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Stalin als Vater in den Erinnerungen seiner Tochter Swetlana Allilujewa (1926 - 2011): 'Zwanzig Briefe an einen Freund'1).

[IN FORTENTWICLUNG]

I. DER TEXT DER DEUTSCHEN ÜBERSETZUNG.2)

II. Zur Person der Verfasserin.

Swetlana Allilujewa trug ursprünglich den Namen ihres Vaters, nahm aber einige Zeit nach dessen Tode am 5. März 1953 den Namen ihrer Mutter Nadeschda Allilujewa an, die am 9. November 1932 durch Selbsttötung gestorben war.

Sie hatte zwei Halbbrüder von Stalins erster Frau Ketewan Swanidse (1880 - 1907), die jung an an Fleckfieber gestorben warKetewan war die Schwester des bolschewistischen Historikers und Theoretikers Alexander Swanidse..Sweitlanas1919 geborener Halbbruder Jakow.geriet im 2. Weltjrieg in deusche Kriegsgefangenschaft und kam im Konzentrationlager Sachsenhausen um, nachdem Stalin seinen Eintausch gegen den bei Stalingrad 1943 von sowjetischee Seite gefangengenommenen deutschem Generalfeldmaeschal Paulus als politisch nicht gerechtfertigt abgekehnt hatte. Der andere Halbbruder WassiliWassili Stalin (1921 - 1962) machte Karriere zunächst im Militärdienst bei der sowjetischen Luftwaffe, danach auch und in der Politik Nach Stalins Tod wurde er im Rahmen der schon 1953 eunsetzenden Entstalinisierungs-Maßnahmen noch in diesem Jagre verschiedener Gesezuwidrigkeiten beschildigt, angeklagt und zu acht Jahren 'Lagerhaft' verurteilt. Nach sieben Jahren 1960 freigelassen, lebte er nur noch kurze Zeit, die er wegen selbstschädigender Alkohilsucht zumeist in einem Sanatorium verbrachte.

Swetlanas Mutter, die zweite Frau Stalins, Nadeschda Allilujewa, starb 1932 durch Selbsttötung infolge einer von ihr als dauernd unangemessen empfundenen Behandlung durch Stalin, wie Swetlana in ihren Erinnerungen glaubhaft berichtet (Briefe, S. 158 - 164). Offiziell wurde als Todesursache eine Blinddarm-Entzündung verlautbart. Glaubhaft ist auch überliefert, daß Stalin von dem Tod sehr betroffen war und das bisher gemeinsam mit seiner zweiten Frau bewohnte Landhaus ('Datscha') in Kunzewo (11 km westlich von Moshau) seither nie mehr betrat. Er wohnte später zumeist in einer Datscha in Sussowo (31 km westlich von Moskau), wo auch seine bei Nadeshdas Tode noch kleinen Kinder aufwuchsen, bis sie mündig geworden waren. Auf den tragischen Tod der Mutter dürfte zurückzuführen sein, daß Swetlana aus Mitgefühl späterhin den Namen 'Allilujewa' anstelle von 'Stalina' annahm, obwohl sie von diesem immer freundlich und fürsorglich behandelt wurde und ihn ihrerseits keineswegs ablehnte. Politische Gründe für den Tod ihrer Mutter lassen sich in Swetlanas Bericht darüber an keiner Stelle feststellen. Swetlana Stalinas zweiter Ehemann war der Philosoph und Chemiker Juri Schdanow (1919–2006), Sohn des Politbüro-Mitglieds Andrei Schdanow. Sie heirateten 1949 und bekamen 1950 eine Tochter, Jekaterina. Die Ehe wurde im Herbst 1952 geschieden.

Nach dem Tode Stalins, seit dem Jahre 1953, stellte Swetlana ihre persönlichen Erinnerungen an ihn und ihre Verwandtschaft mütterlicher- und väterlicherseits in den 'Dreißg Briefen an einen Freund' zusammen. Mit dem Wort 'Freund' spraxh sie zusammenfassen einen Leserkreis an, von dem sie annahm und hoffte, daß er ihren persönlichen und offenen Mitteilungen verständnisvoll gegenüberstehe. Auch konnte sue davon ausgehen, daß niemand mehr durch Überwachungs- und Verfolgungs-Maßnahmen, wie in der Stalins Zeit üblich, insoweit eingeschüchtert werde. Nach Stalins Tode wurden ja alle auf seine Veranlassung vom NKWD in Haft oder Verbannung gebrachten Verwandten und Freunde der Familie freigelassen.

Nach 1953 war Swerlana zunächst nur wie zuvor als Lehrerin und Dolmetscherin berufstärig. Erst nach der von Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Ferbuar 1956 eingeleiteten 'Entstalinisierung' war eine Publikation wie die der 'Briefe' in der Sowjetunion möglich..Dennoch machte Swetlana von dieser Möglichkeit jahrelang keinerlei Gebrauch, sondern zog es vor, die nach wie vor kommunistische Sowjetunion mit ihrem prinzipiell gleich gebliebenen Staatssicherheitssystens im Jahre 1967 anläßlich einer Indienreise dauerhaft zu verlassen und mit Unterstätzung Ghandis in den USA politisches Asyl zu beantragen. Dieses wurde ihr gewährt.

1982 zog sie mit der 1971 geborenen, aus der zweiten Ehe stammenden Tochter Olga nach Cambridge (Großbritannien). Erst 1984 kehrte sie in die Sowjetunion zurück, wo sie mehrere Jahre in Tiflis wohnte, der Hauptstadt Georgiens, des Herkunftslandes ihres Vaters.1986 schickte sie ihre mittlerweile 15-jährige Tochter in den Westen zurück, wo diese in Großbritannien eine Schule bei Cambridge besuchte..

Ende der 1980er Jahre zog auch Swetlana Allilujewa nach Großbritannien um und lebte bis 1996 mit ihrer Tochter zur Miete in einem Haus in Bristol. 1996 nahm sie nochmals ihren Wohnsitz in den USA. Dort führte sie, wohl zur Ablenkung der Öffentlichkeit von ihrer Identität, den Nachnamen ihres früheren Ehemannes Peters an. Als Lana Peters lebte sie zuletzt in einem Altenheim in Wisconsin - nahe ihrer zeitweiligen früheren gemeinsamen Wohnung mit Peters, bis zu ihtem Tode am 22. Nov. 2011. Swetlana Allilijewa erreichte ein hohes Alter, das sie wegen einer Krebserkrankung.zeitweilig in Pflege verbringen mußte, und verstarb an dieser mit 85 Jahren.

Erst seit dem Jahre 1967 erschienen die russischsprachige und die in andere Sprachen, seit 1968 auch ins Deutsche2), übersetzten Ausgaben ihrer 'Briefe'. Die akademisch vielfältig gebildete und eindrucksvoll sprachfähige Verfasserin lebte von deren Erträgen und einer begleitenden vielfältigen Publikations- und Vortragstätigkeit. Die damit verbundenen Reisen machten sie weit bekannt. Ihre Nähe zu Stalin machte sie für Presse, Politik und Wissenschaft im Westen - zumal in der Zeit des Kalten Krieges - vielfältig interessant. Allerdings waren ihre 'Briefe' für politische Polemik und Propaganda sei es gegen die Sowjetunion, sei es gegen Stalin persönlich nicht brauchbar3).

Ihr Eheleben war von Bindungs- ebenso wie von Freiheitswillen bestimmt. Während ihres Lebens in der Sowjetunion verhinderte Stalin zunächst eine Eheschließung mit einem 29 Jahre älteren, von Stalin wegen politisch verdächtiger Annäherung an seine Tochter verbannten Parteifunktionär (Alexej Kapler). Dann heiratete sie zweimal nacheinander, nämlich einen Kommilitonen (Grigori Morosow) und, wie erwähnt, den Philosophen und Chemiker Juri Schdanow (1919–2006). Diese Ehen wurden jeweils geschieden. Während ihres Lebens im Ausland heiratete sie in den USA den Architekten William Wesley Peters (1912–1991). Aus der Ehe ging die 1971 geborene Tochter Olga hervor. Auch diese Ehe wurde geschieden.

III. Hauptgedanken und -erinnerungen, stichwortartig charakterisiert..

A. Grundmotive, Form und Inhalt der 'Briefe an einen Freund'3).

Primärbedürfnis: unverstellte, offene Aussprache über Selsterlebtes und -bedachtes gegenüber einem imaginierten Kreis menschlich ohne jeden Zweifel vertrauenswürdiger und verständnisvoller Menschen.

Nachdenken über ihre ganze Familie und Verwandtschaft, dabei besonders, aber nicht nur, über ihre Mutter und ihren Vater.

Briefartig diskursive und ertählerische Anordnung der Gedanken und Gefühle.

Gebildetee, eigenproduktiver, gefühlsbesrimmter, wahrheitsverpflichteter Sorachgebrauch.

B. Stalins Herkunft, die Familie Dschugaschwili, seine erste Frau und die Söhne Jakow und Wassili.

Herkunft aus Georgien, sozial aus dem armen, werktätigen Volke, in der Schule, auch im Fach Russisch, besonders erfolgreich, gewohnheitsmäßig mißhandelt durch einen gewalttätigen Vater. In einem Prieserseminar früher Kontakt zum bolschwistischen Marxismus.

Politische Prägung in jungen Jahren durch die 'Lehre vom neuen Menschen' und der 'geschichtlichen Notwendigkeit' der gewaltsamen, geplanten und systematisch-pragmatisch vorgehenden Zerstrümmerung einer sozial repressiven Gesellschaftsordnung.

Atheismus und aktive Ideologie-Kritik an Aristokratie und wohlhabendem Bürgertum. Bank-Überfälle zur Finanzierung der kommunistischen Partei. Generell Bereitschaft zu Verschwörung, Attentaten und Selbstopfern. In jungen Jahren mehrjährige Verbannung nach Sibirien.

Swetlana Stalins Mutter Allilujewa und deren Verwandtschaft.

Bürgerliche-gebildete Herkunft.

Weiblich emanzipatorisches Selbstbewuisein.

Berufliche Lehrtätigkeit

Stalins persönliches Verhältnis zu seinen Kindern und seiner häuslichen Umgebung.

Aufrichtige Freundlichkeit und Fürsorge gegenüber Verwandten und dem als öffentlich bedienstet behandelten Haus-Personal.

Übertragung aller Aufgaben der Alltagsfürsorge und Erziehung seiner Kinder an ältere Erzieherinnen aus dem Lehrerberuf.

Behalten des 'letzten Wortes' bei weitestgehender Argumentations- und Konzessionsbereitschaft.

Verpflichtung des Personals zu völliger Verschwiegenheit, Folgsamkeit und Achtung.

Stalins politischer und persönlicher Freundeskreis.

Regelmäßige Präsenz des politischen Führungskreises in Stalins 'Datschen'.

Politische Freunde meistens zugleich persönliche Freunde, allerdungs bei grundsätzlich vorsichtigem politischen Mißtrauen.

Bereitschaft zu persönlichem Beziehungsabbruch mit politischer Vernichtungskonsequenz.

Geheimhaltung aller politischen Entscheidungen auch im häuslichen Bereich.

Stalins politisch-moralische Prinzipien und seine persönliche Lebensführung.3)

Prinzipielles Auseinanderhalten privater und politischer Interessen und Rechte bei durchgängigem Vorrang der politischen.

Persönliches Selbstverständnus als materiell-vermögenslos.

Prinzip politischen Totaleinsatzes 'kommunistscher Überzeugung'.

Prinzip des ausnahmslosen Überwiegens 'politischer Notwendigkeit' und ihres Vollzugs vor moralisch zwingenden Geboten der Menschlichkeit, des Erbarmens und der Verzeihung. Prinzipieller Ersatz 'philosophischer Ethik' durch eine Theorie marxistischer Praxis'.

Stalins Geschmack und Bildung, seine Einrichtung der 'Datschen' und seine Bibliotheken.

Der prinzipill anspruchslose und stadtferne Wohnitz-Typ 'Landhaus im Walde'.

Die prinzipiell anspruchslose Raumaufteilung der Datschen in Arbeits- und Konferenz-Bereich, größere Bibliothek mit Archiv, häusliche Versorgung und Bediensteten-Zimmer.

Das prinzipiell anspruchslose, konventionell-neoklassizistische Innendekor und die zurückhaltend-'repräsentative' Möblierung.

Die persönliche Bedürfnislosigkeit Stalins im Alltagsleben. Seine Freude an einsamen Spaziergängen im Walde.

Das vorsichtige Leben Swetlanas in der Sowjetunion nach Stalins Tod und nach der Entstalinisierung. Ihrehre alternaven, mehrfach wechselnden Heimaten Indien, Geirgien, England und USA.

Auch nach Stalins Tod verbleibendes persönliches Mißtrauen gegenüber dem Überwachungs- und Unterdtückungsapparat des sowjetischen Sraates.

Relativ häufiger Wohnsitzwechsel.

Grundsätzliches Interesse an Reisen und der 'anderen' Welt.

IV. Literatur- und Quellenhinweise.

1) Titel der Originalausgabe in Umschrift 'Dwadzat pisem na drogu'. Abgeschlossen im Mai 1967 in Locust Valley / USA. Übersetzung ins Deutsche von Xaver Schaffgotsch. Lizenzausgabe des Bertelsmann-Verlages Gütersloh u. a. Berechigter. Deutschsprachiger Erstdruck in Spanien 1968. Mit einem ausfürlichen Personen- und Ortsverzeivhmis. 350 Seiten.

2) Referenztext einer i. S. des Urhebergesetzes (§§ 51 f,) nicht ererbswwirtschaftlichen, sonden rein wissenschaftlich-allgemeinwohlorintierten Gesamt-Kommentierung zeitgeschichtlicher Quellen..

Die deutschsprachige Ausgabe der 'Erinnerungen enthält in einem Personen- und einem Ortsberzeichnis wichtige Orientierungen, insbesondere für nicht besonders vorgebilldete Leser.

3) Zur Entwicklung der Persönlichkeit Josef Stalins::

a) Leo Trotzzki, Stalin. Eine Biographie . Aus dem Englischen übersetzt von Reinhold Kühlmann. Mit einem Verzeichnis der Schriften Leo Trotzkis, einem Sach- und Namensverzeichnis, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 1952 - Trotzki charakterisiert und kritisiert Stalin persönlich und politisch. Sein Werk steht im Zusammenhang mit anderen zwischen 1935 und 1940, dem Jahr der Ermordung Trotzkis im Auftrag Stalins, verfaßten Arbeiten zur 'Geschichte der Russschen Revolution'. Er setzt sich mit Stalins Beitrag zu einer 'verratenen Revolution' und einem 'Steckenbleiben' der sowjet-russischen Politik 'zwischen Sozialismus und Kapitalismus' auseinander. Stalin lastet er dabei wirtschaftlich-soziale Fehlentscheidungen mit teilweise katastrophalen Folgen - wie bei der Kollektivierung derr Landwirrtschaft - an. Im Gegensatz zu der von Stalin vertretenen Position tritt Leo Trotzki außerdem für einen 'konsequent internationalistischen' Marxismus und eine 'permanenten Revolution' gegen einen weltweit sich perpetuierenden, ausbeuterischen Kapitalismus ein.

b) Oleg Chlewwniuk, Stalin. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, Siedler-Verlag 20151). - Die familliären Aspekt behandeln besonders die S. 395 ff., Das intensive, ständige Informationsbemühen Stalins und seine speziell ausgeprägte, umfassende politisch-gesellschaftlicher Bildung werden eingehder aug S. 150 ff. beschrieben.

V. WIKIPEDIA-QUELLENANGABEN ZUR WEITEREN BEARBEITUNG.

Wikipdia-Angaben: unter https://de.wikipedia.org/wiki/Swetlana_Iossifowna_Allilujewa

Das erste Jahr. Molden-Verlag, Wien 1969.

Martha Schad: Stalins Tochter. Das Leben der Swetlana Allilujewa. Lübbe-Verlag, Bergisch Gladbach 2004, ISBN 3-7857-2158-7.

Nicholas Thompson: My Friend, Stalin’s Daughter: The Complicated Life of Svetlana Alliluyeva. In: The New Yorker vom 31. März 2014, S. 30-37.

Rosemary Sullivan, Stalin's daughter. The Extraordinary and Tumultuous Life of Svetlana Alliluyeva. New York 2015. ISBN 978-1-4434-1442-5.

Commons: Svetlana Alliluyeva – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Literatur von und über Swetlana Iossifowna Allilujewa im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Immer flüchtig; Artikel in Der Spiegel vom 5. November 1984

Ein Monster zum Vater. In: NZZ Online vom 29. November 2011

Diplomatische Dokumente zum Aufenthalt von Svetlana Alliluyeva 1967 in der Schweiz. Einzelnachweise:

Douglas Martin, Lana Peters, Stalin’s Daughter, Dies at 85; Artikel in der New York Times vom 28. November 2011.Der Spiegel 39/1967 druckte einen Teil daraus (übersetzt) ab:

BBC News: Stalin's daughter Lana Peters dies in US of cancer

Martha Schad: Besuch bei Stalins Tochter; aus Cicero 4/2005 auf GeorgienSeite.de.


Redaktionelle Verantwortung: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, FG Geschichte, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@tu-berlin .