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Geltungsdemonstration und Freundlichkeitsschein im derzeitigen Geschäfts-Deutsch: Fokus, Agenda, App, Briefing, Hype, quasi und viele, viele andere Imponier-Floskeln.

Zur Vortäuschung von Bildung, Originalität, Sachkunde und Mitmenschlichkeit in neueren Wortbildungen des geschäftlichen Lebens einschließlich des Sports, des Nachrichtenwesens, der journalistischen Kommentierung und der Politik.

In ständiger Fortentwicklung.

Von Christian Gizewski.

[Stand Mai 2017]

IN STÄNDIGER FORTENTWICKLUNG.

Der geschichtliche Wandel einer Sprache zeigt sich am auffälligsten in den ständigen Sinnveränderungen oft verwendeter Wörter und umgangssprachlich üblicher Redewendungen. Der Sprachbedeutungswandel wird von historisch-gesellschaftlichen Bedingungen geprägt, deren Ausdrucksbedürfnisse sich in der Entstehung neuer Bedeutungsträger und Wortbedeutungen in bestimmten Lebensbereichen und deren analoge Übertragung auf andere Bereiche niederschlagen.
Das gilt auch für die deutschen Sprachentwicklung seit Fortfall des DDR-sozialistischen Spracheinflusses seit der Wiedervereinigung 1989/1990, welche in mehreren Wellen politisch-sozialer Anpassung zu ganzen Wellen der Wortsinn-Veränderungen oder -Neubildungen führte.
Neue Ausdrucksbedürfnisse entstanden vor allem im privatwirtschaftlichen Organisationsbereich und Geschäftsleben.
Sie führten und führen dort typischerweise zu einer - rudimentär-halbgebildeten - Fremdwortübernahme aus dem antik geprägten Fremdwortschatz höherer Schulbildung im deutschen Sprachbereich und zu verundeutlichenden Anglifizierungen, englisch-deutschen Hybridwortbildungen und Abkürzungen. Unter ihnen gibt es ferner eine größere Zahl von Floskelbildungen, die soziale Geltungsansprüche des Sprechers demonstrieren und andererseits Menschlichkeit, Freundlichkeit, Originalität und Sachkunde simulieren. Dies Sprachverhalten läßt sich als 'Manager'-Stil' oder 'Professionalitäts-Attitude' zusammenfassen. "Wie man mit etwas umgeht", "was angezeigt ist", steht dabei von vornherein gewohnheitsmäßig fest, scheint aber 'offen' zu sein.
Dieser Sprachstil wirkt sich auch in neueren Wortbildungen und Redewendungen etwa der Datenverarbeitung, des Sports, der Nachrichten und der Politik aus.
Ihm seien die folgenden Überlegungen gewidmet, die ausgehend von charakteristischen Wortbeispielen deren Attituden-Charakter ideologie-kritisch kommentieren wollen. Es geht dabei nicht um eine Reglementierung des Wortgebrauchs, sondern vielmehr um eine für die passiv Betroffenen nützliche Klarstellung angemaßter Geltungsansprüche, wie sie paradigmatisch in einem Wort wie 'feuern' - verwendet für 'kündigen' oder 'entlassen'- zum Ausdruck kommen.
1. Zur 'Management'-Sprache privatwirtschaftlicher Organisation und ihrer Verallgemeinerung.
BEISPIELE: 'Management', 'Implementierung', 'Expertise', 'Kernkompetenz', 'Projekt', 'Ranking', 'Gesundschrumpfen', 'Forcierung', 'Erfolg generieren', 'Risikoverteilung', 'Schadensbegrenzung', 'Effektabflachung', 'Positionieren', 'interner Abstimmungsprozeß', 'liefern', 'feuern', 'abgehoben', 'business'.
KOMMENTAR: Die sozialstaatlichen Legitimationsmängel marktwirtschaftlicher Dispositionsbefugnisse werden hier hinter einer sachlich wirkenden Planungs- und Durchführungsroutine entweder versteckt oder wegen betriebswirtschaftlicher Beschränktheit nicht wahrgenommen.
2. Zur Vorgesetztensprache in privatwirtschaftlichen Betrieben und ihrer Verallgemeinerung.
BEISPIELE: 'abholen', 'bei jemand sein', 'offen gesagt', 'nicht ganz unverdient', 'verhalten optimistisch', 'inspiriert', 'auf dem Schirm haben', 'zielorientiert', 'redundant', 'suboptimal', 'Sinn machen', 'sportlich', 'social day', 'steigerungsfähig', 'Befindlichkeiten', 'zeitnah', 'inakzeptabel', 'Hochdruck', 'absolut', 'Agenda', 'meeting', 'Ansage', 'message', 'offboarding', 'no go', 'Fakt ist' (westliche Adaptierung einer DDR-Sprachregelung), 'ich bin ganz bei Ihnen', 'hoch problematisch', 'mit etwas umgehen'.
KOMMENTAR: Die sanft und 'locker' wirkende sprachliche Taktik der Annäherung an ein in Wirklichkeit als wehrloser Befehlsempfänger verstandenes Subjekt verdeckt nur die Unehrlichkeit des Sprechers.
3. Zur Sprache der privatgeschäftlichen Kundenwerbung und ihrer Verallgemeinerung.
BEISPIELE: 'Auftritt', 'ungeheuer', 'extrem', 'ganz-ganz', 'pur', 'echt', 'krass', 'Potenzial', 'paßt perfekt', 'total', 'für alle zugänglich', 'magisch', 'kreativ', 'optimale Ressourcennutzung', 'neue Ideen', 'eine Bank fürs Leben', 'Risiken und Nebenwirkungen', 'lounge'.
KOMMENTAR: Die Worte werden durch absichtliche Übertreibung oder Verschleierung ihres Bezugs zur Lüge.
4. Zur Verallgemeinerung der Datenverarbeitungs-Sprache.
BEISPIELE: 'auf dem Schirm', 'Software', 'Netzwerk', 'Programm' ,'Set', 'Firework', 'Schnittstelle', 'Protokoll', 'Speicher', 'Blackbox', 'Administrator', 'User', 'Version', 'Innovation', 'Aktivieren', 'Slots', 'Action Lines', 'digital industry', 'infrastructure', 'communication service', 'Workshop', 'Networking', 'das funktioniert nicht', 'klicken'.
KOMMENTAR: Der Versuch der Bedeutungsübertragung von technisch-systemtheoretischen Termini auf soziale Beziehungen erzeugt den Schein der Rationalität (Vernunft) und damit auch Legitimität (Rechtmäßigkeit) einseitig und unbeschränkt regelbarer betrieblicher und behördlicher Arbeitsorganisation und Geschäftstätigkeit, also autoritärer sozialer Ordnung. Gesellschaftliche Ordnung 'funktioniert' aber in diesem Sinne nicht, kennt keine 'Administratoren' und findet auch nicht 'auf dem Schirm' statt. Insoweit kann darüberhinaus eine Überschätzung der Perspektive einer 'Datenverarbeitungsgesellschaft' zu politisch unakzeptablen Konsequenzen (Überwachungs-Verfahren, Freiheitseinschränkungen) führen.
5. Zur Sprache des Sports und ihrer Verallgemeinerung.
BEISPIELE: 'Sprint', 'alles geben,' 'Einsatz', 'auswechseln', 'Mittelfeld', 'Angriffsspitze', 'bewährt', 'Jungs', 'champions leage',' 'wechseln nach', 'aufsteigen', 'spielen, um zu gewinnen', 'souverän', 'mitmischen', 'Steilvorlage', 'du', 'Spirit', 'Punkte machen.
KOMMENTAR: Der Unterhaltungscharakter des Sports lebt von seinen Wahrnehmungsbegrenzungen. Diese lenken von den geschäftlichen Motiven bei Sportlern und Sportorganisationen sowie von den Werbe-Interessen fördernder Geschäfts-Unternehmen ab. Die Fairness-Regeln werden außerhalb des Sportspiels umgangen. Das führt zu einer prinzipiell falschen Vertraulichkeit und Unehrlichkeit einer 'Sportsprache' Durch Verbreitung außerhalb des Sportspiels übertragen sich dessen moralische Fehler in allgemeine Sprachgewohnheiten.
6. Zur Nachrichtensprache und ihrer Verallgemeinerung.
BEISPIELE: 'vor Ort', 'medial', 'soziale Medien', 'Trailer', 'Focus', 'News', 'Recherche', 'Umfragehoch', 'Trendverfestigung', 'Checkpoint', 'renommierte Quellen', 'livestream', 'nach neuesten Umfragen', 'Hype' (Wortzuschnitt aus dem griechischstämmigen Fremwort 'hyper'), 'O-Ton', 'quasi' (als Verlegenheits-Interjektion).
KOMMENTAR: In der Nachrichten-Klassifikation wird trotz naheliegender Einwände eine übliche Zuverlässigkeit der Nachrichtenbeschaffung und -verbreitung unterstellt. Fremdwortgebrauch fingiert offenbar eine nicht durchgängig gegebene Autorität der Quellen. Technische Begriffe unterstellen ggf. gewissenhafte Nachrichtenbearbeitungsverfahren. Benennungs-Probleme werden durch Worthülsen überspielt.
7. Zur Sprache der Politik und ihrer Verallgemeinerung.
BEISPIELE: 'Agenda', 'Agentur', 'Druck ausüben', 'klare Kante zeigen', 'Nachrüsten', 'Sicherheitslage', 'Eskalation', 'feuern' (aus der Privatwirtschaft stammende Imponiergeste i. S. von 'politisch entlassen'], 'pressefrei', 'Brexit', 'Fexibilität', 'Gefährder', 'Umsetzung', 'Instrumentarien', 'kommunizieren'.
KOMMENTAR: Die Ähnlichkeiten der Politik mit dem privaten und beruflichen Geschäftsleben werden zwecks Popularisierung, aber auch zur Verdeckung der darin liegenden Übergehung der Allgemeinwohl-Verpflichtung verfassungsmäßiger Politik hervorgehoben. Abkürzungen verundeutlichen den politischen Wortsinn. Begriffsbildungen nehmen politisch offene Diskussionsergebnisse vorweg. Gebildet klingende Fremdworte ('Agenda', 'Instrumentarien') heischen sachlich ungerechtfertigt Achtung.

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Redaktionelle Verantwortung: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, FG Geschichte, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@tu-berlin, WWW-Seite: agiw.fak.tu-berlin.de.