ideologische Aspekt ist die kollektive Vorstellung von der 'Geschichte als Tragödie':

Im allgemeinen wird das Wort 'tragisch' für solche als besonders, ja als übertrieben ausweglos vorgestellten Konstellationen menschlichen Handelns verwendet, wie sie in der griechischen Theaterdichtung als 'Tragödien' zum Thema anspruchsvoller öffentlicher Unterhaltung gemacht werden.

Daß die 'Geschichte', insbesondere die für die Menschheit wichtige zukunftsweisende Geschichte, im wesentlichen als 'tragisch' zu verstehen sei, muß allein schon wegen der Herkunft des Begriffs aus der Theaterkunst - in Frage gestellt werden.

Was das 19. Jhts. betrifft, liegt bei genauerem Zusehen aber außerdem die Annahme einer ideologisch kunstfertig induzierten 'begrifflichen Resignation' im Bereich politisch-realistischer Erkenntnis nahe.

Dem zur Seite steht - kongenial erstanden - eine Vorstellung vom 'Zerfall' des 'Organischen': Mehrfach unnötig - wie der Begriff des 'Historisch-Tragischen' - ist die Auffassung der gesellschaftlichen Ordnung als eines 'durch Wachstum und Verfall' bestimmten 'Organismus', der durch krankheitsähnliche 'Entartungsgefahren' bedroht sei.

Sieht man - etwa im Sinne heutiger Systemtheorie in der 'Gesellschaft' als ein 'soziales System', so entfallen alle im Organismus-Begriff enthaltenen, für die Gesellschaftsanalyse untauglichen Prämissen.

Bei diesen handelt es sich um ideologische Vorbelastungen.Vor allem im Hinblick auf ihre Folgen im allgemeinen politischen Denken bedacht, erweist sich die 'Organismus-Verfalls'-Konzeption als ideologisch. Denn sie hat eine besonders aktivitäts-hemmende und resignations-verstärkende öffentliche Wirkung; das Gegenteil gewissermaßen der 'volksbewegenden' Wirkung des Appells der Marseillese ("aux armes, citoyens, formez vos battaillons").

Von gleichem calmistischem Grundempfinden beseelt ist auch die akademisch-bürgerliche, 'anti-modernistisch' auftretende 'Zufluchtsuche' damaliger Zeit bei Homer: Um ein gebildet-literarisches Homer-Verständis ging es dabei nicht eigentlich. Vielmehr wurde einem solchen im Übermaß beigemengt ein romantisch getöntes Empfinden 'existenzieller Hoffnungslosigkeit'. Dies war aber nicht mehr und nicht weniger als eine allgemeinbewußte, paradoxe Zuspitzung. Die übermäßig sehnsuchtsvolle Verbundenheit mit einer weit entfernten Vergangenheit bedeutete nämlich zugleich die Abkehr von einer 'unerträglich' erscheinenden Gegenwart und Zukunft. Die übergroße Ehrfurcht vor der Tradition bedeutete damit die verinnerlichende Festlegung politisch eingeengten Denkens und Handelns auf ein Desinteresse an den 'allgemeinen', vom ganzen Volk zu entscheidenden politischen Fragen der Gegenwart.

V. Zur bürgerlich-akademischen Distanz sowohl zu antik-griechischer als auch neuzeitlich-libertärer 'Demokratie'.

In der Vorstellung vom 'Abschreckenden' 'antiker' 'Demokratie', so läßt Lissons Untersuchung erkennen, wird ganz offen und unbegründet ein geschichtswissenschaftlich-methodische Grund-Postulat verlassen. Denn das systematisch erklärende Verstehen eines historischen Prozesses als Methode wird von damaligen Gebildeten gegenüber der Strukturform der 'Demokratie' nicht angemessen angewandt: Ihre historisch wesentlichen Momente werden nicht systematisch und ggf. vergleichend erklärt. So wird - um nur ein Beispiel zu nennen - offenbar das damals historisch ernstzunehmende und politisch ernstgenommene Beispiel der schon im 18. Jht. (1776) neubegründeten USA - mit ihrer republikanisch-demokratischen Verfassungsstruktur, ihrer Grundrechtscharta und ihrer Gewaltenteilung - bei der 'Theoriebildung' ausgeblendet.

Der von den USA inspirierte, seit der französischen Revolution im gesamten europäischen Bereich grundsätzlich einsetzende und sich auch nach Deutschland ausweitende Prozeß einer Entmonarchisierung und Entaristokratisierung der dortigen politischen Ordnungen führt bei den von Lisson untersuchten Historikern und Philosophen zu einer fast verbohrt wirkenden, distanziert-konservativen Reaktion. Für diese Denkenge kann der in Deutschland allseits verehrte Immanuel Kant, wie schon erwähnt, als allzu starre Galeonsfigur gelten.3)

Auch andere - außerhalb Lissons Thema liegende - historische Illusionen gegenüber der Antike hatten - im 19. Jht., wie zuvor und danach - diese ideologische Tendenz. So in besonderer Weise die - ebenfalls geschichtswissenschaftlich untermauerte - damals weitverbreitete Bewunderung für die 'Größe' hellenischer, hellenistischer und römischer Herrscher bzw. erobernder Herrschaftsusurpatoren wie Philipp, Alexander, Caesar oder Augustus.

Die konsequente Infragestellung all solcher letztlich monarchie- und adelsfreundlicher Illusionen hätte im Deutschland des 19. Jhts ein kleiner, aber wichtiger Beitrag zur Abschaffung von Monarchie und Aristokratie als Staatsform sein können. In späteren Epochen wäre sie nötig gewesen, um den Widerstand gegen einen unvernünftig oder gewissenlos agierenden 'Staat' zu stärken.

VI. Zusammenfassung.

Der anerkennenswert systematische Ansatz und die handbuchartige Darstellung des Werks sollten vom Autor im Interesse einer gegenwärtigen und künftigen Grundlagenreflexion der Allgemein- und der Kulturgeschichte ('Historik') wissenschaftlich fortgesetzt werden.

Er sollte seine Untersuchungen dabei auch auf die ideologie-geschichtlichen Momente seiner vermutlich weiterhin ideengeschichtlich akzentuierten Fragestellungen ausdehnen.

Die Bewunderung geschichtswissenschaftlicher und -philosophischer Leistungen 'prominenter' Historiker und Geschichtsphilosophen des 19. Jhts. hat auch im wissenschaftlichen Allgemeinbewußtsein späterer Epochen zu viel Gewicht gehabt, als daß sich heute und in Zukunft eine klar ausformulierte Wissenschafts-Kritik auch daran erübrigte.


1) Die Angaben zu Person und Werken sind entnommen aus der WWW-Seite des Autors, http://www.franklisson.de/ .

Dort findet sich auch eine, wie es scheint, berechtigte Klage des Autors darüber, daß er in einem offenbar häufig benutzten 'Wikipedia' Eintrag zu seiner Person (http://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Lisson) unkorrigierbar unrichtig dargestellt werde. Es sei deswegen als Anregung an die deutschsprachige Wikipedia-Organisation verstanden, wenn im folgenden eine in ihrem Ton und Ziel verständlich erscheinende Richtigstellung des freien Autors Lisson, der von seiner Arbeit lebt, wiedergegeben wird:

"Der über mich verfasste Wikipedia-Eintrag enthält lauter Fehler, Irreführungen und Halbwahrheiten. Er ist ganz offensichtlich mit diffamierender Absicht erstellt worden, ohne Kenntnis meiner Person und meiner Werke. Bezeichnenderweise stört man sich besonders an meiner kleinen Schrift »Widerstand«, in der ich zur Verteidigung der Meinungsfreiheit auffordere. Das Büchlein ist gegen jene Leute gerichtet, die es einfach nicht ertragen können, dass in einer funktionierenden Demokratie ein breites Meinungsspektrum bestehen muss, und die deshalb Autoren, welche sich dafür einsetzen, zu verleumden versuchen. Man verhindert bei Wikipedia gegen alle Statuten jede Korrektur, ja sogar die Aktualisierung des Eintrags.

"Hier also die Richtigstellung der gröbsten Fehler, Irreführungen und Halbwahrheiten:

- Mich der sogenannten 'Neuen Rechten' zuzuordnen ist eine willkürliche Fremdzuschreibung. Gewiß, ich habe auch in der Jungen Freiheit, in der Sezession und bei Antaios publiziert. - Ebenso könnte man mich aber auch den 'Libertären' zurechnen; denn ich schrieb gleichfalls in 'eigentümlich frei', in der 'Weltwoche', im 'Schweizer Monat'. Oder dem links-liberalen Mainstream; denn ich arbeitete u. a. für den Fernsehsender 'SAT.1', man findet Texte von mir im 'Focus', beim 'dtv', auf 'Deutschlandradio Kultur' und im 'Deutschlandfunk'.

- Ich bin kein 'politischer' Autor, sondern ein philosophischer; denn ich schrieb nur eine einzige kleine politische Schrift, aber bislang acht philosophische Bücher.

- Die 'Junge Freiheit' ist einst zu Unrecht vom Verfassungsschutz beobachtet worden, wie das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil vom 24.05.2005 (Az.1 BvR 1072/01, BVerfGE 113, 63) entschied.

Es bleibt also zu hoffen, dass vernünftige Menschen die dubiosen Methoden bei 'Wikipedia' durchschauen und nicht alles glauben, was böswillige, anonym agierende Zirkel im Internet verbreiten."

2) Der Titel eines zur Veröffentlichung i. J. 2014 vorgesehenen neuen Buches des Autors 'Die Verachtung des Eigenen. Über den kulturellen Selbsthaß in Europa: Ursachen und Verlauf des kulturellen Selbsthasses in Europa' bestätigt etwa diese Einschätzung. Ein deutlicher Antikenbezug in kulturkritischer Begriffsbildung und Wortwahl läßt sich u. a. auch an lateinischen gefaßten Begriffen wie 'homo absolutus' erkennen. Dieser Ausdruck scheint an eine ähnliche Formulierung des Romans von Max Frisch, 'Homo faber' (1957) anzuknüpfen; Frisch wiederum geht es um die 'tragische Irreleitung' und 'Schuld' des Typus eines 'modernen', 'rationalen', 'radikal bindungslos' gewordenen Menschen.

3) Frank Lisson, Hellas als unerreichbare Gegenmoderne. Die Entstehung des tragischen Bewußteins aus der Griechensehnsucht in der deutschen Altertumswissenschaft zwischen 1800 und 1875., Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2013.

4) Immanuel Kants 'kategorische' Ablehnung der französischen Revolution geht etwa hervor aus seinem Werk 'Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis. - Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf', 1792 und 1995. Mit Einleitungen und Anmerkungen, Bibliographie und Registern kritisch herausgegeben Heiner F. Klemme, Felix Meiner Verlag Hamburg 1992, S. 31 - 39.


(Bearbeitungsstand 14. 3. 2014)

Hg. dieser WWW-Seite: Christian Gizewski, Prof. Dr., TU Berlin, Privatanschrift: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.: 030 8337810, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de .