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Die Konversion Cassiodors als Typus politischen Handelns.

Von Christian Gizewski.

Erstpublikation 1990.

ÜBERSICHT

1. Die Frage nach politischen Motiven bei der Konversion Cassiodors in den Jahren 539/540.

2. Die Hypothese politischer Motive vor dem Hintergrund der byzantinisch-ostgotischen Konflikte.

3. Der Konversionsprozeß im Spiegel der Schriften "Variae" und "De anima".

4. Später erkennbare Positionen Cassiodors in allgemein- und kirchenpolitischen Fragen.

5. Schluß: Der Rückzug ins Kloster als historisch neuer Typus politischen Handelns.

1. ABSCHNITT: Die Frage nach politischen Motiven bei der Konversion Cassiodors in den Jahren 539/540.

a) Die Ausgangslage.

Die folgenden Überlegungen gehen aus von Ereignissen der Jahre 539/540 n. Chr. in Italien. Dies ist 63 Jahre nach der Absetzung des letzten für den westlichen Teil des Imperium Romanum legitim eingesetzten, Romulus Augustulus genannten Kaisers durch den skirischen Magister militum Odoakar und 44 Jahre, nachdem der ostgotische Fürst Theoderich, vom oströmischen, d. h. byzantinischen Kaiser zu einer "praeregnatio" (Excerpta Valesiana 49) in Italien und den angrenzenden Gebieten Pannoniens und Illyriens berufen, dort zugleich auch als 'rex' seines Volkes die Herrschaft angetreten hatte. Theoderich war im Jahre 539 schon 13 Jahre tot; zu dieser Zeit herrschte in Italien noch der gotische König Wittigis. In Byzanz regierte seit 526 der Kaiser Justinian, fast noch am Anfang einer bis zum Jahre 565 dauernden Regierungszeit stehend.

Nach seiner erfolgreichen militärischen Expedition gegen das Vandalenreich in den nordafrikanischen Provinzen Africa und Byzacena der Jahre 533/534 hatte der Magister militum Justinians Belisar im Jahre 535 den Anschlußauftrag erhalten, sich wegen verschiedener Konflikte mit dem gotischen Regime in den Besitz Siziliens zu setzen und anschließend, wenn möglich, auf die Verhältnisse in Italien Einfluß zu nehmen. Belisar war in Sizilien unerwartet erfolgreich gewesen und zu Beginn des Jahres 536 über die Straße von Messina auf das Festland übergesetzt, wo es ihm im Laufe des Jahres mit einer Streitmacht von nur wenigen tausend Mann gelang, den ganzen süd- und mittelitalischen Bereich bis nach Perugia (Etrurien) hin unter seine Militärgewalt zu bringen. Das bis dahin unentschlossene gotische Regime entschloß sich in dieser Lage zum Kampf, und es begann ein regulärer Krieg, in dessen Verlauf Belisar mit der Verteidigung des 14 Monate lang von den Goten belagerten Roms - von Felix Dahn als "Kampf um Rom" beschrieben - zunächst in die Defensive geriet. Dann aber, mit einer allmählichen Verstärkung seiner Streitmacht auf etwa 15.000 Mann, drang Belisar seit dem Jahre 538 weiter nach Norden, auch in die Kernbereiche der gotischen Besiedlung in Ämilien und Ligurien, vor. Es gab dabei eine schwere Verwüstung des Landes und lange Belagerungskämpfe um Mailand, Rimini, Orvieto, Faesulae und Auximum als militärische Stützpfeiler der gotischen Herrschaft - für beide Kriegsparteien erschwert durch fränkische Interventionen und Plünderungsaktionen in Norditalien.

Im Sommer 539 neigten sich diese Kämpfe wegen Erschöpfung oder Desorganisation der gotischen Kräfte, dem Ende zu. Belisar rückte auf Ravenna, die Hauptstadt des gotischen Regimes vor und schloß es von der Land- und von der Seeseite ein. Bei der gotischen ebenso wie bei der einheimisch-italischen - militärischen und zivilen - Gefolgschaft des Gotenkönigs Wittigis, der mit einem an sich starken Heer und militärisch nicht ohne Handlungsmöglichkeiten in dem stark befestigten und gut versorgten Ravenna saß, setzten, wie in solchen Situationen üblich, nun Überlegungen über die politischen Alternativen zu einer Fortsetzung des Kriegs ein. Schon in früheren Stadien des Krieges, etwa während der Belagerung Roms, hatte man derartige Schritte erwogen. Prokop schildert uns in seiner Geschichte des Gotenkrieges, an dem er als Ratgeber und Offizier in der unmittelbaren Umgebung Bellsars teilnahm, die Ereignisse genau (Buch 2, Kap. 28 - 30). Es gab eine Durchhaltepartei und, wie schon früher, eine solche, die in einer Unterordnung unter den byzantinischen Kaiser eine Chance für die Erhaltung gotischer Besitzstände und Herrschaftsrechte in Italien sah. Eine dritte, sozusagen mittlere Richtung setzte darauf, daß man Belisar dafür gewinnen könne, anstelle des Wittigis und gegen den Willen Justinians Herrscher in Italien zu werden, d. h. dort mit gotischer Hilfe und gestützt auf seine Militärmacht in Italien, die Herrschaft zu übernehmen - was nach römisch-rechtlichen Vorstellungen eine klare Usurpation bedeutet hätte-, um auf diese Weise, wie mancher romische Feldherr vor ihm, irgendwann selbst Kaiser zu werden. Belisar ließ sich während der monatelangen Verhandlungen auf derartige Anerbieten, denen auch der König Wittigis zustimmte, zwar ein, aber nur zum Schein, wie Prokop bezeugt. Vertraglich garantierte er den eingeschlossenen Goten lediglich Leben und Besitz, und tatsächlich verstärkte er während der Verhandlungen die militärische Abschnürung Ravennas. Auf diese Weise konnte er Ravenna schließlich kampflos besetzen. Die Herrschaft usurpierte er dann aber nicht. Vielmehr entwaffnete er das gotische Heer , entließ dessen Krieger an ihre Wohnsitze und nahm Wittigis zusammen mit seiner politschen und militärischen Gefolgschaft gefangen, sodaß von dieser Seite der Krieg nicht fortgesetzt werden konnte.

Im Winter des Jahres 540 wurde Belisar aufgrund naheliegender Denunziationen beim Kaiser wegen seiner Verhandlungen mit Wittigis nach Byzanz zurückberufen, wohin er den König und sein Gefolge mitnahm. Dort wurden die gotischen Gefangenen zwar, wie zuvor, zuvorkommend und ehrenhaft behandelt, aber auf Dauer festgehalten. Wittigis starb einige Jahre später. In Italien reorganisierte sich nach kurzer Zeit auf gotischer Seite die Kriegspartei, und der 'Gotenkrieg' in Italien setzte sich weitere lange Jahre fort. Auf oströmisch-byzantinischer Seite stand dabei nicht mehr Belisar als Oberbefehlshaber. Nachdem er eine Weile in kaiserliche Ungnade gefallen war - zu Unrecht, wie der das Kaiserhaus dafür hassende Prokop in seinen 'Anekdota' deutlich macht -, wurde er mit einem Kommando im Krieg gegen die Sassaniden betraut, während in Italien der ihm zuvor untergebene Narses seine Nachfolge als als Feldherr antrat und nacheinander den gotischen Königen Ildibad, Totila und Teja gegenüberstand, bis auch dieser Teil des Krieges im Jahre 553 - nach der 'Schlacht am Vesuv' (mons Lactarius) - für die Byzantiner siegreich beendet wurde. Danach gab es nur noch kleinere kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den weiterhin in Norditalien siedelnden Goten und den Byzantinern. Eine gotische Königsherrschaft existierte aber in Italien seither nicht mehr.

Das Jahr 539, das die erste Zäsur im gotisch-byzantischen Kriege darstellt, machte dem italisch-römischen Anhang des gotischen Regimes mit dem Fortschreiten der militärischen Entwicklung und dem Aufbau einer eigenen byzantinischen Verwaltung in den besetzten Gebieten deutlich, daß eine seit Jahrzehnten bestehende Symbiose von römischer Zivil- und gotischer Militärverwaltung unter der "praeregnatio" eines Gotenkönigs keine Zukunftsperspektive mehr hatte. Die Entwicklung mußte entweder auf eine fortgesetzte Polarisation zwischen Byzanz und Ravenna hinauslaufen, selbst bei einer Usurpation der Herrschaft durch Belisar, oder aber auf eine akzentuierte Wiederherstellung der traditionellen römischen Ordnung, bei der die Verdrängung aller nicht absolut kaisretreuen Elemente aus den wichtigeren Herrschaftsfunktionen bevorstand. Wer bisher in einer Art Doppelloyalität als italischer Römer dem gotischen Regime als einer Regierung im Auftrage des legitimen römischen Kaisers und unter den Vorgaben der römisch-rechtlichen und -staatlichen Traditionen gedient hatte, mußte vorhersehen, daß diese Haltung in Zukunft kaum mehr möglich sein werde. Letzlich mußte er sich also entscheiden zwischen einer 'unabhängig-gotischen' und einer 'reaktiv-byzantinischen' Seite, zumindest wenn er weiterhin politisch-militärische Verantwortung tragen wollte und es nicht generell vorzog, sich auf irgendeine Weise aus dem unübersichtlichen politischen Felde überhaupt zurückzuziehen.

Zu dem in dieser Hinsicht betroffenen Kreis von Gefolgsleuten des Königs Wittigis gehörte auch der höchste Beamte seiner Zivilverwaltung, Cassiodor - mit dem vollen Namen Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus und dem seine römisch-hochadlige Herkunft unterstreichenden Beinamen 'Senator' (geb. um 485, gest. um 580 n. Chr.). Nach der von Theoderich mit dem oströmischen Kaiser getroffenen und und bei seinen Nachfolgern zunächst fortgeltenden Vereinbarung waren nicht nur die höherrangigen Verfassungsprinzipien und Kaisergesetze römischer Tradition vom gotischen 'rex' zu respektieren, wenn er von der ihm zustehenden Edizierungskompetenz gegenüber den römischen Untertanen Gebrauch machte. Es waren auch alle Staatsämter im Bereich der traditionellen zivilen Ämterverfassung mit Römern - also nicht mit Goten - zu besetzen (Prokop, Got. 2, 6: "pasai archai"). Cassiodor war als Angehöriger einer traditionell in kaiserlichen und - seit dem gotischen Machtantritt - in königlichen Diensten stehenden senatorischen Familie von Jugend an mit dem gotischen Hofe vertraut. Schon in jungen Jahren war er dort eingeführt worden und hatte dann in schnell aufsteigender Karriere die Ämter eines 'quaestor palatii', eines 'consul ordinarius' und eines 'magister officiorum' durchlaufen. Die Spitze seiner Karrieremöglichkeiten errreichte er am 1. Sept. 534 mit der Ernennung zum 'praefectus praetorio' durch den unter regentschaftlicher Vormundschaft seiner Mutter Amalasuentha stehenden Gotenkönig Athalarich (Variae 9. 24 und 25 ). In diesem Amte darf Cassiodor auch noch zur Zeit der Belagerung Ravennas angenommen werden. Auf die Einzelheiten des Lebenslaufes, soweit sie für unser Thema wichtig sind, ist später noch genauer einzugehen. Es genügt an dieser Stelle die zusammenfassende Feststellung, daß Cassiodor sein Leben lang, bis im Jahre 539 ein Wendepunkt eintrat, in aktiver Loyalität zum gotischen Herrscherhaus - durch dieses in seiner Karriere gefördert und mit ihm bis zum Ende der Herrschaft des Wittigis in höchstverantwortlicher politisch-administrativer Stellung verbunden - lebte und handelte. (1)

b) Die Fragestellung.

Wie sehen die Perspektiven und Motive eines solchen Mannes einmal im Hinblick auf das Regime, dem er gedient hat, und zum anderen für sich persönlich in dieser seit dem Jahre 535 sich polarisierenden und allmählich auf die Seite der Byzantiner neigenden Lage aus? Diese Frage ist nicht nur biographisch, sondern auch allgemeingeschichtlich interessant; denn in der damaligen Zeit entwickelt sich ein neuer der Typus der Umorientierung auf neue politische Machtverhältnisse, nämlich die für das Mittelalter so charakteristische 'Konversion'. Der Rückzug eines an den Rand seiner Existenz getriebenen Politikers aus der Politik in ein strikt geistlich-christliches Leben wird, wie es scheint und wie im folgenden darzulegen ist, bei Cassiodor als neuer Typus politischen Handelns erkennbar.

Zu dieser Frage äußern sich teilweise die der Zeit um die Jahre 539/540 nahestehende Schriften Cassiodors "Variae" und "De anima", teilweise einige spätere wie "Expositio psalmorum" und "De orthographia" und schließlich auch einige andere Quellen, wie z. B. die Briefe des Papstes Vigilius. Einige sichere Tastsachen lassen sich so ermitteln. Doch wird vieles Wichtige von den Quellen nicht direkt beantwortet. So kommt es auf genauere Textuntersuchungen und -kombinationen an, um weitergehende Schlußfolgerungen ziehen zu können.

Fassen wir diese Quellenlage in ihren wesentlichen Punkten zusammen, so ergibt sich folgendes Bild:

Die Aufgaben eines Praefectus praetorio hat Cassiodor nach eigenen Angaben noch in Ravenna ausgeübt, und zwar bis zu seinem Rückzug aus der Politik. Er habe "irgendwann in der Stadt Ravenna die Verpflichtungen seines Amtes und die mit schädlichem Eifer betriebenen weltlichen Geschäfte zurückgewiesen" und nach diesem Ende seiner politischen Tätigkeit begonnen, sich intensiv in die göttlichen Psalmen zu versenken, um deren "heilsame Worte auf wohltuende Weise nach einer sehr bitteren Tätigkeit in sich aufzunehmen" ("repulsis aliquando in Ravennati urbe sollicitudinibus dignitatum et curis saecularibus noxio sapore conditis, cum Psalterii coelestis animarum mella gustassem, ....avidus me srutator immersi, ut dicta salutaria suaviter inhiberem post amarissimas actiones." - Psalt, praef. 1). In die Zeit offenkundig noch vor dem Ausscheiden aus dem Amte in Ravenna fällt nach Cassiodors eigenem Bekunden auch die Zusammenstellung einer Sammlung von ihm während seiner Amtszeit verfaßter Regierungs- und Verwaltungsakte, der späteren "Variae"; er teilt mit, er habe für deren Anfertigung neben seinen amtlichen Geschäften kaum Zeit gefunden ("nonus annus ad scribendum relaxatur autoribus, mihi nec horarum momenta praestantur"- Var., praef. 1). Sein bald nach der Fertigstellung der "Variae" erfolgter Rückzug von den politischen Geschäften sei von manchem "nicht gelobt" worden ("non laudatus" - De anima', praef.). Nach diesem Rückzug sei in unmittelbarem Anschluß an die "Variae" die Schrift "De anima" enstanden (De anima, praef.). Er habe in der Zeit des Rückzugs von der Politik eine "Konversion" ("conversio" - De orth., praef.) durchgemacht, die ihn von den weltlichen Werten weggeführt und einem geistlichen Leben geöffnet habe.

Der Rücktritt vom Amte des Praefectus praetorio läßt sich nur zwischen zwei Termini eingrenzen. Cassiodor befindet sich sicherlich noch im Jahr 537 im Amte: das letzte seiner Edikte in den"Variae" entstammt der Zeit der großen Belagerungskämpfe und der Anwesenheit eines fränkischen Heeres in Italien in den Jahren 537 und 538 ; es enthält Regelungen zugunsten der Bevölkerung der kriegsbetroffenen Landstriche (Variae 12, 28 ). Spätestens mit der Übergabe Ravennas im Jahr 539 ist Cassiodor nicht mehr Praefectus praetorio.

Um das Jahr 553 ist Cassiodor in Byzanz bekundet (Vigilius, ep. 14, PL 69, 49 AB ).

Offen lassen die Quellen die Fragen,

Was insoweit anzunehmen ist, muß erschlossen werden, soweit das möglich ist. (2)

Seit Beginn der neuzeitlich-philologischen Bearbeitung der cassiodorischen Schriften im 16. und 17. Jht. - gab es in der vielfältigen, vornehmlich theologischen und philologischen Literatur verschiedenartige Theorien je nach der Rekonstruktion der unklaren Elemente im Lebenslauf Cassiodors seit dem Jahre 537.

In diesen sind zwei Hauptrichtungen - mit Variationen - erkennbar:

Die Position zu 1) findet sich etwa bei J. P. Migne in den Prolegomena zur Edition der Schriften Cassiodors in der 'Patrologia Latina'. Sie stammt von Garetius, der Benediktiner war und in Cassiodor einen der Gründerväter des seit dem Jahre 529 auf dem Monte Cassino angesiedelten Benediktiner-Ordens sah. Für diese Position gibt es auch die Variante, Cassiodor habe sofort nach seinem Rückzug aus der Politik einen klösterlichen Ort aufgesucht, ja vielleicht sogar das - uns aus den nach 565 zu datierenden "Institutiones divinarum et humanarum literarum" genauer bekannte - Kloster "Vivarium" sofort gründen können und gegründet. Beide Varianten werden auch heute gelegentlich wie selbstverständlich vertreten, obwohl die bekannten Quellenstellen handfesten Grund zum Zweifel daran geben. Die Position zu 2) gibt es erst seit Anfang unseres Jahrhunderts. Sie wird heute etwa von James O.Donnell vertreten. Naturgemäß läuft sie darauf hinaus, die politischen Momente im Konversionsprozeß bei Cassiodor hervorzuheben. Eine 'echte' Konversion Cassiodors im Sinne eines tiefreichenden Interesses an theologischen Fragen, wie es ja in seiner späteren literarischen Tätigkeit und auch in seiner theologisch-wirkungsgeschichtlichen Bedeutung für spätere Epochen erkennbar wird, wird dadurch nicht ausgeschlossen. Ein Respekt vor dem geistlichen Profil Cassiodors führt allerdings bei einemAutor wie James O'Donnell, der äußerst scharfsichtig auch die politischen Momente des cassiodorischen Lebenslaufs beobachtet hat, wie es scheint, dazu, daß er die politischen Umstände der Konversion selbst, die zu vermuten und auch zu erschließen sind, unzureichend auswertet. (3)

Im folgenden geht es daher um die genauere Untersuchung der politischen Aspekte der Hypothese, Cassiodor sei als Gefolgsmann des Wittigis in byzantinische Gefangenschaft geraten und wie dieser aus Sicherheitsgrunden im Jahre 540 nach Byzanz überführt worden, wo er sich bis etwa zum Jahre 554 - der Zeit der Beendigung des Krieges mit den Goten in Italien und des umstrittenen 5. Konzils von Konstantinopel - habe aufhalten müssen.

Ziel ist dabei nicht etwa die Decouvrierung einer 'geistlichen Bekehrung' als 'politischen Wendemanövers'. 'Wendebedingte' Überzeugungsveränderungen bei Menschen sind ja nichts Neues in der Geschichte. Sie indizieren manchmal, aber keineswegs notwendig und immer einen moralisch prinzipienlosen Charakter. Zunächst einmal sind sie Indikatoren für eine Änderung der 'herrrschenden Ideen' und ihres meinungsbildenden Einflusses. Sie können dabei auch die Unnachsichtigkeit und Herrschsucht 'siegreicher Ideen' markieren. Auch gebildete Individuen pflegen sich auf sie einzustellen, zumeist zwar wohl nicht wegen einer ideellen Überzeugungskraft der Siegerseite, aber oft wohl aus Einsicht in den 'Lauf der Welt' und um dem rein faktsichen Geshcehen nicht durch allzu viel Widerstand allzu große Reverenz zu erweisen. Der Historiker soäterer Zeiten sollte sich nicht durch zu viel moralisches Engagement am falschen Platze blind machen lassen für die begründungslose Gewalt auch der Ideen in Wendezeiten. Unsere Zeit vermag jedenfalls durchaus eine gewisse formale Ähnlichkeit zeitgeschichtlich auffällig gewordener Typen der politischen Umorientierung bei Systemwechseln mit einem solchen aus spätantiker Zeit zu bemerken, ja trotz der historisch so unterschiedlichen Rahmenbedingungen historische Kontinuitäten zu entdecken und innerlich Anteil zu nehmen.

'Methodisch interessant' wird die aufgeworfenen Frage dadurch, daß man sie aufgrund der seit langem im wesentlichen gleich gebliebenen Quellenlage nicht mit letzter Sicherheit entscheiden kann. Letztlich lassen sich nur nur Wahrscheinlichkeitsannahmen plausibel machen, die sich auf eine Analyse der damaligen Veränderungen der politischen Machtverhältnisse stützen und literarische Selbstaussagen direkter oder indirekter Art Cassiodors oder Ausagen einiger seiner Zeitgenossen. Keine Quelle behauptet explizit, Cassiodor habe auch politische Motive für seine Konversion gehabt, obwohl die damaligen Umstände dies sehr nahe legen. Gibt es andrerseits politische Motive, so ist es - aus politischen ebenso wie aus geistlichen Gründen - völlig verständlich, daß sie zumindest in Publikationen Cassiodors und ihm wohlwollend gegenüberstehender Zeitgenossen - über andere verfügen wir nicht - wenn überhaupt, dann nur in würdevoll-dezenter Weise angedeutet oder gar nicht angesprochen werden. Mit anderen Worten: daß politische Motive Cassiodors nirgendwo von ihm oder von anderen deutlich ausgesprochen werden, spricht überhaupt nicht gegen ihre Existenz. So bleibt nichts anderes üblich, als ihnen in kombinierten Schlußfolgerungsoperationen nachzuspüren. Dabei ist auch auf den diplomatischen und kultivierten Sprachgebrauch der damaligen Zeit zu achten, der im Falle Cassiodors trotz seiner Indirektheit, wie sich zeigen wird, durchaus etwas zur gestellten Frage mitteilt und aller Wahrscheinlichkeit nach mitteilen soll.

2. ABSCHNITT: Die Hypothese politischer Motive vor dem Hintergrund der byzantinisch-ostgotischen Konflikte.

a) Gründe für einen in den Jahren 539/540 auf Cassiodor lastenden politischen Anpassungsdruck.

Machen wir uns zur Begründung der Hypothese zunächst die Veränderung der politischen Rahmenbedingungen klar, die in den Jahren539/540 stattfindet und in die Cassiodor als bisher politisch an führender Stelle Verantwortlicher auf gotischer Seite notwendigerweise nachhaltig einbezogen ist.

Die Veränderung betrifft die äußeren Koordinaten der allgemein- und der kirchenpolitischen Machtverhältnisse im betroffenen Raum erheblich und damit auch die persönlichen Einstellungen der dort in dieser Zeit politisch denkenden und handelnden Menschen. Daß das - für sich genommen - im Falle Cassiodors oder in irgendeinem anderen vergleichbaren Falle - wirkliche Überzeugungsveränderungen herbeiführt, ist, wie oben schon formuliert, eher unwahrscheinlich. Allerdings erscheint es für eine Person wie Cassiodor, selbst bei einem Rückzug in ein geistliches Leben, in solcher Lage unausweichlich, will er sich nicht irgendeiner Verfolgung aus politischen oder religiösen Gründen aussetzen,

Das Maß der nötigen Positionsveränderungen ergibt sich aus den wichtigen Konfliktthemen im Verhältnis des gotischen Regimes in Ravenna zum Kaiser in Byzanz, vor allem nach dem Tode des Theoderich. Es geht bei diesen hauptsächlich um gewisse usurpatorische Züge der gotischen Königsherrschaft und um die arianische Glaubensform der Goten, welche auch zu einer Unterstutzung römisch-orthodoxer Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber dem kaiserlich beeinflußten religionspolitischen Kurs in Byzanz führen. Hinzu kommen außerdem gelegentliche rechtswidrige oder sonst intolerable Eingriffe von gotischer Seite in kaiserliche oder senatorische Rechte, gelegentliche Territorialstreitigkeiten und - seit dem Jahre 535 -natürlich das ganze Kriegsgeschehen zwischen Byzanz und Ravenna. (4) 

b) Das Ausmaß der urspünglichen rechtlichen Übereinstimmung zwischen der gotischen und der byzantinischen Seite.

Der in einem antiken Sinne staats- und zugleich völkerrechtliche Charakter des gotischen Regimes in Ravenna ist aufgrund der Quellen (vor allem Prokop, Got. 1,1; Exc. Val. 49 ff.; Iordanis, Get. 51) nicht ganz eindeutig festzulegen. Folgendes läßt sich aber feststellen: Theoderich ist nicht nur als römischer 'patricius', ehemaliger 'consul' und 'magister militum' in vollem Umfang für die Ausübung eines nach dem Kaiser höchsten römischen Amtes in Italien disponiert, sondern er nimmt dort auch eine singuläre Herrschaftsstellung ein, die auf einer besonderen Herrschaftsermächtigung durch den römischen Kaiser in Byzanz beruht. Diese macht ihn zwar nicht zu einem gleichberechtigten Augustus, wohl aber zu einem mit Zustimmung des Kaisers auch über dessen formelle Untertanen in Italien regierenden Monarchen eigener Art, nämlich zu einem mit kaiserlich-römischer Billigung regierenden 'barbarischen' 'rex'. Das Sondermoment zeigt sich an der Übersendung der 'ornamenta palatii' wie überhaupt an den ihrem Inhalt nach - wenn auch nicht dokumentarisch - überlieferten Absprachen zwischen dem Kaiser und Theoderich. Prokop geht sogar so weit, Theoderich zwar einerseits - rechtlich sicherlich nicht ganz exakt - als "einen Gewaltherrscher dem Namen nach" ("logo men tyrannos"), andrerseits aber wegen seines maßvollen und gerechten Verhaltens auch gegenüber den römischen Untertanen als einen "hochzuschätzenden de-facto-Kaiser" ("ergo de basileus aletheis") zu bezeichnen (Got. 1, 1,29). Die Herrschaftsform Theoderichs wird wohl in den Excerpta Valesiana mit dem - allerdings in der römisch-staatsrechtlichen Terminologie unüblichen - Ausdruck "praeregnatio" am genauesten gekennzeichnet ("pro merito laborum suorum loco [Odoacris], dum adveniret, tantum praeregnaret" - Exc. Val. 49). Deren Inhalt ist als eine vertragliche ("cui Theodericus pactuatus est"), aber personenbezogene und einstweilige Auftragsherrschaft eines barbarischen Fürsten im Namen des römischen Kaisers zu begreifen, also als ein Mittelding zwischen antik-völkerrechtlicher Selbstständigkeit und antik-staatsrechtlich legitimer Beamtenherrschaft. Ihre Einschränkungen ergeben sich, wie aus Prokop (Got. 2, 2; s. o.) hervorgeht, aus dem Zweck, einen ursprünglichen Magister militum, der später als Usurpator abgelehnt wird, nämlich Odoakar, in Italien zu beseitigen und dort eine traditionell römische Ordnung wiederherzustellen. Eine Einschränkung der politischen Selbständigkeit besteht - von den gotischer Seite selbst ohne Zweifel anerkannt (siehe oben Prokop, Got. 2, 2) - in der fehlenden Befugnis des gotischen 'rex' zur Änderung der öffentlichen Ordnung der Ämter und anderer traditionell-römischer politischer Einrichtungen sowie zur formellen Gesetzgebung. Ferner ist dem Kaiser das letzte Wort in allen politischen Fragen von grundsätzlicher Bedeutung vorbehalten; zu diesen gehören etwa die Frage der Königsnachfolge, die Frage der territorialen Ausdehnung der Auftragsherrschaft im römischen Reich, die Frage des Schutzes für den orthodoxen Glauben und die Frage der Zusammensetzung des römischen Senats und Patriziats. (5)

c) Konfliktthemen zwischen der gotischen und der byzantinischen Seite.

Die Legitimität des gotischen Regimes muß für die byzantinische Seite in dem Augenblick in Frage gestellt sein, in dem ein ostgotischer König über die genannten Zweckbestimmungen und Beschränkungen der Herrschaft mehr als nur zufällig oder zeitweilig hinauszugeht. Von Theoderich berichten Prokop ebenso wie die Excerpta Valesiana, daß er dies aus Prinzip niemals getan habe ("Zeitlebens ließ er sich nur "rex" nennen - so heißen die Barbaren ihre Führer - regierte aber seine Untertanen mit kaiserlicher Machtfülle" - Prokop. Got. 1, 1). Mit der Einsetzung Athalarichs und seiner Mutter, der Theoderichtochter Amalasuentha, als vormundschaftsführender Regentin durch Theoderich beginnen jedoch die Probleme. Mögen die Goten für sich auf irgendeine Weise einen König bestimmen; seine Kompetenz zur Herrschaft über römische Untertanen in Italien, ja sein Bleiberecht dort, d. h. auf römischem Territorium, ist damit durch Byzanz nicht automatisch anerkannt. Erklärt andrerseits Byzanz einem gotischen Herrscher seine Anerkennung, so können nach römischer Auffassung die Goten diesen Herrscher nicht ohne weiteres absetzen oder gar töten und dann durch einen neuen ersetzen, wie es ja mit Amalasuentha und Theodohat geschieht; denn es handelt sich sich auch um einen von römischer Seite her bestimmten Herrscher. Während Amalasuentha noch klar einen auf Unterordnung unter Byzanz gerichteten Kurs steuert und damit die byzantinische Anerkennung ihrer Regentschaft erwirkt, pendelt Theodohat zwischen Unterwerfung und - durch den Druck der antibyzantinischen gotischen Partei erzwungener- Auflehnung hin und her. Er läßt Amalasuentha ermorden und wird wegen seiner geheimen Verhandlungen mit Byzanz schließlich selbst ermordet. Wittigis wird schließlich ohne jede Zustimmung aus Byzanz zum König für ganz Italien gewählt und mit der Kriegführung gegen Belisar beauftragt. Er bemüht sich zwar in Waffenstillstandsverhandlungen um byzantinische Anerkennung und tritt im Jahre 539 zugunsten Belisars zurück, sodaß ihm später nichts geschieht. Aber rein formell ist er für Byzanz in jeder Hinicht ein Usurpator - wie späterhin Ildibad, Totila und Teja, die allerdings auf jeglichen Versuch, byzantinische Anerkennung zu erlangen, verzichten. Dementsprechend wird etwa Totila in der Sanctio pragmatica pro petitione Vigilii des Jahres 552 (App.VII Nov. Just) als 'tyrannus' eingestuft, mit der Folge daß einige der von ihm getroffenen Verfügungen als rechtlich unwirksam aufgehoben werden (6)

Zu den weniger prinzipiellen Konfliktstoffen mögen Landzuweisungen gehören, die Theoderich "in demselben Umfang wie Odoakar seinen aufrührerischen Anhängern" an sein ostgotisches Gefolge und Herr vornimmt - allerdings wird ihm in dieser Hinsicht von Prokop ein maßvolles Verhalten bescheinigt (Got. 1, 1, 28). Daß von gotischer Seite vorgenommene Schenkungen, Freilassungen von Sklaven, die Römern gehören, Land- und Besitzaneignungen auf byzantinischer Seite als unrechtmäßig betrachtet werden, zeigt die Sanctio pragmatica pro petitione Vigilii des Jahres 554, die allerdings im wesentlichen nur die in einem späteren Stadium des Konflikts erfolgten Akte des "Tyrannen" Totila betrifft und für nichtig erklärt. Von den Akten der vorhergehenden Gotenkönige wird dort nur eine Landschenlkung des Königs Theodahat teilweise korrigiert. (7)

Ein größeres Konfliktfeld sind schon gelegentliche Territorialstreitigkeiten zwischen Ravenna und Byzanz. Ein zum östlichen Reichsteil gehörendes Gebiet jenseits der Grenzlinie bei Sirmium, das ein gotischer Feldherr Theoderichs einem byzantinischen anläßlich einer Expedition gegen einen Barbarenfürsten im Jahre 503 einfach abnimmt, ist dabei nur ein zeitweiliges Thema eines Streits; dieser wird im Jahre 507 beigelegt. Aber die unerwünschte Expansion des ostgotischen Regimes gegenüber barbarischen Nachbarreichen auf römischem Reichsgebiet enthät mehr Streitstoff: so etwa die Expansion in die Provence im Jahre 501 oder nach Sizilien im Jahre 533. Justinian versucht etwa, einem Dominanzanspruch Theoderichs im Westen durch demonstrative Verleihung des Patrizier-Titels und der 'ornamenta palatii' auch an den Frankenkönig Chlodwig entgegenzutreten.Theoderichs Hegemonialpolitik im Westen betrachtet er offensichtlich als Gefahr oder Nachteil für die Reichsinteressen . (8)

Tiefreichenden Konfliktstoff birgt die Religionspolitik der gotischen Könige. Diese verträgt sich einmal grundsätzlich nicht mit den zum byzantinischen Staatsgrundgesetz gewordenen dogmatischen Lehrsätzen des nikänischen Konzils (vgl. C. J. 1, 1, 1, sub tit. "De summa trinitate et de fide catholica et ut nemo de ea publice contendere audeat", d. J. 380, Gratian und Theodosius). Nach der Missionierung des Gotenvolkes seit dem Jahre 341 durch den der arianisch-reichskirchlichen Strömung des 4. Jhts. entstammenden gotischen Bischof Ulfilas sind die Goten bei ihrer arianischen Glaubensform geblieben. Noch mehr ist es aber die gotische Unterstutzung stadtrömisch-kirchlicher Unabhängigkeitstendenzen gegenüber Byzanz, wie sie sich etwa in dem sog. "akakianischen Schisma" (484 - 519) und in dem für spätere Zeiten exemplarisch gewordenen Brief des Papstes Gelasius an Kaiser Anastasios über eine prinzipielle religionspolitische Gleichordnung von "auctoritas sacrata pontificum" und "regalis potestas" (um 495) zeigt. Das religionspolitische Interesse der byzantinischen Kaiser, insbesondere an dogmatischen Kompromißformeln, welche religiöse Konflikte zwischen den Extrempositionen und aus ihnen resultierende Illoyalitäten gegenüber der Kaiserherrschaft verhindern können, generell ihre traditionelle religionspolitische Kompetenz, ist dadurch betroffen - von persönlichen Glaubensüberzeugungen der Kaiser und ihrer byzantinischen Patriarchen ganz abgesehen. (9)

Ein Moment nicht nur des Konflikts, sondern der Feindschaft wird schließlich mit dem Vorgehen gotischer Könige gegen eine Byzanz gegenüber loyale Strömung in den Kreisen der senatorischen Familien Italiens schon in Friedenszeiten wirksam. In scharfer Form tritt es unter Theoderich in den Prozessen gegen Boethius und Symmachus (523/524) wegen "Hochverrats" hervor (Prokop, Got. 1, 33 f.): eines "Hochverrats" nach der 'lex Iulia maiestatis' wohlgemerkt, bei der der Gegner der eigentlichin seiner Oberhoheit anerkannte byzantinische Kaiser ist (Boethius, consol. phil 1, 4 ). Darin zeigt sich also nicht nur Feindschaft, sondern auch ein politischer Autonomieanspruch des Gotenkönigs.

Die Feindschaft zwischen beiden Seiten vertieft sich nach der zu Beginn des Krieges gegen Byzanz erfolgenden Geiselnahme prinzipiell aller als politisch unsicher angesehenen römischen Senatoren durch Wittigis und ihrer Hinrichtung wegen der erfolglosen Belagerung Roms (Prokop, Got.1, 26). Dieser Akt bricht nicht nur offenkundig die Brücken einer 'zivilen' Verständigung zwischen 'Römern' und 'Barbaren' ab, sie mißachtet auch demonstrativ die römische politische Tradition, und sie verfährt rein kriegsrechtlich. Damit wird unterstrichen, daß die römisch-byzantinische Seite im gotischen Bereich nichts mehr anzuordnen habe. Der Krieg wird - trotz gelegentlich stattfindender Verhandlungen und Waffenstillstände zwischen beiden Seiten - mit Schärfe geführt, wie die Belagerung Roms zeigt, und rücksichtslos gegenüber den von Prokop eingehend mitgeteilten Leiden der mitbetroffenen, vornehmlich römischen Bevölkerung. Allerdings führt auch die römisch-byzantinische Seite auf diese Weise Krieg. In einem Brief Justinians an die Franken, den Prokop wiedergibt (Got. 1, 5, 8, ist entsprechend deutlich von dem "einigenden Band gemeinsamen Hasses gegen die Goten" die Rede. (10)

d) Das Ausmaß der Identifikation Cassiodors mit der gotischen Seite im Konflikt mit Byzanz.

Diese teilweise grundsätzlichen und sich nach Theoderichs Tod immer schärfer ausgeprägenden Konflikte zwischen Byzanz und Ravenna können einem politischen Spitzenbeamten wie Cassiodor nicht nur nicht verborgen geblieben sein, sondern er muß in diesen Angelegenheiten vielmehr aktiv und loyal auf gotischer Seite gedacht und gehandelt haben. Es spricht - trotz seiner noch zu erörternden indirekten Selbstdarstellung in den "Variae" - nichts dafür, daß sich Cassiodor während seiner politischen Laufbahn in irgendeinem der angesprochenen Konfliktthemen wirklich gegen das ostgotische Regime gestellt hätte. Vielmehr liegt das Gegenteil nahe und ist in einzelnen Fällen sogar belegbar. Allenfalls hat Cassiodr vermittelnde Positionen eingenommen, wie etwa im o. e. Fall Sirmiums. Wichtiger ist aber die offenkundige grundsätzliche Loyalität Cassiodors gegenüber immerhin einem von Byzanz ausdrücklich nicht akzeptierten, nur von den Goten gewählten König, nämlich Wittigis. Auch die seit Theodahats Herrschaft immer wieder stattfindende Nichtbeachtung byzantinisch-kaiserlicher Wünsche und die nach Beginn des Krieges häufiger werdenden, später in der 'Pragmatica sanctio pro petitione Vigilii' des Jahres 554 rückgängig gemachten Verstöße gegen römische Rechtstraditionen sind für ihn offenbar kein Distanzierungsmotiv. Vielmehr führt seine politische Laufbahn vom Jahre 507 bis zum Jahre 539, von Theoderich bis Wittigis, offenbar ohne jeden Bruch aufwärts. Daß er nach der Absetzung des Boethius im Jahre 523 als Magister officiorum dessen unmittelbarer Nachfolger wird, d. h. auch: zu werden bereit ist, und späterhin bleibt, setzt das Vertrauen des gegenüber einer eventuellen senatorischen Opposition in Italien extrem mißtrauisch gewordenen Theoderich voraus. Ohne ein offizielles und persönliches Erscheinungsbild Cassiodors, das keinerlei Illoyalitätsverdacht gegenüber seiner Person aufkommen läßt, und dies, obwohl er mit Boethius und Symmachus weitläufig verwandt ist, ist dies nicht denkbar. Cassiodor wahrt seine Loyalität auch in späteren, die Loyalität eines Römers sehr belastenden Situationen, insbesondere bei der auf Befehl des Wittigis erfolgten Hinrichtung der als Kriegsgeiseln genommenen römischen Senatoren. Er selbst befindet sich ja ganz offensichtlich nicht in diesem Kreise. Auch die Belagerung Roms, die Schärfe der Kriegshandlungen und ihre Konsequenzen für die Bevölkerung der Städte und des Landes legen ihm offenbar einen Ruckzug aus der Politik nicht nahe. Diesen vollzieht er erst in der Zeit der Belagerung oder Einnahme Ravennas. Wenn er ein innerlich distanziertes Verhältnis zu den Schärfen der gotischen Politik gegenüber Byzanz gehabt haben sollte, so muß es ihm nach dem Jahre 539 zumindest schwer gefallen sein, dies zu beweisen. Das bedeutet: er muß von diesem Zeitpunkt an unter einem starken Rechtfertigungsdruck gestanden haben. 

2. ABSCHNITT: Anhaltspunkte im Werk und im Lebenslauf Cassiodors für die Annahme politischer Motive in seiner 'Konversion'.

Weitere Anhaltspunkte für die oben zu 2) formulierte Hypothese über Cassiodors Konversion ergeben sich aus dem Gesamtbild einer charakteristischen Zweiteilung seines Lebens in einen 'engagiert politischen' und in einen 'dezidiert geistlichen' Teil, zwischen denen die Konversions-Zäsur liegt. Diese fällt in auffälliger Weise mit dem Ende der Herrschaft des Wittigis in den Jahren 539/540 zusammen.

 

a) Die Zweiteilung der literarischen Produktion Cassiodors durch die Wende der Jahre 539/540.

Betrachten wir zunächst die literarische Produktion Cassiodors. Sie ist in ihrer Quantität nicht gering und wird am besten bei einer Aufteilung in verschiedene thematische Komplexe überschaubar.

In die Biographie Cassiodors sind die eben erwähnten Werke folgendermaßen einzuordnen:

Die weltlich-historischen, politisch-administrativen Themenkomplexen geltenden und die dem Bildungsbedürfnis des Königshauses dienenden Schriften fallen durchweg in die Zeit bis 540. Dabei liegen das "Chronicon" um 519 und die die Schrift "De Gothorum regno et rebus gestis" zwischen 515 und 534. Die "Variae" setzen nach den darin enthaltenen Bemerkungen Cassiodors über die Art ihrer Zusammenstellung (s. o.) zwar noch eine Amtstätigkeit voraus, stehen aber, zumindest was ihre abschließende Zusammenfassung unter Einarbeitung letzter Dokumente betrifft, ihrem Ende nahe und liegen noch vor der Schrift "De anima", die um 539/540 anzusetzen ist. Der heute noch vorhandene Auszug aus der Gotengeschichte in den "Getica" des in Byzanz lebenden Goten Iordanes ist dagagen in sehr viel späterer Zeit, um das Jahr 550, verfaßt. Cassiodor hat an ihm offenbar nicht als Autor mitwirken wollen, sondern nur über seinen Vermögensverwalter die Einwilligung zu einer auszugsweise gefertigten Abschrift aus einem von ihm ausgeliehenen Manuskript erteilt.

Von den theologischen, klosterbezogenen und kirchengeschichtlichen Arbeiten Cassiodors entsteht andrerseits keine vor den Jahren 539/540. Titel und Reihenfolge dieser Schriften sind uns weitgehend aus dem Vorwort zu seiner letzten Schrift "De orthographia" (144. 1 - 16) bekannt. Als erstes theologisches Werk wird dort die 'Expositio psalmorum' erwähnt und interessanterweise zwar nicht die Schrift "De anima", die dort überhaupt nicht aufgeführt ist, von Cassiodor aber im Vorwort zu "De anima" als ein unmittelbares Ergebnis seiner von ihm selbst so genannten "conversio"benannt wird, also früher entstanden sein muß. Die im Anschluß an "De anima" verfaßten weiteren geistlichen Schriften verteilen sich auf die Zeit zwischen 540 und dem Lebensende Cassiodors, wobei ihre Enstehungszeit ik einzelnen nicht festliegt. Einige sind möglicherweise erst in den letzten Jahren seines Lebens ausgearbeitet, zumindest aber überarbeitet worden ("septenaria occlusione distincta" - De orth., praef.). Andere könnten schon bald nach der Gründung des Klosters enstanden sein, wie die beiden "Institutiones". Die "Historia ecclesiastica tripartita" könnte im weiteren zeitlichen Zusammenhang mit dem in seinem ökumenischen Charakter umstrittenen Konzil von Konstantinopel des Jahres 553 stehen.

Ungeachtet dieser Unsicherheiten erscheint das Leben Cassodors aber doch schon von seiner literarischen Produktion her betrachtet zweigeteilt durch die Jahre 539/540. Eine Verbindung wird zwar durch seine bildungsbezogenen, enzyklopädisch-didaktischen und historischen Interessen hergestellt, die vor und nach 539/540 zu kleineren oder größeren Schriften führen. Doch sind diese auch ihrerseits wieder entweder dem politikbezogen Interessen der ersten bzw. dem geistlich-kirchlichen Lebenskreis der zweiten Lebenshälfte deutlich zugeordnet, wie z. B. die "Gotengeschichte" hier und die "Kirchengeschichte" dort, die Geschichtsübersicht nach dem "Chronicon" für den Schwiegersohn Theoderichs Eutharich hier und die Grammatiklehre nach Donatus ("Commenta") für die Mönche von "Vivarium" dort. (17)

b) Die Zweiteilung des Lebenslaufs Cassiodors durch die Wende der Jahre 539/540.

Derselbe Eindruck ergibt sich bei einer Betrachtung der uns bekannten 'äußeren' Umstände des Lebenslaufs. Die Ereignisse der Jahre 539/540 müssen in diesem nicht nur schon deshalb eine Zäsur sein, weil Cassiodor wegen der Traditionen seiner dem senatorischen Stand angehörenden Familie der politischen Sphäre natürlicherweise nahesteht, sondern weil sie darüber hinaus aufgrund der politischen Karriere und der Verdienste des Vaters und Cassiodors selbst dem gotischen Regime eng verbunden ist. Rufen wir uns also besonders das Ausmaß dieses familiären und persönlichen politischen Engagements, das mit dem Ende der Herrschaft des Wittigis seinerseits beendet ist, in Erinnerung.

Die ursprünglich aus Syrien stammende Familie hat in Süditalien, in der Nähe von Scoelacium (Squillace, Kalabrien) offenbar einen standesgemäßen größeren Grundbesitz, der dem Urgroßvater Cassiodors zur Anerkennung seiner militärischenVerdienste bei der Abwehr des im Jahre 455 auch Süditalien treffenden Vandaleneinfalles vom Kaiser geschenkt worden ist. Der Großvater Cassiodors ist als 'tribunus et notarius' Mitglied des kaiserlichen Consiliums, d. h. des engeren politischen Führungskreises des weströmischen Kaisers Valentinian III. (425 - 455). Als rechte Hand des Magister militum Aetius, führt er mit dem - schließlich im Jahre 453 bei Chalons besiegten - Attila die diplomatischen Verhandlungen, wobei er sich offenbar besonders bewährt. Cassiodors Vater ist in Diensten der letzten formell rechtmäßigen römischen Kaiser tätig und später, nach dem Jahre 476, auch für den von Byzanz zunächst geduldeten germanischen Usurpator Odoakar. Dabei durchläuft er die Ämter eines 'quaestor sacri palatii' - d. h. des höchsten Palastbeamten für diplomatische, rhetorische und rechtliche Form- und Fachfragen - und eines 'magister officiorum' - d. h. des Vorstehers der höfischen Kanzleien und maßgeblichenVerantwortlichen für die Sicherheit des Palastes. Er wird von Theoderich bei dessen Herrschaftsantritt im Jahre 493 übernommen und steigt kurze Zeit später zum 'praefectus praetorio' auf, zum höchsten Beamten in der zivilen Ämterverfassung und beamtenmäßigen Stellvertreter des Regenten mit eigener Edizierungsbefugnis im Herrschaftsbereich Theoderichs. Nach Niederlegung dieses Amtes aus Altersgründen verwaltet er noch als 'corrector' die italischen Provinzen Bruttium und Lukanien, wo, wie erwähnt, die Familiengüter liegen. Theoderich erweist ihm verschiedene Ehrungen und schenkt ihm offenbar in Süditalien auch weiteren Landbesitz, was von Cassiodor ausdrücklich als Zeichen der engen Verbundenheit der Familie mit dem gotischen Regime erwähnt wird (Variae 1,3). (18)

Cassiodor selbst wird von seinem Vater schon in jungen Jahren als 'consiliarius' beigezogen und dabei auch am Hofe Theoderichs eingeführt. Dort macht er unter anderem durch einen Panegyrikus zu Ehren Theoderichs auf sich aufmerksam und wird um das Jahr 507 zum 'quaestor sacri palatii' berufen. Dies Amt übt er wie sein Vater längere Jahre aus. Im Jahre 514 wird er - eine ungewöhnliche Anerkennung der Verdienste des damals noch jungen Mannes - zum 'consul ordinarius' der Stadt Rom ernannt, ein Amt, das gelegentlich zu übernehmen sich nicht einmal der byzantinische Kaiser zu dieser Zeit scheut. Danach übt er längere Zeit wohl kein Amt aus - dies ist nicht ganz klar - , bleibt aber er in enger Verbindung mit dem gotischen Hofe und gilt offenbar stets als loyaler Parteigänger Theoderichs, auch in den halboffenen Auseinandersetzungen mit Byzanz und der damaligen italisch-senatorischen Opposition gegen den Gotenkönig; dies jedenfalls so sehr, daß er unmittelbar nach der Amtsenthebung des Boethius im Jahre 523 dessen Nachfolger im Amte des 'magister officiorum' wird. Dieses Amt übt er über den Tod des Theoderich (i. J. 526) hinaus auch unter der für ihren Sohn Athalarich vormundschaftsführenden Königin Amalasuentha weiter aus, bis er im Jahre 534 zum 'praefectus praetorio' ernannt wird. Die Ernennungsurkunde ist uns in seinen "Variae" ( 9, 24 ) erhalten. Sie hebt neben der besonderen Bildung Cassiodors und seiner Uneigennützigkeit bei der Führung all seiner Ämter vor allem auch seine Loyalität gegenüber dem Amalergeschlecht und seine Beiträge zu einer Vertrauensbildung zwischen Goten und italischen Römern hervor. Das politisch zentrale Amt des Praefectus praetorio bekleidet Cassiodor auch nach dem Tode des Athalarich, nach dem gewaltsamen Tode der Amalasuentha im Jahre 535 und dem Rücktritt des Theodahat unter dem - nicht zum Amalergeschlecht gehörenden, zwar von den Goten gewählten, aber nicht von Byzanz anerkannten - neuen König Wittigis. Auch als mit Beginn der Feindseligkeiten zwischen Byzanz und dem neuen Gotenkönig imselben Jahr die bisherigen Prämissen gotisch-römischer Kooperation, wie schon erwähnt, offenkundig nicht mehr gelten, amtiert Cassiodor in seinem hohen Amte als Parteigänger des Wittigis weiter. Er trägt so notwendig die Schärfe der anzibyzantinischen Einstellung des gotischen Königs politisch mit, der zu dieser Zeit zum Beispiel eine Anzahl vergeiselter Senatoren, die der Sympathien für Byzanz überführt oder bloß verdächtig sind, hinrichten läßt (Prokop,Got. 1, 26). Daß Belisar einen neuen Praefectus praetorio für Italien, Fidelius, einsetzt, macht deutlich, daß Cassiodor in dieser Zeit auf keinen Fall die Letztmaßgeblichkeit des byzantinisch-kaiserlichen Willens anerkennt; andernfalls hätte er sein Amt aufgeben müssen.

Es liegt nahe, daß solche Festlegungen mit dem Obsiegen der byzantinischen Seite in das politische Aus bzw. zu einer deutlichen Wendung im Leben Cassiodos führen. (19)

Im äußeren Lebensablauf Cassiodors lassen sich zwar einige oben schon angesprochene, über die Zäsur der Jahre 539/540 hinausführende Kontinuitätslinien ausmachen, nicht nur in seinen Bildungsinteressen, auf die sich schon in den "Variae" verschiedentliche Hinweise finden, sondern auch in einem angesichts seiner hohen amtlichen Stellung auffälligen Nahverhältnis zur - nicht-arianischen - römisch-katholischen Kirche.Während der ersten Häfte seines Lebens lassen sich theologische Interessen oder Studien Cassiodors, die über den Rahmen einer damals üblichen gehobenen Bildung hinausgehen, an seinem Kontakt mit dem Papst Agapetos um des Jahr 535 erkennen, in dem es um den - später allerdings nicht realisierten - Plan der Gründung einer theologischen Lehranstalt in Rom geht (inst. div. lit., praef.). Aber dieses aktive Interesse paßt durchaus zur Politik des ostgotischen-arianischen Regimes, die dem chalzenonenischen Glaubensbekenntnis verpflichteten Römer durch tolerante Förderung ihrer Glaubensüberzeugung von der Legitimität und Vertrauenswürdigkeit der Gotenherrschaft zu überzeugen. Die Rolle Cassiodors mag von eigenem Wissen und eigenem Engagement bestimmt sein, ja umfassendere und fundiertere Studien auch theologischer Fragen voraussetzen. Aber das ändert nichts daran, daß die erste Lebenshälfte geistig dennoch maßgeblich von der Politik bestimmt und ausgefüllt wird. (20)

c) Die Datierungsunsicherheiten für den Lebenslauf Cassiodors.

Während wir für diesen Lebensabschnitt - bis auf die Jugendzeit und eine Reihe von Jahren zwischen 515 und 523 - im ganzen gut unterrichtet sind, wissen wir über die zweite Hälfte seit 540 allerdings nur wenig Genaues. Wichtig unter den Nachrichten ist zunächst Cassiodors eigene Mitteilung, daß er um das Jahr 539 eine - auf den ersten Blick unmotiviert plötzlich erscheinende - von ihm so genannte "Konversion" durchgemacht und sich dabei von den politischen Geschäften zurückgezogen habe (Variae, praef.; De anima, praef.). Die konkreten inneren und äußeren Umstände dieses Rückzugs werden aber weder hier noch an anderer Stelle mitgeteilt, ebensowenig wie seine Lebensführung und sein Aufenthalt unmittelbar und in den weiteren Jahren danach. Eine weitere Unsicherheit besteht im Hinblick einen Kreis beratender Freunde, den Cassiodor in seiner Schrift 'De anima' (praef.) für die Zeit seiner 'Konversion' erwähnt. Sicher ist, wie erwähnt, allerdings sein Aufenthalt in Konstantinopel um 553 aufgrund eines Briefes des damals dort weilenden Papstes Vigilius verbürgt; dieser erwähnt Cassiodor als "filius noster vir religiosus" und Mitglied seines Gefolges. Sicher ist ferner, daß Cassiodor an einem Orte Italiens ein Kloster "Vivarium" mit einer Eremitendependance auf einem benachbarten "mons Castellus" gründet; wo, steht nicht genau fest, aber die Umgebung von Squillace ist wahrscheinlich. Das im Klosternamen vielleicht ironisch - in Anspielung auf den 'wilden' Ausganggszustand der zu Gott sich bekehrenden Menschen -, vielleicht unter bloßer Aufnahme einer Ortsbezeichnung verwendete Wort gibt keinen weiteren Aufschluß; es bedeutet "Gehege für wilde Tiere" (Prokop. Got. 1, 23, 17). Wann die Gründung stattfindet, ist ebenfalls, wie erwähnt, nicht eindeutig klar. Nur wahrscheinlich ist ein Zeitpunkt um das Jahr 555. Mit einem langjährigen Aufenthalt Cassiodors in Byzanz wäre am besten zu vereinbaren, daß er an einer Stelle der "Institutiones artium liberalium" (cap. 5) erkennen läßt, er habe eine Bibliothek in Rom seit den Wirren der Gotenkriege nicht wiedergesehen. Daraus ist zum einen zu schließen, daß die "Institutiones artium liberalium" nach Beendigung der Gotenkrige, also nach dem Jahre 553 verfaßt worden sind. Zum andern: würde Cassiodor nach 539 in Italien geblieben sein, so wäre eine bis zum Jahr 553 dauernde Abwesenheit von Rom unwahrscheinlich. Dem Kloster "Vivarium" steht Cassiodor jedenfalls eine Reihe von Jahren als 'abbas' vor, bis er sich nach Einsetzung zweier Abt-Nachfolger in eine "occlusio" zurückzieht, die neun Jahre, bis zu seinem 93. Lebensjahr, andauert und in der er sich der Bearbeitung seiner geistlichen und säkular-bildungsbezogenen Schriften widmet. In diesem hohen Alter verfaßt er eine als sein Testament deklarierte Schrift "De orthographia". Sein Tod ist, abhängig von der Einschhätzung seines nicht feststehenden Geburtsdatums, zwischen 573 und 581 anzusetzen. (21)

d) Die genauere Formulierung einer Hypothese über politische Motive Cassiordos bei seiner 'Konversion' im Jahre 539/540.

Aufgrund der hier zusammengefaßten, über das literarische Werk und den Lebenslauf Cassiodors bekannten Tatsachen läßt sich die oben zu 2) genannte und eingangs mit allgemeinen politischen Überlegungen begründete Hypothese nun wie folgt genauer formulieren:

Dies alles sind jedoch, wie nochmals betont sei, Wahrscheinlichkeitsüberlegungen. Es bleibt nur der Weg, in den Schriften Cassiodors weitere Hinweise zu gewinnen, die entweder widerlegen oder schlüssig erscheinen lassen, daß es sich mit den Motiven und dem Verlauf seiner Konversion so verhalten haben wird, wie angenommen. (22) 

3. ABSCHNITT: Der Konversionsprozeß im Spiegel der Schriften "Variae" und "De anima".

a) Der Begriff 'Konversion' und seine Anwendung auf Cassiodors Rückzug aus der Politik.

Wir können und müssen zu diesem Zweck vor allem seine eigenen Überlegungen und Darlegungen im Zusammenhang mit dem Vorgang, den er selbst "conversio" nennt, genauer untersuchen.

'Conversio' bedeutet im Sprachgebrauch des Glaubens hauptsächlich einen Lebens- und Gesinnungswandel, griechisch 'metanoia', der - nach Matth. 4, 19 - von den Bindungen an die 'Welt' fort- und dem 'Himmelreich' zu führt ("Apo tote erxato ho Iesous keryssein kai legein: metanoeite; enigken gar he basileia ton ouranon" - "Von dieser Zeit an begann Jesus zu predigen und dazu aufzufordern: ändert Euch; denn das Reich Gottes ist nahe"). In spezieller Bedeutung kann er in der Spätantike auch den Wechsel von einer laienhaft-christlichen Alltagsfrömmigkeit zu einer asketischen Form christlichen Lebens meinen, was zu dieser Zeit die Hingabe des eigenen Vermögens an die Armen, die Ehelosigkeit, den Rückzug in ein Eremitendasein oder ein mit Gleichgesinnten geführtes gemeinsames, strikt geistliches Leben bedeuten kann. Das heißt: ein mönchisches Leben ist nicht unbedingt Ziel einer 'conversio', aber schon eine völlige geistliche 'Umkehr'. Deutlich wird dies etwa von Gennadius (Ecclesiatica dogmatica, PL LVII 994 B) formuluiert: "Sed [et] secreta satisfactione solvi mortalia crimina non negamus, sed mutato prius saeculari habitu et confesso religionis studio per vitae correctionem et iugi, immo perpetuo, luctu, miserante Deo, veniam consequatur..." ("Daß man aber auch durch eine öffentlich nicht hervortretende Buße von den Sünden der Welt frei werden kann , bestreiten wir nicht. Dann muß der Sünder aber zuerst seine weltliche Lebensweise ändern und und seinen Eifer für die religiösen Pflichten versprechen. Durch die Berichtigung seines Lebens und aufgrund der - allerdings ständigen - Trauer über das von ihm zu tragende Joch mag der Büßer, wenn Gott sich erbarmt, Verzeihung erlangen". (23)

Nicht als eine "Konversion" in diesem geistlichen Sinne zu bezeichnen wäre sicherlich der Rückzug eines durch politische Verfolgung gefährdeten Politikers aus der Politik in ein Kloster unter dem bloßen Vorwand, er habe sich für ein weltabgewandtes, asketisch-christliches Leben entschieden. Die Annahme politischer Gründe für die von Cassiodor als 'Konversion' dargestellte Veränderung seines Lebens bedeutet daher, seine Mitteilung, zumindest was die Angabe der Motive betrifft, partiell in Zweifel zu ziehen. Andrerseits schließt aber sein politisches Schicksal eine Absage an die 'Welt' und eine Konzentration auf ideell und religiös Wichtiges für das verbleibende Leben auch nicht aus: sie ist auch in solchen Situationen durchaus möglich, etwa in dem Sinne, wie es uns von Boethius für seine Person in "De consolatione philosophiae" eingehend beschrieben wird. (24)

Cassiodors Schriften setzen einen geistlichen Charakter seiner 'conversio' gewissermaßen als selbstverständlich voraus. Über etwaige politische Motive enthalten sie keine direkten Angaben. Läßt sich, wenn sie schon keine direkten Angaben über die Kontur seiner 'Konversion' machen, indirekt, durch Schlußfolgerungen, etwas Genaueres darüber erfahren. 

b) Motive für die Abfassung der "Variae".

Betrachten wir zu diesem Zweck genauer den Aufbau und die Inhalte der beiden Schriften, die dem 'Konversionsgeschehen' zeitlich am nächsten stehen, nämlich der "Variae" ("Allerlei"- der Name soll nach Cassioros eigener Erklärung deutlich machen, daß rhetorisch unterschiedliche Gattungen in seinem Werk vereinigt sind) und der danach erschienen Schrift "De anima". Cassiodor selbst stellt einen überhaupt nicht selbstverständlichen Zusammenhang zwischen diesen thematisch völlig unterschiedlichen Schriften her, indem er sagt, sie seien beide auf Drängen von Freunden und eigentlich gegen seinen Wunsch und seine Überzeugung entstanden. "De anima" gehöre deshalb an sich zu den 12 Büchern "Variae" (Var., praef. zu B.1 und zu B.11; De anima, praef.).

Über die "Variae" läßt Cassiodor uns ferner - in Formulierungen, die der genauen Beachtung wert sind - wissen, er habe das, was er an selbstgefertigten Entwürfen und Entscheidungen für verschiedene öffentliche Geschäfte aus der Zeit seiner Quaestur, seines Magister- und seines Praefekten-Amtes noch habe finden können, in einem 12-bändigen Kompendium zusammengestellt , damit, so wörtlich, "die Nachwelt die Mühen seiner Geschäfte, die er zum allgemeinen Besten geführt habe, und die reinen Gewissens von ihm zu verantwortenden öffentlichen Akte kennenlernen könne" ("quod in quaesturae, magisterii ac praefecturae dignitatibus a me dictatum in diversis publicis actibus potui reperire, bissena librorum ordinatione composui, ut ventura posteritas et laborum meorum molestias, quas pro generalitatis commodo sustinebam, et sincerae conscientiae inemptam dignosceret actionem"). Daß er dies tun solle, davon hätten ihn die Argumente seiner - von ihm nicht näher genannten - Freunde überzeugt; sie hätten darauf hingewiesen, daß rhetorisch ungebildete und gebildete Menschen für eine Tätigkeit in Staatsämtern von seinen Arbeiten lernen könnten, und daß es auch nicht in Vergessenheit geraten dürfe, welche Wohltaten die Könige, denen er diente, und er selbst anderen erwiesen hätten ("tanta regum beneficia"; "qui te dicente illustres dignitates accepere").

Obwohl in damaliger Zeit ein rhetorischer Lehrwert der von Cassidor zusammengestellten Akten, zum Beipiel in einer Mustersammlung für Ernennungs- und andere Urkunden des öffentlichen Dienstes (B. 6, 7 und 11. 17 - 33) vorgelegen haben mag und die Schrift im Mittelalter offenbar öfters zu rhetorischen Zwecken studiert worden ist, so konzediert Cassiodor doch selbst - möglicherweise als capatio benevolentiae, aber vermutlich auch aus dem sachlichen Grunde, dem Vorwurf der Unvollständigkeit zu entgehen - eine Zufälligkeit der Zusammenstellung, die auch späterer kritischer Kommentierung in der Literaturgeschichte aufgefallen ist. An der Perfektionierung eines aus eigenen Arbeiten erstellten Lehrwerks für die rhetorische Gestaltung von Regierungs- und Verwaltungsakten lag ihm, so kann man daraus schlußfolgern, jedenfalls nicht vorrangig. Auch dem Gedanken an die Nachwelt, für die die cassiodorischen Verwaltungsakte in ihrer historisch bedingten jeweiligen Besonderheit, aber auch wegen der ihnen von Cassiodor gegebenen provisorisch-eiligen Form der unkommentierten Zusammenfassung nur von begrenztem Nutzern sein konnten, wird kaum die für ihre Publikation erforderliche Energie entsprungen sein. Es hätte sich ja dann auch und vor allem angeboten, in eine solche Muster-Sammlung Beispiele anderer politisch oder rhetorisch prominenter Autoren aufzunehmen. Wenn Cassiodor nur die "von ihm selbst diktierten" Akte veröffentlichen wollte, so mußte vielmehr anderes für ihn vorrangig wichtig gewesen sein. Ein wirklich tragfähiges, allerdings nirgends ausgesprochenes Motiv für diese Beschränkung auf den Bereich der eigenen Verantwortlichkeit liegt jedoch nahe: das der Entlastung, Klarstellung und Rechtfertigung gegenüber ausgesprochenen oder unausgesprochenen Vorhaltungen, etwa der Art, er habe einem römerfeindlichen Regime gedient, seine Amtsstellung mißbraucht oder falsch eingesetzt und sich als Nutznießer des gotischen Regimes römer- und kaiserfeindlich verhalten. Zu einem solchen Motiv passen auch die - im Hinblick auf die Entstehungszeit - in ihrer Bedeutung zu wägenden, zwar knappen, aber möglicherweise absichtsvollen Hinweise auf "das allgemeine Beste", dem er sich bei seinen Amtsgeschäften verpflichtet gefühlt habe, auf sein "gutes Gewissen", auf die "Wohltaten der [scil. gotischen] Könige" und auch auf die eigenen gegenüber manchem Römer.

Eine Durchmusterung der in den "Variae" wiedergegebenen diplomatischen Urkunden des Schriftverkehrs mit dem byzantinischen Kaiser und den Königen der Franken, Westgoten, Vandalen, Thüringer, Heruler oder in den an wichtige Personen des damaligen politischen Lebens - wie zum Beispiel an den von Theoderich zum Tode verurteilten Boethius - gerichteten Reskripten, Verwaltungsanordnungen und Ernennungsurkunden ergibt weitere Anhaltspunkte für die Annahme eines Rechtfertigungsmotivs. Man muß dazu den Gesamteindruck zusammenfassen, den sie vermitteln, und diesen dann kritisch mit der historischen Realität des gotischen Regimes vergleichen. (25)

Der Gesamteindruck ist folgender:

Die allein durch die Komposition von Schriftstücken - zwar nur implizit, aber letztlich um so glaubhafter - hervortretende Argumentation liegt auf einer bestimmten apologetischen Linie. Über diese berichtet Prokop für die Zeit nach Ausbruch des Krieges immer wieder einmal, etwa wenn er Reden der gotischen Unterhändler bei Waffenstillstandsverhandlungen mit der byzantinsichen Seite wiedergibt: "Ganz legitim haben wir die Herrschaft in Italien übernommen. Wir haben Gesetze und öffentliche Ordnung sorgfältig bewahrt, so redlich, wie es nur je ein römischer Kaiser getan hat. Weder unter Theoderich noch unter irgendeinem Nachfolger auf dem gotischen Königsthron ist auch nur ein einziges geschriebenes oder ungeschriebenes Gesetz erlassen worden [scil. das eigenmächtig in die geltende römisch-rechtliche Ordnung eingegriffen hätte]. Was Gottesdienst und Glauben betrifft, haben wir auf das Empfinden der Römer gewissenhaft Rücksicht genommen. ... Auch sämtliche Staatsämter haben dauernd in der Hand von Römern gelegen. ... Jahr für Jahr wurden die Konsuln durch die oströmischen Kaiser bestellt" (Got. 2, 2). Auch in solchen Reden wird ferner - wie durch Cassiodor - der Nutzen der Gotenherrschaft für die äußere Sicherheit und innere Wohlfahrt Italiens ins Feld geführt.

Verbunden mit dieser Richtung indirekter Argumentation ist eine zweite. Sie wird erkennbar am Inhalt der verschiedenen Ernennungsurkunden und Ehrenbezeugungen für Cassiodors Vater und ihn selbst (Variae 1. 3 und 4; 3, 29; 9. 24 und 25), d. h. in ihrem Hinweis auf politischen Einsatz, Fähigkeiten und Verdienste der beiden Cassiodori im Dienste des gotischen Regimes. Ihre Erwähnung besagt im pragmatischen Sinnzusammenhang der Schrift: es sei kein Wunder, wenn ein adliger, traditionsverbundener, gebildeter, fähiger und verdienter Römer einem Regime wie dem gotischen aus Überzeugung und mit vollem Einsatz gedient habe. (26)

Ergibt sich so im Hinblick auf einen zur Zeit der Abfassung der "Variae" vorauszusetzende Rechtfertigungsbedarf ihres Verfassers ein deutlich erkennbarer pragmatisch-apologetischer Sinn dieser Schrift, so ist sie andrerseits doch auch relativ selbstbewußt; ja sie konnte als Erklärung der Bereitschaft verstanden oder mißverstanden werden, bei sich bietender Gelegenheit wie bisher erneut den politischen Geschäften widmen zu wollen. Sie enthält jedenfalls zweierlei nicht, was in einer solchen Lage zweifellos ebenfalls naheliegt oder sogar nötig ist:

c) Motive für die Abfassung der Schrift 'De anima'.

Daß dieses Fehlen eines Unterwerfungsgestus gegenüber einem als wahrscheinlich vorauszusetzenden inquisitorisch-präventiven Sicherheitsbedürfnis der politisch überlegenen Seite Cassiodor in der Situation der Jahre 539/540 aber irgendwie in Gefahr brachte, drängt sich auf, wenn man nunmehr die Schrift "De anima" gegen die "Variae" hält. Auf Drängen. eines "suave collegium amicorum", so formuliert Cassiodor in der praefatio dieser Schrift, habe er eine ihm an sich völlig unerwünschte Mühe auf sich genommen, und zwar aufgrund einer ihm von anderen zugetrauten Fähigkeit, die Geheimnisse schwierigster Dinge zu entschlüsseln. Die gestellte Aufgabe sei es gewesen, Substanz und Eigenschaften der Seele, über die er, in weltlicher und geistlicher Literatur verstreut, einiges erfahren habe, zusammenfassend zu erhellen. Anders als die Themen, an denen er "vor nicht all zu langer Zeit" gearbeitet habe [gemeint sind die "Variae"], seien die jetzigen nicht auf Anordnungen von Königen zurückzuführen, sondern ergäben sich aus tiefgehenden und ausgedehnten Dialogen ("Dixi propositiones has non praeceptis regum, quae nuper agebantur, sed profundis et remotis dialogis convenire"). Die Abhandlung, die Vorbilder in Platons "Phaidon" und bei den christlichen Autoren Tertullian und Augustin hat, enthält dann systematische - und ein wenig schulmäßige - Überlegungen über Unsterblichkeit, Gottnähe, Lichtsubstanz, NichträumlichkeIt und Nichtsichtbarkelt der Seele, ihre Tugenden (prudentia, iustitia, moderatio, fortitudo), intellektuelle Fähigkeiten (virtus contemplativa, iudicialis, memoria) und naturale Eigenschaften (virtus sensibilis, imperativa, principalis, vitalis, delectatio), ihren Sitz im Körper, die Erkennbarkeit guter und böser Seelen, den Wert und insbesondere die Zukunftshoffnung der Seele nach dem Tode. Das alles wirkt in der Tat als Gegensatz zu den "Variae", hängt aber nach Cassiodors eigenem Bekunden, wie in Erinnerung gerufen sei, mit dieser Schrift - gewissermaßen als deren dreizehntes Buch - dennoch eng zusammen. (27)

Auch die Schrift "De anima" enthält eine implizite Botschaft. Sie holt augenscheinlich das nach, was die "Variae" vermissen lassen. In der praefatio zu "De anima" betont Cassiodor den Vorrang der Selbsterkenntnis vor aller Beschäftigung mit der äußeren Welt und bekennt Sünden und Irrtümer, zwar in abstrakter Formulierung, aber immerhin so, daß dies Bekenntnis wegen seiner exponierten Stellung auch konkret aufgefaßt werden kann: "Domine Iesu Christe, via sine errore, veritas sine ambiguitate, contra peccata nostra misericordiae tuae munimen insurgat" ("Herr Jesus Christus, Du Weg ohne Irrtum, Du Wahrheit ohne Zweifel, gegen unsere Sünden nehme uns Deine Barmherzigkeit in Schutz"). In der Schluß-Rede, also an ebenfalls exponierter Stelle, steht dann - neben einer erneuten Bitte an Christus um Vergebung ("rex regum, confidenter dicimus: remitte peccata et concede nobis non debita" - "König der Köige, mit gläubigem Vertrauen sprechen wir: vergib uns unsere Schuld und laß uns dessen teilhaftig werden, was wir nicht verdient haben") - bei aller frommen Form auch ein impliziter, aber deutlicher Hinweis darauf , daß Cassiodor kein Interesse mehr an der Politik habe und künftig nur noch ein geistliches Leben führen wolle:"Tibi denique nobilius est servire quam mundi regna capessere: merito, quando ex servis filii, ex inpiis iusti, de captivis reddimur absoluti" ("Am Ende ist es edler, Dir zu dienen, als alle Königreiche der Welt in Besitz zu nehmen; und dies zu Recht, weil wir aus Sklaven zu Söhnen, aus Unfrommen zu Gerechten und aus Gefangenen zu Freien werden"). (28)

Gewiß, dies alles ist so formuliert, daß es auch andere Deutungen - z. B. aus rhetorischen oder homiletischen Traditionen - zuläßt. Fassen wir aber zusammen, was für die hier vorgenommene Deutung spricht:

Wer genau zu dem Kreis gehört, der Cassiodor in der Lage der Jahre 539/540 berät, wird nirgendwo explizit mitgeteilt. Aber die Wortzusammenstellung 'collegium', 'suave', 'amici' deutet immerhin auf einen vertrauenswürdigen, dauerhaften und auch politisch erfahrenen Freundeskreis hin. Daß Cassiodor durch diesen auch die Abfassung einer theologischen Schrift angeraten wird, macht die Präsenz geistlicher Mitglieder in diesem Kreis wahrscheinlich. Es ist daher wohl - auch dies allerdings letztlich nur eine Wahrscheinlichkeitsannahme - in der Nähe des Papstes Vigilius zu suchen. Der dringliche Ratschlag diese Kreises wird, wie man annehmen darf, dahin gegangen sein, Cassiodor solle zu den bisher von ihm 'mit schädlichem Eifer betriebenen weltlichen Geschäften' (vgl. die Formulierung "curis saecularibus noxio sapore conditis" - Var. 11, praef.) glaubhaft auf Distanz gehen. (29)

4. ABSCHNITT: Erkennbare Positionen Cassiodors in allgemein- und kirchenpolitischen Fragen nach Niederlegung seines Amtes.

Cassiodors frühere Loyalität der gotischen Seite gegenüber erscheint wie dargelegt, in den "Variae" in mildem Licht. Andere Quellen über seine politischen und religiösen Überezugungen vor dem Jahre 539 gibt es kaum. Nur eine kleine Stelle in seinem "Chronicon" deutet auf eine Position, die mit der in den "Variae" mitgeteilten nicht übereinstimmt. Für das Konsulatsjahr des Cethaeus (503) gibt er dort an:"Hoc consule virtute domini nostri regis Theoderici victis Bulgaribus Sirmium recipit Italia"; d. h. er stellt den von Byzanz nicht akzeptierten gotischen Anspruch auf dieses Gebiet in keiner Weise in Frage. (30)

Cassiodors poltische Selbstdarstellung wird jedenfalls, worauf ja auch der Rat seines "suave collegium amicorum", eine unpolitische Schrift "De anima" zu verfassen, deutlich hinweist, auf keinen Fall als zureichend empfunden worden sein. Das mußte für ihn bedeuten, sich späterhin, wenn irgendwann noch einmal die öffentliche Sprache darauf gekommen sein sollte, deutlicher zu distanzieren, auf seinen konsequenten Rückzug aus dem politischen Leben hinzuweisen und sich im übrigen öffentlich zu den Konfliktstoffen der gotischen Zeit möglichst nicht mehr zu äußern. Dafür, daß er dies so handhabte, gibt es einige Hinweise.

Die von lordanes um 551 hergestellte Kurzfassung seiner "Gotengeschichte" wird, wie in deren 'praefatio' nachzulesen ist, nicht von Cassiodor direkt autorisiert, sondern lediglich von seinem Vermögensverwalter. Überdies kann lordanes, wie er mitteilt, das zu exzerpierende, 12 Bücher umfassende Werk nur drei Tage lang studieren, also Cassiodors Ausführungen nur sinngemäß zitieren. Nicht auszuschließen ist, daß es sich hierbei um eine demonstrative Geste Cassiodors zur Unterstreichung seiner Absicht handelt, in Gotenangelegenheiten keine öffentlichen Erklärungen mehr abzugeben. (31)

Was die nach dem Ende des gotischen Regimes bei seiner geistlichen Lebensweise von ihm aktiv zu bekennenden theologisch-dogmatischen Positionen betrifft, hat Cassiodorr späterhin den Arianismus, immerhin den Glauben seiner jahrzehntelangen, ihm wohlgesomnnnenen gotischen Dienstherren, unnachsichtig verdammt, wie aus einem an die rechtgläubige Kirche gerichteten Lob in der 'praefatio' zu seinem Psalmenkommentar hervorgeht: "Nam cum Sabellius destatabilis erret in Patre, demens Arius delinquat in Filio, Manes sacrilegus neget Spiritum sanctum, alii scelerati Veteri Testamento derogent, nonnulli Novi Testamenti gratiam non sequantur, tu tantum devotione fideli cuncta complecteris" ("Denn wo der unsägliche Sabellius über den Vater irrt, der wahnsinnige Arius sich am Sohn versündigt, der gottlose Mani den Heiligen Geist verneint, andere Verbrecher das Alte Testament als veraltet ausgeben und einige die Gnade des Neuen Testaments nicht annehmen wollen, umfaßt allein Du in gläubiger Demut die ganze Wahrheit"). Dies Zitat ist zwischen d. J. 540 und 550 anzusetzen (De orth., praef.:"conversionis meae tempore primum studium"). In der Auseinandersetzung zwischen Justinian und dem treu-chalzedonensischen italischen Episkopat über die "Verurteilung der drei Kapitel" hat sich Cassiodor ferner, wie aus dem Exkommunikationsbrief des Papstes Vigilius des Jahres 553 an zwei italische Bischöfe hervorgeht, mit der Vigilius aufgezwungenen dogmatischen Linie Justinians wenigstens formell identifiziert : "Sed quia semel et secundo adhortatione nostra per fratres nostros episcopos, id est Ioannem Marsicanum et lulianum Cingulanum, vel Sapatum filium nostrum atque diaconum, nec non per gloriosum virum patricium Cethegum, et religiosum virum item filium nostrum Senatorem [scil. Cassiodorum], aliosque filios nostros commoniti noluistis audire, et neque ad ecclesiam neque ad nos reverti, sicut omnia facitis, volvistis detestanda superbia" ("Aber soweit ihr - trotz unserer ersten und dann wiederholten, durch unsere bischöflichen Brüder - das heißt den Johannes Marsicanus und den Iulianus Cingulanus, ferner durch unseren Sohn und Diakon Sapatus, ferner durch den hochverdienten Patrizier Cethegus und ebenso durch unseren Sohn, den geistlich lebenden Senator, übermittelten Mahnung nicht habt hören wollen, verweilt ihr in einem verdammungswürdigen Übermut"- PL 69, 49 A-B). Späterhin allerdings hat Cassiodor das Konzil von Konstantinopel (553), auf dem die Verurteilung der "drei Kapitel", der Schriften im Westen dogmatisch als völlig integer geltender Kirchenväter dyophysitischer Überzeugung (Theodor, Theodoret, Ibas) gegen den monophysitischen Kyrillos, aus kirchenpolitischen Gründen beschlossen wurde, nicht als ökumenisches erwähnt, wie aus den nach 565 (dem Tode Justinians) geschriebenen "Institutiones divinarum literarum", cap. 11 hervorgeht - darin in Übereinstimmung mit einer nunmehr wieder byzanzkritischen und gegen Vigilius und den Nachfolger Pelagius (555 - 560) gerichteten Tendenz im italischen Klerus, die zu erheblichen kircheninternen Konflikten führte. (32)

Diese wenigen, aber durchaus beachtlichen Wahrnehmungen, die die Einstellungen Cassiorors zu zu politischen oder politiknahen Themen in seinem späteren Leben betreffen, unterstreichen schon aus der Analyse der "Variae' und der Schrift "De anima" hervorgehenden Eindruck, daß Cassiodor - trotz aller auch in Rechnung zu stellenden geistlichen Motivation für seine Lebensänderung - nach den Jahren 539/540 eine politisch vorsichtig agierende und notfalls auch entschieden handelnde Persönlichkeit bleibt.

SCHLUSS: Der Rückzug ins Kloster als historisch neuer Typus politischen Handelns.

Es ist im Rahmen des Möglichen nunmehr als in hohem Maße wahrscheinlich dargelegt, daß Cassiodor politische Gründe gehabt habe, sich in ein geistliches Leben zurückzuziehen, d. h. seine früheren politischen Auffassungen im Rahmen einer oder im Zusammenhang mit einer geistlich akzentuierten "conversio morum" aufzugeben bzw. zu verändern. Es seien deshalb abschließend noch einige Bemerkungen zum historischen Stellenwert seiner Konversion in der politischen Geschichte der Spätantike und des Mittelalters angefügt.

Was die Veränderung von inneren Einstellungen oder äußerlich mitgeteilten Überzeugungen in Anpassung an veränderte politische Machtverhältnisse betrifft, hat Cassiodor eine Anzahl prominenter Vorgänger gehabt, die in der literarischen Tradition aus der Antike Spuren ihres Einstellungswandels hinterlassen haben: so etwa Polybios, Cicero oder Flavius losephus. Es gibt vor ihm etwa den Handlungs-Typus des Ruckzugs des entmachteten Machthabers auf die Philosophie. Unter anderen historischen Umständen hat dieser allerdings weniger Schutz vor Verfolgung geboten als der in der christlichen Ideen- und Gefühlswelt von Buße und Gnade verankerte Typus der Konversion zu einer geistlichen Lebensweise. Dies zeigt noch das Beispiel des Boethius, der, während er auf die Vollstreckung seines Todesurteils und möglicherweise zugleich auf eine Begnadigung wartet, "De consolatione philosophiae" schreibt. (33)

Bei Cassiodor tritt dagegen - historisch erstmalig oder zumindest erstmals auffällig - der politische Handlungstypus des "Rückzugs ins Kloster" hervor, der späterhin bei so vielen Prominenten so üblich wird. Im Laufe der byzantinischen Geschichte seit Kaiser Konstantin können sich - bei 88 Hauptkaisern - neben 33, die eines gewaltsamen Todes sterben, immerhin doch 12 in klösterliche Abgeschiedenheit zurückziehen. Die Nutzung dieses der christlichen Bußlehre entstammenden Handlungstypus für einen politischen Zweck, nämlich den des persönlichen Ruckzugs des Machthabers aus der Politik und zugleich der Respektierung eines solchen Rückzugs durch den überlegenen politischen Gegner, ist eine Alternative zum 'bereinigenden' oder 'präventiven' politischen Hochverrrats-Prozeß oder zur liquidatorischen Sicherheitsmaßnahme von Staats wegen. Sie kann selbst bei zuvor schärfsten Konflikten Anwendung finden und ist insoweit wohl zu den moralisch positiv zu bewertenden Traditionsgütern aus der christlichen Spätantike zu zählen. Das gilt unabhängig davon, ob eine Konversion erzwungen oder bei bestehenden Alternativen der Lebensfortführung frei gewählt ist, und ferner unabhängig davon, ob bei dem Konvertierten wirklich ein geistliches Interesse vorliegt oder nicht. (34)

Daß sich ein solches bei Cassiodor - unter anderem, was er politisch vermutlich noch hat durchmachen müssen, ohne daß wir Genaueres darüber in Erfahrung bringen können - dennoch nach der Wende der Jahre 539/540 - im Laufe der Zeit - entwickelte, dürfen wir ihm aufgrund der letzten Sätze seiner letzten, in hohem Alter geschriebenen Schrift glauben: "Lebt wohl, meine Brüder, und würdigt, wenn ihr betet, eurer Erinnerung mich, der ich euch - unter anderem - ... für die Methode, mit der man die Heilige Schrift verstehen kann, ausführlich das Lesematerial zubereitet habe. In demselben Maße, wie ich erreichen wollte, daß ihr von der Menge der Unwissenden getrennt würdet, so möge es die göttliche Gnade bei mir verhindern, daß ich mit den größten Sündern in einer Gemeinschaft der Strafe vereint werde"("Valete, fratres, atque in orationibus vestris mei memores esse dignemini, qui vos inter caetera ... quemadmodum scripturae divinae intellegi debeant, copiosissime legenda praeparavi; quatenus sicut ego vos ab imperitorum numero sequestratos esse volui, ita nos virtus divina non patiatur cum nequissimis poenali societate coniungi" - De orthographia, conclusio).


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