DDR-Unterrichtsmaterial für Geschichte und Staatsbürgerkunde aus heutiger Sicht.

Von Christian Gizewski.

Bearbeitungsstand: 27. Dez. 2015

VORWORT.

Unterrichtsmaterial für den Geschichts- und Staatsbürgerkunde-Unterricht an den 'Erweiterten allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen' des DDR-Schulsystems verdient auch noch heute, ja heute in besonderer Weise wieder, allgemeines politisches Interesse und wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Nachdem die Frontstellungen des Ost-West-Konflikts und die Einparteien-Herrschaft des DDR-Systems weggefallen sind, stellt sich erneut die Frage nach dem einem derartigem Lehrstoff innewohnenden politisch-ideellen und -perspektivischen Sinn. Sinnvoll erscheinen einerseits die eingehenden Hinweise auf die aus der NS-Geschichte in Deutschland zu ziehenden ideellen und politischen Konsequenzen. Aber auch die Beschäftigung mit den praktischen Möglichkeiten grundlegenden gesellschaftlichen Umbaus ('Revolution') ist angesichts vielfältiger, heute allenthalben hervortretender Fehlfunktionen eines innerstaatlichen und internationalen 'Neoliberalismus' wieder aktuell geworden. Denn man kann durchaus produktiv fragen, wieweit sich auch im DDR-System Ansätze eines Fundaments für ein nicht-kapitalistisch, nicht-nationalistisch, nach 1945 strikt friedfertig und - GG-verfassungsrechtlich gesprochen - 'sozialstaatlich' organisierbares Gesellschaftssystem auffinden lassen. Nicht zuletzt geht aus dem Material das Interesse an einer international koordinierten antikapitalistischen Politik hervor, wie sie etwa gegenüber der jahrzehntelangen Militärdiktatur in Chule seit dem Sturz S. Allendes im Jahre 1973 angemessen war.

Was eine 'sozialistische Erziehung' der Schul-Jugend betrifft, so läßt sich den vermittelten Grundmaximen oft nicht widersprechen. Als nur ein Beispiel dafür sei genannt die politische Konsequenz, die aus der Tonbandaufnahme einer beamtenmäßig-mündlichem Mitteilung eines Hinrichtungstermins an einen politischen Häftling in der NS-Endzeit zwingend hervorgeht. Sie ist auf der Schallplatte Nr. 5 zu finden. Ein anderes ist die prägnant formulierte Anforderung an den jugendlichen 'Sozialrevolutionär', sich in seiner Lebensplanung nicht damit zufriedenzugeben, 'Mieter zu sein' (ebenfalls Schallplatte Nr. 5).

Manchmal wirken allerdings die zusammengefaßten katechismus-ähnlichen Lebensgeschichten und Verhaltensregeln - trotz auch gemütvoller Motive - etwas zu lehrhaft-werkmeisterlich, um Jugendliche überzeugen zu können. Und das dort ebenfalls vorfindliche Bekenntnis eines Genzsoldaten zur loyalen Ausführung von Schießbefehlen an der 'Staatsgrenze der DDR' bringt ein 'sozialistisches Moralsystem' zumindest an dieser wichtigen Stelle zum Einsturz; denn es erträgt offenbar nicht die Priorität der individuellen Entscheidung oder Zurückhaltung im Falle ethischer Aporien (Pflichtenkollision). Ein Staat ist keine moralische Instanz. Versucht er, dies zu sein, so macht er sich - fehlbar, wie er seinem Wesen nach ist - seit jeher lächerlich oder gar verhaßt.

Im folgenden sollen einige der insoweit interessanten, heute nicht mehr ohne weiteres zugänglichen Materialien, die dem Autor zur Verfügung stehen, exemplarisch vorgestellt bzw. wiedergegeben und, soweit sinnvoll, unter den genannten Fragestellungen kommentiert werden.

Dabei geht es vor allem um Tonträger der 1980er Jahre aus damals üblichem Kunstharz. Bei der Digitalisierung der Plattenvorlagen wurden MP3-Dateien erstellt.

Bei dem maschinellen, nicht dauernd kontrollierbaren Abtast-Vorgang entstehen manchmal Nebentöne, Auslassungen oder Wiederholungen. Verbesserungen und Ergänzungen sind möglich und auf Dauer vorgesehen. Manchmal muß jetzt noch zu Beginn einer Tonwiedergabe einige Sekunden lang abgewartet werden.

Der Vorteil der Digitalisierung liegt demgegenüber offenkundig in dem nun möglichen Zugang über das Internet zu einem anschaulichen Stück DDR-Ideengeschichte und -Politik, das jeden wirklich politisch und historisch Engagierten in Deutschland und anderwärts interessieren könnte und dürfte.

Eine Fortentwicklung und dabei auch eine zweckmäßig knapp gehaltene Kommentierung sind vorgesehen.

C. G.

MATERIAL-ÜBERSICHT.

1. Schallplatte 45 mm 'Feliks Dzierzinski'. Vom Ministeriums für Staatssicherheit zur Information über das ihm unterstehende 'Wachregiment Berlin' herausgegebenes Lehrmaterial. Literarische und musikalische Bearbeitung von: Horst Buerschaper, Klaus Müller, Karl-Heinz Jäger, Siegmund Goldhammer, Wolfgang Schonendorf (Regie), Plattenseite 2, 'Öffentliche Aufführung und Rundfunksendung verboten.' VEB Deutsche Schallplatten Berlin DDR, undatiert, Entstehung um 1980.

2. Schallplatte 45 mm 'Dokumente, Poesie und Prosa zur sozialistischen Weltanschauung und Moral.' Staatsbürgerkunde Klasse 9 und 10. Auswahl für den Staatsbürgerkunde-Unterricht, 10. Klasse' von Dr. Egon Storch. Entwickelt von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, Institut für Unterrichtsmittel- Als Unterrichtsmittel zugelassen durch das Ministerium für Volksbildung der DDR, Hauptverwaltung Unterrichtsmittel und Schulversorgung. Plattenseite 1. 'Öffentliche Aufführung und Rundfunksendung verboten.' VEB Deutsche Schallplatten Berlin DDR. Undatiert, Entstehung um 1980.

3. Schallplatte 45 mm 'Gesxhichte Klasse 9 (1933 bis 1945). Der Richter und der Gerichtete'. Titel 1 - 3. Entwickelt von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, Institut für Unterrichtsnittel, Schola S 39. Schallplatte für den Unterricht. Als Unterrichtsmittel zugelassen durch das Ministerium für Volksbildung der DDR, Hauptverwaltung Unterrichtsmittel und Schulversorgung, VEB Deutsche Schallplatten Berlin DDR. Plattenseite 1. 'Öffentliche Aufführung und Rundfunksendung verboten.' Undatiert. Entstehung um 1980.

Titel 3 enthält die eindrucksvolle gerichtliche Verteidigungs- und politische Angriffsrede des bulgarischen Kommunisten G. Dimitroff im 'Reichstagsbrand-Prozeß' 1933 vor dem damaligen Reichsgericht. Er wurde von diesem 'aus Mangel an Beweisen' für eine Branstiftungsabsicht freigesprochen.- Der überführte Brandstifter van der Lubbe wurde trotz berechtigter Zweifel an seiner Schuldzurechnungsfähigkeit zur Todesstrafe verurteilt.

4. Schallplatte 33 mm 'Die letzte Rede des chilenischen Präsidenten Salvador Guillermo Allende 1973 kurz vor seiner Absetzung durch einen Militärputsch.' Intakte Seite einer um 1975 in der DDR erschienenen 33 mm-Schallplatte. Deutschsprachige Übersetzung und Gestaltung der Rede. Sprecher und Hg. unbekannt.

Salvador Guillermo Allende (1908 - 1973) war von Beruf Arzt, also primär nicht Vertreter wirtschaftlicher Besitzstände und Interessen, und aufgrund dieser Orientierung zum Präsident4n Chiles gewählt worden Dieses Amt übte er von 1970 bis 1973, bis zu dem Militär-Putsch gegen ihn aus. Der Schwerpunkt der sozialistischen Wirtschaftspolitik Allendes war von Anfang an die entschädigungslose Verstaatlichung der Bodenschätze, vor allem des Kupferbergbaus, und die Enteignung ausländischer Großunternehmen und Banken sowie eine Agrarreform, bei der von Großgrundbesitzernein ein Großteil ihres Grundbesitzes an Einzeöbauern und Beuern-Kollektive abzugeben war. Späterhin wurden auch der Kohlebergbau und die Textilindustrie verstaatlicht. Außenpolitisch wollte sich die sozialistische Regierung in Chile vom 'kapitalistisch' geprägten Ausland, insbesondere von den USA, unabhängig machen. Dabei näherte sie sich auch Kuba an, das sich unter Fidel Castros Regierung damals in konfrontativem Konflikt mit den USA befand. Castro soll in einem sogenannten 'Geheimplan Z' - dessen Bestehen ist unsicher, wurde Allende aber später vorgeworfen - das Ziel formuliert haben, die Führungsspitze der chilenischen Armee präventiv zu beseitigen, um Sozialreformen abzusichern. Auch wenn Allendes Radikalreformen im chilenische Parlament stets große Mehrheiten erhielten und schon sein Vorgänger Eduardo Frei.eine in diese Richtungen gehende Politik eingeleitert hatte, so war doch die Armee sozial mit der Schicht der eine Sozialisisierung ablehnenden Vermögenden eng verbunden und deshalb für Versuche, auf demokratischem Wege eine sozialistische Gesellschaft in Chile zu etablieren, nicht wirklich zu gewinnen. Hierin dürfte das maßgebliche Motiv für den Militärputsch gegen Allende m Jahr 1973 gelegen haben. In dessen Verlauf nahm sich Allende demostrativ das Leben, um sich ncht den Putschicten unterwerfen zu müssen. Seine Rede hielt er kurz vor seiner Gefangennahme während des Putsches. Die Darlegung der gtinlegenden Motive für seine Politik war bei dieser Gelegenheit kaum noch möglich und sinnvoll. Eindrucksvoll ist die Würde, mit der er dem vorgesehenen letzten nöglichen Widerstand entgegengeht.

Allendes polirisches Schicksal weist zum einen darauf hin, daß 'der Sozialismus' nicht nur ein 'Ostblock-Phänomen' des 'Kalten Krieges ist, sondern außerhalb totalitärer Systeme mit Zustimmung der Bevölkerung zu entstehen vermag, zum anderen, daß es möglich gewesen wäre, auch einen Militärüutsch im Jahre 1973 mit verfassungsmäßiger Notwehr-Gewalt zu verteidigen, hätte diese in der vdamaligen chilenischen Verfassung zur VVerfühung gestanden. zur Verfügung gestanden.

5. Schallplatte 45 mm 'Ein Revolutionär zu sein, was heißt das heute? Material für die Polytechnische Oberschule, Staatsbürgerkundeunterricht in den Klassen 7, 8 und 10, Berufsausbildung für Lehrlinge mit der Klasse 8, . Entwickelt von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, Institut für Unterrichtsmittel.Auswahl: Dr. sc. Günter Fippel. .Schola Stereo 875139, Plattenseite 1 (Etikett vertauscht): Als Unterrichtsmittel zugelassen durch das Ministerium für Volksbildung der DDR, Hauptverwaltung Unterrichtsmittel und Schulversorgung. 'Öffentliche Aufführung und Rundfunksendung verboten.' Undatiert. Entstehung um 1980.

6. Schallplatte 45 mm Wo ein Genosse ist, da ist die Partei. Material für die Polytechnische Oberschule, Staatsbürgerkundeunterricht in den Klassen 7, 8 und 10, Berufsausbildung für Lehrlinge mit der Klasse 8. Auswahl: Dr. Rolf Werner. Als Unterrichtsmittel zugelassen durch das Ministerium für Volksbildung der DDR, Hauptverwaltung Unterrichtsmittel und Schulversorgung. Entwickelt von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, Institut für Unterrichtsmittel, .Schola Stereo 875139. Plattenseite2 (Erikett vertauscht). 'Öffentliche Aufführung und Rundfunksendung verboten.' Undatiert. Entstehung um 1980-

7. Schallplatte 45 mm Dokumente, Poesie und Prosa zur sozialistischen Weltabschauung und Moral. Auswahl für den Staatsbürgerkundeunterricht, Klasse 10: Dr. Egon Storch. Als Unterrichtsmittel zugelassen durch das Ministerium für Volksbildung der DDR, Hauptverwaltung Unterrichtsmittel und Schulversorgung. Entwickelt von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, Institut für Unterrichtsmittel, .VEB Gotha Druck Ag 511/01/75. Plattenseite 1. Entstehung 1975.

8 ff. Weitere zur Verfügung stehende politisch-historische DDR-Schallplatten sind an dieser Stelle ebenfalls zur Veröffentlichung und Beschreibung vorgesehen.

Inhaltsangaben auf und Beilagen in den Plattenhüllen

1 / 1 1 / 2 1 / 3 1 / 4 1 / 5 1 / 6 1 / 7
2 / 1 2 / 2
3 / 1 3 / 2
4
5
6


Redaktionelle Verantwortung: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, FG Geschichte, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@tu-berlin .

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