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Hippokratischer Eid1) und fehlgeleitete Suizid-Behinderung in einem übermäßig erwerbsorientierten Gesundheitssystem. Zu: Michael de Ridder "Welche Medizin wollen wir?'2).

Von Christian Gizewski

(Bearbeitungsstand: 13. Juni 2015)


I. Zur Abgrenzung medizinischer Tätigkeit im Sinne der hippokratischen Tradition1) von andersartigem Arzt-Verhalten.

'Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der Übel größtes nicht der Tod. Der erste Teil dieses eigens für diesen Beitrag erfundenen Sinnspruchs entstammt Schillers Trauerspiel 'Die Braut von Messina'.Am Schluß der Tragödie spricht ihn der Chor angesichts eines heroischen 'Selbstmords aus Ehrgefühl' aus. Der zweite Teil der Maxime formuliert einen in heutiger Zeit wichtig gewordenen ethischen Grundgedanken, der sich auf 'die Medizin' und darüber hinaus au den weiten Bereich eines teilweise öffentlich, teilweise privatwirtschaftlich organisierten 'Gesundheitssystems' bezieht.

Wenn individuelles menschliches Leben und Gelingen naturnotwendig begrenzt ist durch Anlagedefekte, unheilbare Krankheiten, schwere Organverluste oder Organdefekte und den sich am Lebensende allmählich, aber unweigerlich Schritt für Schritt vollziehenden Alters-Tod, dann muß sich nicht nur die medizinische Behandlung einzelner Menschen, sondern das ganze organisatorische System der Patientenbehandlung als solches sinnvollerweise darauf einrichten. Weder sollte der einzelne Mensch sich etwas vormachen noch sollte allen Menschen generell das organisierte System einer Medizin-Anwendung im strikten Sinne des Wortes das antun. In beiden Fällen muß von den jeweils Verantwortlichen gewissenhaft und offen festgestellt werden, wo die Grenzen ihrer Heil- und Hilfstätigkeit liegen. Jenseits dieser Grenzen beginnt etwas anderes als Medizin - vom Heil-Glauben an Unmögliches über die Vermittlung wohltuender und ablenkender Gefühle bis zu werbend-gewerbsmäßigem Vortäuschen objektiv unbrauchbare Waren und Dienstleistungen.

Die Verwirklichung der einleuchtenden allgemeinen Ziele

1. einer energischen, präventiven Gesundheitsförderung,

2. der Entwicklung effektiver, in ihren Wirkungen unzweifelhaft abgesicherter Heilmittel,

3. einer strikt patientenorientierten ambulanten Krankenbehandlung und

4. einer strikt patientenorientierten stationär-krankenhäuslichen Patientenversorgung

ist wegen fachintern-praktischer Organisationsprobleme, aber auch wegen genereller Fehlentwicklungen im 'Gesundheitssystem' erschwert.

Für diese ist wiederum von Bedeutung eine ideologisch motivierte Verunklärung dessen, was am Ende des Lebens wirklich noch sinnvoll für Patienten getan werden kann, durch eine wohl allgemeinkulturelle Maxime 'vergiß den Tod', das Gegenteil der realistischen Regel 'memento mori'

Verstärkt wird diese Verunklärung im Rahmen einer marktwirtschaftlich verstandenen, besonders kostenträchtigen 'Angebots-Medizin', in der nicht der Dienst für die Patienten, sondern die erwerbsgeschäftliche Konkurrenz um ihre Krankenversicherungen und ihre Vermögen im Mittelpunkt steht.

Mit all dem befaßt sich das Werk de Ridders auf die ihm eigene konkrete Weise, mit der er die Essenz seiner Erfahrungen zusammenfaßt.

II. Übersicht über Michael de Ridders Werk 'Welche Medizin wollen wir?' 2)

Die vielen mit diesen Problemen verbundenen praktischen und konkreten Fragen der ärztlichen Behandlung todkranker oder todesnaher Menschen finden sich in einer 2015 erschienenen eindrucksvollen medizinkritischen Problemdarstellung behandelt: Michael de Ridders Werk 'Welche Medizin wollen wir?'

Dem Leser wird empfohlen, sich über die nachfolgenden Textauszüge und Übersichten zunächst einen eigenen Eindruck von diesem, wie es scheint, zeitgemäß-problemorientierten Werk zu verschaffen. Grundlagen und Selbstverständlichkeiten medizinischer Praxis werden bereits bei dieser Vorablektüre als aus eigener ärztlichen Erfahrung beurteilte und kritisierte erkennbar. Besonders glaubwürdig wird alles dadurch, daß dabei der Hauptarbeits- und Erfahrungsbereich des Autors - eines langjährigen leitenden Klinikarztes im Bereich der Herzchirurgie - als Erfahrungsgrundlage plastisch, anschaulich und durchweg konkret belegt hervortritt.

Auszüge aus Michael de Ridders Werk zur Vorablektüre.

Diese Auszüge stehen unter Urheberrechtsvorbehalt.

De Ridders Gesamtbeurteilung des Gesundheitswesens ist überwiegend 'kritisch', manchmal schonungslos. Er spricht

III. Zu (nur) einem der erörterten Themen, beurteilt aus der Patienten-Perspektive.

A. Zu allen von de Ridder erörterten Themen kompetent und eingehend Stellung zu nehmen, ist hier nicht sinnvoll und beabsichtigt. Dafür wäre vor allem eine entsprechende ärztliche Erfahrung nötig.

1. Hier soll nur etwas erklärt und bekannt werden zu einer zentralen der vielen einfühlsamen Positionen de Ridders: Er meint, bei der Betreuung von Alterskrankheiten, die als Vorformen des Sterbens verstanden werden müssen, sei auch der wohlerwogene ärztliche Beistand beim Sterben ethisch richtig.

2. Daran anknüpfend soll hier eine weitergehende Position vertreten werden, nämlich: Es bedarf eines geeigneten Verfahrens, in dem jeder mündige und zurechnungsfähige Mensch jederzeit sein Leben selbsttätig - d. h. ohne 'Hilfe' anderer - muß beenden können.

Zu 1. Auf der eher hoffnungslosen Seite ärztlichen Handelns stellt besonders die Aussichtslosigkeit schwerer Krankheits- oder Altersleiden eine natürliche Grenze ethisch vertretbaren ärztlichen Handelns dar. Der Arzt kann dann im Sinne eines traditionellen Verständnisses seiner 'hippokratischen' Arztpflichten, wie schon immer, dem Patienten das Lebensende, besonders das Sterben selbst, erleichtern. Er darf dabei aber nach traditioneller Auffassung einem Patienten nicht eine sogenannte 'aktive Beihilfe zum Sterben' leisten.

Das damit eintretende ethische Problem ärztlichen Handels, einen Todkranken unter Qualen sterben lassen oder in Überschreitung der überlieferten hippokratischen Normen - zwar nicht als Arzt, sondern aus Gründen der Menschlichkeit - gegebenenfalls sogar anstelle des Patienten für diesen und gegen sein ihn quälendes End-Leben zu handeln, bedarf aber dennoch einer Lösung. Bei jeder ärztlichen oder mitmenschlichen Sterbehilfe muß verhindert werden, daß ein pflegebedürftiger, todesnaher Patient aus Gründen der großen Kosten, die seine Pflege bis zum Tode verursacht, zu schnellerem Sterben gedrängt wird. Dies scheint das Haupimotiv eines derzeit (2015) von zwei CDU-Bundestagsabgeordneten eingebrachten Gesetzentwurfs zu sein, welcher jede Art aktiver Sterbehilfe strikt unter Strafe gestellt sehen möchte.3)

Allerdings ist dabei die Fragestellung, ob ein Sterbender selbst wirklich möglichst bald und schmerzlos seinem Leben ein Ende machen will, im wesentlichen ausgelassen. Wer aber könnte ihm selbst das wirklich - und sei es nur durch strafrechtlich formulierte Glaubensbekenntnisse - verwehren?

Zu 2. Es gibt ja prinzipiell den Weg einer ohne fremdverursachte Schwierigkeiten und Mißlingens-Risiken völlig eigenverantwortlich - und zugleich rechtswirksam dokumentiert - sich vollziehenden Selbsttötung des dazu Entschlossenen. der seiner Erkenntnis mächtig ist.

Prinzipiell können wohlerwogene und gefestigte, generelle oder persönliche Überzeugungsgründe aller Art immer dazu führen, den Tod einem ungeliebten, als unnütz empfundenen oder gleichgültig gewordenen Leben vorzuziehen.

Die berechtigten Interessen anderer - zumeist einzelner - Menschen können zwar gelegentlich eine freiwillige Lebensbeendigung aus ethischen und dann auch aus gesetzgeberisch entsprechend zu regelnden rechtlichen Gründen ausschließen.

Nicht aber kann sie ausschließen etwa ein durch die religiöse Tradition vermitteltes göttliches Gebot zur Selbsterhaltung des Menschen.

Die durchaus menschenfreundliche, biblisch-religiös und theologisch begründete Tradition4), der Mensch dürfe das ihm von Gott mit seiner Erschaffung geschenkte Leben nicht 'eigenmächtig' 'wegwerfen', stößt mit anderen gefestigten Moraltraditionen zusammen, die dies - ethisch einleuchtend - zulassen und immer schon zugelassen haben. So setzt der militärisch - für annehmbare Ziele - abgeforderte, aber letztlich freiwillige Lebenseinsatz im Kriege die Bereitschaft voraus, das eigene Leben im Kampfeinsatz zu beenden. Ähnlich ist es mit dem ggf. todesentschlossenen humanitären Einsatz des Lebens im Dienste der Rettung anderer Menschen.

Gegen eine Selbsttötung Todkranker spricht vor allem nicht, wie oben erwähnt, der Einwand, das Verfahren dabei sei rechtlich nicht regelbar. Die Verwirklichung eines Selbsttötungs-Beschlusses kann vielmehr durchaus in einer rechtlich vorab klar geregelten und im Vollzug auch öffentlich nachprüfbaren Weise, d. h. wenn nötig auch unter Zeugen und mit dem Beistand anderer Personen, geschehen.

Die Anwesenheit anderer Menschen ist dabei aber grundsätzlich nicht erforderlich, sondern eher unnötig hinderlich.

Wo das Leben aus Sicht eines daran Leidenden seine Grenze erreicht hat. kann jedoch die selbstbestimmte - und insoweit dokumentierte - Selbsttötung auch in Gegenwart und sogar unter zurückhaltendem Beistand anderer Menschen geschehen, die den Sterbenden in der Durchführung seines Entschlusses unterstützen, auch, soweit der Situation nach äußerstenfalls nötig, wenn dieser nicht mehr bei Bewußtsein ist.

Was in dem 'hippokratischen Eid' des antiken ''Corpus Hippocraticum', speziell im 'Hippokratischen Eid' formuliert ist1), kann daher in einer Zeit zunehmender allgemeiner Lebensverlängerung nicht mehr ohne die - schon immer angemessenen - Korrekturen fortgelten.

B. Einige andere von de Ridder zusammenhängend erörterte ethische Probleme eines heutigen 'Gesundheits-Sytems' seien nur kurz erwähnt, soweit sie das hier erörterte Hauptthema betreffen..

Besonders wichtig - und historisch neuartig - sind ja die von de Ridder genauer erörterten, durch ökonomische Motive bedingten organisatorische Fehlentwicklungen des ganzen Gesundheitswesens:

1. die 'liberal-wirtschaftlichen' Schwerpunktsetzungen der Gesundheitspolitik,

2.das Fehlen hinreichender örtlicher, ambulanter Gesundheitsversorgung,

3. die Marktorientierung, Konkurrenz, 'Einsparmaßnahmen' erwerbswirtschaftlich orientierter Krankenhausbetriebe, dabei besonders schwere betriebsorganisatorische Defekte der Krankenhausführung,. etwa bei der Einsparung und Überlastung des pflegerischen Personals,

4. die erwerbswirtschaftlich motivierte Zweckentfremdung ärztlichen Handelns in der 'Wellness-Medizin' und in 'exquisiten Medizin-Angeboten'.

Dabei ist in diesem Punkte überhaupt zu fragen, ob derartige Angebote auf einem 'Gesundheitsmarkt' nicht deutlicher als medizinwirtschaftliche Konsumartikel bezeichnet werden sollten,

Zu fragen ist darüber weit hinaushend auch, inwieweit eine 'Palliativ-Medizin' durch okonomische 'Fehlorientierungen', und betriebsökonomische 'Rendite-Zwänge' unmoralisch wird, bei denen es um einen fremden Vorgriff auf das Vermögen und Erbe eines Todgeweihten geht.

IV. Praktische Konsequenzen einschließlich der Aufgaben des 'Gesetzgebers'.

De Ridders Ausführungen sind kulturkritisch, aber auch politisch zu verstehen; denn sie wenden sich außer an die Allgemeinheit der medizinisch betroffenen Bürger auch an den derzeitigen Gesetzgeber' und legen ihm nahe, sie in einem hoffentlich baldigen Reform-Gesetzgebungsverfahren umfassend mitzuberücksichtigen, wobei ihnen ideologisch entgegengestellte, nicht mehr überzeugende Traditionen aufzugeben werden müßten. Dabei ist zu hoffen, daß es nicht zu Strafrechtsnovellierungen ungeeigneter Art kommt

A. Die Notwendigkeit, das Prinzip der Wahlfreiheit bei der Selbsttötung rechtlich vorbehaltlos anzuerkennen. Besonders wichtig ist unter heutigen Umständen der Altersentwicklung in der Bevölkerung die rechtliche Nichtbehinderung der Wahlfreiheit zur Selbsttötung bzw. ihre angemessene rechtliche Unterstützung.

Es geht vor allem

'Der Gesetzgeber' ist dieser Notwendigkeit bisher - vermutlich vor allem aus christlich-religiös tradierter Überzeugung - nicht annähernd gerecht geworden. Gerade auf diesem Gebiet darf man deswegen aber keinesfalls die von de Ridder so deutlich gemachten kommerziellen Interessen in einer Medizin-Politik vergessen, die sich als christlich versteht, aber zeitweise auch nur darstellt.

Denn ein Mensch, der einige Monate oder gar Jahre eines ihm immer unerwünschter werdenden Vor-Todes-Lebens in einem 'goldenen Palliativ-Käfig' kostenaufwendig krankenhaus-medizinisch behandelt wird, verliert dabei möglicherweise all sein bisheriges Vermögen. Denn außer Sich-Aufhängen oder Unter-den-Zug-Werfen5) - gibt es kaum schnell und sicher realisierbare Wege zur Selbsttötung sieht

Es gibt demgegenüber, um es zu wiederholen, nicht wenige ethisch wohlbegründete Wert-Traditionen, die einen anderen Weg nahelegen6).

B. Von de Ridders Positionen ausgehend sollte man aber dabei andere strukturelle Reformen nicht vergessen:

Vielleicht läßt sich derartiges einmal durch einen Regierungswechsel erreichen.


Anmerkungen

1) Hippokrates: Schriften. Die Anfänge der abendländischen Medizin. Aus dem Griechischen übersetzt und herausgegeben von Hans Diller. Reinbek, Rowohlt 1962; Neuausgabe u.d.T. Hippokrates: Ausgewählte Schriften. Mit einem bibliographischen Anhang von Karl-Heinz Leven. Stuttgart, Reclam 1994. - .Aus dem (umfangreichen, alle Aspekte antiker Arzttätigkeit betreffenden ) 'Hippokratischen Eid', Abs. 4: 'Ich werde niemandem, nicht einmal auf ausdrückliches Verlangen, ein tödliches Medikament geben, und ich werde auch keinen entsprechenden Rat erteilen; ebenso werde ich keiner Frau ein Abtreibungsmittel aushändigen.'

2) Michael de Ridder, Welche Medizin wollen wir? Warum wir den Menschen wieder in die Mitte ärztlichen Handelns stellen müssen. Deutsche Verlagsanstalt München 2015. www.dva.de - Von demselben Autor stammt die Publikation 'Wie wollen wir sterben?: Ein ärztliches Plädoyer ['für eine neue Sterbekultur'] in Zeiten der Hochleistungsmedizin, Deutsche Verlagsanstalt München 2010..

3) Patrick Sensburg und Thomas Dörflinger, Gesetzentwurf zur Neufassung des § 217 StGB. gestellt am 19. Mai 2015, (> http://www.kath.net/news/50637)

4) Genesis 2, Vers 7 ist die biblische Schriftstelle, aus der theologisch traditionell eine Verpflichtung des gottgeschaffenen Menschen abgeleitet wird, sein Leben nicht undankbar, uneinsichtig, hoffnungslos, was göttliche Hilfe betrifft, und insoweit 'eigenmächtig' aufzugeben. Doch bleibt dabei immer auch der Zweifel an der Existenz Gottes, der ja, gäbe es ihn, verantwortlich wäre für so etwas 'Sinnloses' wie den Tod und das Leiden..

4) Zur Statistik der Selbsttötung in Deutschland [Zusammenstellung aus mehreren Wikipedia-Textstellen C. G.].

In Deutschland starben im Jahr 2012 durch Suizid weitaus mehr Menschen als durch Verkehrsunfälle, Mord und Totschlag, illegale Drogen und Aids zusammen. Das ergibt sich aus Zahlen, die das Statistische Bundesamt im Dezember 2013 publiziert hat. Demnach waren 1,1 Prozent aller Todesfälle im Jahr 2012 Suizide (1,8 Prozent Männer und 0,6 Prozent Frauen).

Mißlungene Selbsttötungen kommen 10 - 15 mal häufiger vor.

Die absolute Zahl von - in den letzten Jahren - jährlich ca.10.000 (2011:10144) umfaßt zur Hälfte Selbsttötungen durch Aufhängen, zu einem Fünftel durch besonders gewaltsame Selbsttötungsformen. Die andere Todesarten, zusammen ein Zehntel, sind in ihrem Erfolg im allgemeinen nicht sicher planbar.

Genauer: Bei den 10.144 im Jahre 2011 erfaßten Suiziden in der Bundesrepublik Deutschland wurden folgende Todesarten festgestellt:

• Erhängen/Ersticken 5538 (50 %)

• Sturz in die Tiefe 1100 (10 %)

• Erschießen (meist Kopfschuß) 572 (5 %)

• Sich vor den Zug oder vor Autos werfen 556 (5 %)

• Vergiftung durch Medikamente 940 (8 %)

• Abgase ins Auto leiten 216 (2 %).

Die Sterblichkeit durch Suizid ist stark abhängig von Alter und Geschlecht. Kinder waren im Jahr 2007 mit einer Sterblichkeit von weniger als 0,3 je 100.000 Einwohner kaum betroffen. In der Gruppe der 15- bis 19-Jährigen betrug die Sterblichkeit dagegen 2,1 (weiblich) bzw. 6,2 (männlich) je 100.000 Einwohner. Bei den 85-Jährigen und Älteren stieg sie auf 17,9 (weiblich) bzw. 68,7 (männlich) je 100.000 Einwohner.

Der Anteil von Selbsttötungen an den Todesursachen erreichte dennoch bei jungen Erwachsenen ein Maximum, da deren Sterblichkeit durch Krankheit sehr niedrig ist. In der Altersgruppe der 15- bis 35-Jährigen war Suizid Ursache in einem von sechs Todesfällen (16,5 %). Insgesamt betrug in dieser Altersgruppe die Suizidsterblichkeit von weiblichen Personen 5,7, von männlichen 17,4 je 100.000 Einwohner. Von [absolut] 9402 Suiziden wurden 7009 (74,5 %) von Männern ausgeführt.

Bei den i. J. 2004 erfassten 11.150 Suiziden in der Bundesrepublik Deutschland wurden folgende Todesursachen erfasst:

• Erhängen/Ersticken 5538 (50 %)
• Sturz in die Tiefe 1100 (10 %)
• Vergiftung durch Medikamente 940 (8 %)
• Erschießen (meist Kopfschuss) 572 (5 %)
• Sich vor den Zug oder vor Autos werfen 556 (5 %)
• Abgase ins Auto leiten 216 (2 %)

Die 'Selbstmord'-Rate ist bei Ärztinnen und Ärzten durchweg 3 bzw. 5 mal so hoch wie die durchschnittliche Suizid-Rate der Bevölkerung.

6) Aus der Antike stammen die Suizid-Beispiele des Sokrates (Logos-Philosophie) und des Seneca (Stia). Für die religions- und kulturkritische Gegenwartsphilosophie sei die von Friedrich Nietzsches in seinem Werk 'Also sprach Zarathustra' (Kapitel 'Vom freien Tode') vertretene Position genannt:

"In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend glühn, gleich einem Abendroth um die Erde, oder aber das Sterben ist euch schlecht gerathen."


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