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Nochmals zu 'Asche und Diamant'.
Zur Frage des autobiograpischen Charakters eines polnischen Nachkriegsfilms des im Jahre 2016 verstorbenen Regisseurs Andrzej Wajda über den polnisch-bürgerlichen Widerstand d. J. 1945 gegen das polnisch-kommunistische System.
Von Christian Gizewski.
[Stand Mai 2017]
IM AUFBAU.
Die folgenden Bemerkungen widmen sich folgenden Fragen: Wie läßt sich heute erklären, daß der Film 1958 in Polen entstand, dort nicht zensiert wurde, in der DDR unzensiert in deutscher Sprache synchronisiert wurde und in der alten deutschen Bundesrepublik in den 1960er Jahren bei der damaligen akademischen Jugend links der SPD so großen Anklang fand. - Anlaß ist die Vorführung der Originalfassung des polnischen Films mit deutschen Untertiteln im Rahmen der Reihe 'Neues Polnisches Kino und Dokumentarfilm', Festival 3. - 10. Mai 2015, in der 'Topographie des Terrors', Niederkirchner Straße 8, 10953 Berlin am 8. Mai 2017.
1. Zur Entstehungszeit des Films.
Die einige Jahre nach dem Tode Stalins (1953) in den meisten Ostblockländern beginnende 'Tauwetter-Periode' brachte in Polen eine Lockerung der bisherigen strikten Unterstellung unter die Sowjetunion mit sich. Diese führte unter dem polnisch-kommunistischen Parteichef Gomulka zu einer von der UdSSR unabhängigeren Form der Außenpolitik, betonte aber zugleich die wirtschaftliche und militärische Zugehörigkeit zum 'Ostblock'. In der geistigen Atmosphäre des Landes hatte sich zuvor, wenn auch staatlich überwacht und zensiert, ein 'unabhängiger Nationalismus' behauptet, der locker an Vorkriegs-Traditionen und eine - vor allem Deutschland gegenüber - zwiespältige Form der Westorientierung anknüfte. In diesem historischen Rahmen ist auch der von Andrzej Wajda hervorgebrachte Film 'Asche und Diamant' zu verstehen.
2. Zu Andrzej Wajda (6. 3. 1926 - 9. 10. 2016).
Wajdas Vater war zu Beginn des 2. Weltkriegs polnischer Offizier. Mit 3000 anderen polnischen Kriegsgefangenen wurde er 1940 von sowjetischer Seite in einem NKWD-Kriegsgefangenenlager bei Charkow erschossen. Andrzej Wajda selbst trat - 16-jährig - der 'Polnischen Heimatarmee' in Radom bei, die zunächst gegen die NS-deutsche Besatzungsmacht, später, nach deren Beseitigung, teilweise noch eine Zeitlang gegen die sowjetischen Truppen und den kommunistischen Einfluß in Polen kämpfte. Neben seiner unter dem NS-deutschen Regime in Polen eingeschränkten Schul- und Handwerks-Ausbildung in Radom kämpfte er von abgelegenen Orten aus bei der Heimatarmee gegen die deutsche Besatzungsmacht, bis diese - nach dem Warschauer Aufstand 1944 - nach Westen verdrängt war und am 8. Mai 1945 umfassend kapitulieren mußte. Nach der sowjetischen Besetzung Polens hat er sich noch - nach eigenem Bekunden - als 'Kurier' bei der nicht-kommunistischen Heimatarmee betätigt.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wo und wie er dabei in die anti-sowjetische Widerstands- und Attentatstätigkeit der 'bürgerlichen' Heimatarmee eingebunden war, die der Film so anschaulich und beeindruckend schildert. Gerade die Einzelheiten des Filmgeschehens legen die Vermutung nahe, er habe zumindest das meiste davon selbst erlebt oder mitgetan oder bei anderen ihm nahestehenden Menschen miterlebt.
Nach dem Kriege studierte Andrzej Wajda von 1946 bis 1950 Malerei an der Kunstakademie in Krakau und besuchte später die Filmhochschule in Lodz. Danach wurde er Theaterregisseur und erstellte seine ersten Filme, zu denen als erster großer im Jahre 1958 'Asche und Diamant' mit seinen vielen prominenten Schauspielern, unter anderem Waclaw Zastrzezynski, Adam Pawlikowski, Zbigniew Cybulski und Ewa Krzyzewska, gehörte.
Mit seinen Filmen wurde Wajda trotz des Fortbestehens des Ost-West-Konflikts international bekannt und präsent, blieb aber bis zum Ende des kommunistischen Systems in Polen ansässig. 1989 jedoch stellte sich Wajda, der das kommunistische System stets ablehnte, auf die Seite der 'Solidarnosc' und blieb in diesem Sinne bis zu seinem Tode im Jahre 2016 als Senats-Mitglied in der polnischen Politik tätig.
3. Deutsche Übersetzungen des Films.
Die polnischsprachige Fassung des Films wurde zweimal ins Deutsche übersetzt, einmal in einer in der DDR synchronisierten Fassung, zum anderen in einer polnischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
Die Übersetzungen beider Fassungen gewichten die Dialoge etwas unterschiedlich. Die DDR-Synchronisierung erscheint manchmal schärfer akzentuiert, wie z. B. in der symbolüberladen wirkenden Kirchenszene, in der der tragische Held Maciek seiner Liebe das eigene Schicksal aus einer Kircheninschrift, einem in Polen bekannten Gedicht des polnisch-romantischen Nationaldichters Norvid (19. Jht.), voraussagt. Die polnische Originalfassung scheint demgegenüber - dramatisch nüchterner - das Zufällige des Symbolzusammenhangs zu betonen.
4. Zur Filmhandlung.
Der Film spielt am 8. Mai 1945 in einer kleinen polnischen Stadt, nach Ortsangaben im Film identifizierbar als das polnische Kaschau (Kosice, Bezirk Oppeln), unweit der schlesisch-polnischen Grenze der Vorkriegszeit gelegen, an welcher es bei Mittenwalde (im Film polnisch 'Miedzyborze') einen Eisenbahn-Grenzübergang zwischen Polen und Deutschland gab. In der Vorkriegszeit war die polnisch-deutsche Grenze auf deutscher Seite mit 'Ostwall'-Befestigungen gesichert, die späterhin zeitweilig als Unterschlupf für bürgerliche Heimatarmee-Gruppen dienten.
Mit dem 8. Mai 1945 findet zwar der Zweite Weltkrieg sein Ende, nicht aber der innerpolnische Konflikt zwischen bürgerlichen Widerstandsgruppen der Heimatarmee und der neuen kommunistischen Staatsmacht. Maciek und Andrzej sind Soldaten der nicht-kommunistischen Polnischen Heimatarmee. Nach dem Kampf gegen die deutsche Besetzung kämpfen sie also gegen das neue, sowjetisch unterstützte kommunistische System in Polen. Sie erhalten von ihrem Kommando den Befehl, den neu eingetroffenen kommunistischen Bezirks-Parteisekretär Szczuka zu töten. Der erste Anschlag schlägt fehl. Statt Szczuka kommen dabei zwei Fabrikarbeiter ums Leben. Die beiden Attentäter unternehmen einen weiteren Anschlag, diesmal im Hotel 'Monopol', wo Szuka abgestiegen ist und wo zugleich eine große Feier des Kriegsendes stattfindet. Auch der Bürgermeister des Ortes ist dort und feiert seine gerade erfolgte Ernennung zum Minister der neuen polnischen Regierung. Dessen Sekretär Drewnowski hat seinerseits an dem ersten Anschlag teilgenommen, den er durch seine internen Kenntnisse ermöglicht hat.
Maciek trifft in diesem Hotel, wo er auf eine neue Gelegenheit für das Attentat wartet, auf die Bardame Krystyna. Sie verlieben sich spontan und spazieren durch die - kriegszerstörte - Stadt. Dabei betreten sie eine stark beschädigte Kirche. Ein zerstörtes, umgekehrtes Kruzifix hängt dort von der Decke. Krystyna entdeckt auch eine Inschrift mit einem Gedicht des polnischen Nationaldichters und Malers Cyprian Kasimir Norwid.
In diesem finden sich die beiden Schlüsselworte, die das tragische Geschehen benennen, in das beide selbst eingebunden sind: 'Asche und Diamant' - als Hinweise auf die Vergeblichkeit der persönlichen Existenz und das wenige bleibend Wertvolle in ihr.
In einer Krypta entdeckt Maciek zudem noch die aufgebahrten Leichen der von ihm sinnlos getöteten Zivilisten.
In das Hotel zurückgekehrt erinnert sich Maciek trotz seiner erwachten Liebe zu Krystina an seinen Auftrag und macht sich, obschon halbherzig, daran, ihn zu erfüllen, weil er ihn - als militärischen - übernommen hat, woran er von Andrzej erinnert wird. Er trennt sich - nur - deswegen von der enttäuschten Krystina. In der Stadt trifft er auf Szczuka, der - gerade erst aus der Sowjetunion als führender Funktionär der Kommunistischen Partei zurückgekommen - bei seinen bürgerlichen Verwandten vergeblich seinen Sohn sucht, der seinerseits als Angehöriger der bürgerlichen Heimatarmee im 'Wald bei Miedzyborze' gefangengenommen wurde.
Maciek erschießt Szuka zwar auftragsgemäß. Er fängt ihn aber, als er fällt, teilnehmend auf und wirft seine Pistole weg. Als Szczuka tot ist, beginnt ein Feuerwerk zur Feier des beendeten Krieges.
Das Fest im Hotel Monopol geht nach langen Stunden am frühen Morgen zuende, indem die letzten Anwesenden zur Musik einer vor Ermüdung mißtönenden Kapelle die national traditionsreiche Polonaise a-dur tanzen.
Zu dieser Zeit macht sich Maciek auf den Weg, um sich vereinbarungsgemäß mit Andrzej zu treffen. Mit einem LKW wollen sie die Stadt Richtung Sammelpunkt ihrer Heimatarmee-Gruppe verlassen. Auch Drewnowski kommt hinzu. Doch wittert Andrzej wegen dessen undurchsichtiger Bindung an die kommunistische Seite Verrat. Drewnowski hat aber seine Stellung bei der Gegenseite über Nacht verloren und will die anderen Attentäter deswegen warnen. Andrzej weist ihn jedoch ab. Maciek bleibt zwar, geht Drewnowski aber aus dem Wege, läuft weg und dabei unabsichtlich einer Patrouille in die Arme. Er wird nach Anruf angeschossen, verblutet allmählich und stirbt beim Weiterlaufen auf einer Müllhalde.
5. Zur dramatischen Konzeption der Filmhandlung und Wajdas persönlicher Anteilnahme an ihr.
Auch 'zeitgenössisches Geschehen' kann tragischen Zuspitzungen allgemeinmenschlicher Konflikte und Fehler unterliegen und folgt insoweit von selbst dem antiken Muster der Tragödie. Andrzej Wajda war aufgrund seiner Studien und Theater-Tätigkeit mit diesen Traditionen vertraut und folgte ihnen in einfallsreicher Adaptation an die Gegenwart.
In Andrzej Wajdas Film ist aber auch ein ganz persönliches Verhältnis zu dessen Ereignissen und Personen spürbar. Das geht schon daraus hervor, daß einer der Attentäter im Film denselben Vornamen hat wie Wajda. Der andere Attentäter ist der tragische Held Maciek, der mit dem Andrzej des Films befreundet ist und ihm freiwillig, also ohne jede Not, bei einem letztlich perspektivlosen Vorhaben folgt. Andrzej Wajda zeichnet den Attentäter Andrzej des Films als besonnenen, nachdenklichen Menschen mit Gewissen, der sich den Notwendigkeiten der Kriegführung aber, soweit nötig, tatkräftig unterstellt und in diesem Fall nicht seinen eigenen Gefühlen folgt. Bei seinem letzten Zusammentreffen mit Maciek antwortet der Andrzej des Films auf dessen Frage, ob er denn das Attentat für nötig halte, darauf komme es nicht an. Es mag sein, daß Andrzej Wajda etwas Ähnliches in eigener Person erlebt und später bedauert hat. Jedenfalls könnte er zu diesem Zweck einem realen Maciek eine Art dramatisches Denkmal gesetzt haben, in dem auch er selbst auftrat.
7. Der persönliche und wahrhaftige, weil moralisch grundsätzlich zweifelnde Charakter des Films dürfte es sein, der in den 1960er Jahren auch bei der studentischen Generation der alten Bundesrepublik Deutschland große Resonanz gefunden hat. Zugleich brachte er das Thema des bewaffneten Widerstands gegen eine illegitime Staatsgewalt auf eine außerdeutsche Weise in die öffentliche Diskussion in Deutschland ein.
8. Die DDR-Synchronisierung des Films stellt heute die Frage, warum unter den politisch strikten Zensur-Bedingungen der DDR dort eine Synchronisierung erfolgte. Antwort darauf ist: Innerhalb der wirtschaftlichen Kooperation im Ostblock hatte die DDR die Aufgabe übernommen, polnische Filme im Außenhandel mit dem deutschsprachigen Ausland für dessen gesamten Film- und Fernsehbedarf zu synchronisieren. Die Inhalte einer Vielzahl polnischer Filme fanden so synchronisiert auch in die DDR zurück, weshalb eine Zensur sinnlos gewesen wäre. Das Ende des tragischen Helden im Wajda-Film konnte andererseits aber auch ohne größere Schwierigkeit als 'historisch überholtes' Problem mißverstanden werden.
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Zur Synchronisation polnischer Filme in der DDR: Die Rezeption polnischer, im Lichtspielwesen der Deutschen Demokratischen Republik verliehener Spielfilme in den Jahren 1949 - 1990. Dissertation HU Berlin Phil. Fak. III, 2011, von M. A. Kinga Piatkowska, zugänglich über: http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/piatkowska-kinga-2011-12-16/PDF/piatkowska.pdf
Zur politischen Romantik in Polen: Hans-Peter Hoelscher-Obermaier, Polnische Romantik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1998. Mit Rezension: Heidi Natelberg, Das Volk erlösen, Polens nationale Einheit stiften. Eine Anthologie mit Werken von Adam Mickiewicz bis Cyprian Norwid.
Dort findet sich auch der - ins Deutsche übersetzte - Text des Gedichts 'Hinter den Kulissen' von Cyprian Norwid. geb. 1821 in Laskowo-Gluchy, gest. 1883 in Paris.: "Und immer wieder entflammst du in dir wie eine Pechfackel lohenden Zunder, und brennend fragst du, ob größere Freiheit dir oder ob alles, was dein ist, zuschanden wird? Ob Asche nur bleibt und Staub, der mit dem Winde vergeht? Oder ob auf der Asche Grund strahlend ein Diamant erscheint, der Morgen des ewigen Sieges . . ."
Die Polonaise a-dur 'l'héroique' von Chopin gilt seit dem 19. Jht. traditionell als eine Art polnischer National-Hymne. > https://www.youtube.com/watch?v=gFlyKTyFfrs und > https://www.youtube.com/watch?v=KCSEwfqs-VM
Eine literarische Vorlage des Wajda- Films entstand schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, 1947, in dem gleichnamigen Roman von Jerzy Andrzejewski, dessen Handlung von dessen Autor aber in die polnische Kreisstadt Ostrowiec (Karczew) verlegt ist und primär sozialistische Kritik an der dort noch verbliebenen bürgerlichen Schicht übt.
Ladefähige Elemente des hier kommentierten Films: AUDIO_TS und VIDEO_TS . Zum Abspielen ist die Einschaltung eines DVD-Programms nötig.
Vielen Dank für mehrere freundliche Recherche-Hinweise. C. G.

Redaktionelle Verantwortung: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, FG Geschichte, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@tu-berlin, WWW-Seite: agiw.fak.tu-berlin.de.