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Wegwerfkleinmüll.

Zu zeittypischen persönlichen Konsumentenfehlern und ihrer Abstellbarkeit.

Gedankenskizze von Christian Gizewski.

A. Rücksichtsloses Verbraucherverhalten als Ordnungsproblem.

Wer beim Gehen auf öffentlichen Wegen untypischerweise öfters nach unten sieht, erkennt eine Vielzahl wertloser Kleinteile, die deshalb von ihren früheren Besitzern aufgegeben und 'weggeworfen' wurden. An manchen Stellen häufen sie sie sich zu ärgerlichen Müll-Streifen oder -Läufern, die die Frage aufwerfen, inwieweit sie auf persönliche Rücksichtslosigkeit oder eine Art Kulturlosigkeit ihrer vormaligen Besitzer zurückzuführen sind und ob es nicht möglich ist, sie zu verhindern.

Denn Rücksichtslosigkeit bei der Nichtbeseitigung persönlicher Komsumreste ist eine Kehrseite der Konsumentenfreiheit , und diese läßt sich angemessen regeln, wenn es sein muß.

Die natürliche Scheu vor Streitigkeiten und das Fehlen verbindlicher alternativer Ideen zu diesem lästigen Ordnungsproblem sind aber so weit verbreitet, daß solche Rücksichtslosigkeit sich kaum verhindern läßt, wo viele Menschen zusammen- oder vorbeikommen, ob es sich um Einkaufsläden, Bushaltestellen, Sportveranstaltungen, Ausflugsorte, Parkplätze oder Wartesäle handelt. Insoweit kann man sogar von einer 'allgemeinen Ohnmacht' sprechen. Grund dafür ist: Was auf diese Weise zusammenkommt, fällt aus den üblichen Formen der Papier-, Wertstoff- und Gebrauchtwaren-Entsorgung oder -Veräußerung heraus.

Der Politik wären zwar einige Gegenmittel gegeben. Dabei bräuchte die Grenze zum Schulmeisterstaat nicht überschritten zu werden. Es kommt vor allem wohl darauf an, daß dem Allgemeinwohl nicht ausreichend gerecht werdende Zeitgenossen angemessen nachdrücklich - aber zugleich auch freundlich - auf ihr persönliches Nichttun aufmerksam gemacht werden.

B. Müll-Archäologie: Einige typische Beispiele für die Nichtbeseitigung von Konsumresten.

An dem Einsammeln der im folgenden aufgelisteten Konsumreste an einem größeren Ausflugsplatz hat normalerweise niemand ein geschäftliches oder sonst seriöses Interesse. Vielmehr sind sie schwer 'faßbar', eklig, unhygienisch, schmutzig, zerrissen, zerbrochen und zerquetscht, also auch ausgesprochen wertlos. Konsumreste dieser Art sind an den oben genannten Orten allgegenwärtig und unübersehbar. Um das zu ändern, müßten einzelne Menschen sich dort, wo solche Reste anfallen, abgelegt werden oder hinfallen, nach jedem einzelnen Stück bücken, um es einzusammeln und irgendwo - meist eine längere Wegstrecke entfernt vom Fundort und in irgendeinem dafür oft nicht vorgesehehen oder bereits vollgestopften Müllsammlungsbehältnis - abzulegen. Der Autor dieses Betrags hat dies einmal auf sich genommen und faßt seine haptischen Erfahrungen wie folgt zusammen.

Legende: S = seltenes, G = gelegentliches , O = oftmaliges; R = regelmäßiges Vorkommen.

1. 'Essens-, Kau- und Süßigkeisreste'. G

2. 'Snack- und Süßigkeits-Verpackungen'. R

3. 'Einweg-Teller und -Becher'. O

4. 'Zigarettenkippen und -schachteln'. R

5. 'Grill-Bleche und -Folien'. S

6. 'Geleerte Glas- und Kunststofflaschen und -fläschchen und -behälter sowie ihre separierten Verschlüsse. O

7. 'Leere Blechdosen und abgelöste Deckel. G

8. 'Pflaster, Windeln, Damenbinden, Schnuller'. G

9. 'Medizin-Verpackungen, medizinische Handschuhe'. O

10. 'Verrottungsfeste Werbe- und Anzeigekärtchen'. O

11. 'Einkaufsbelege', 'Preisschilder'. G

12. 'Eintritts- und Fahrkarten'. G

13. 'Notizzettel und verbrauchte Schreibmittel'. G

14. 'Verbrauchte Klebstreifen und Bindemittel'. G

15. 'Gebrauchte und verlorene Papiertaschentücher'. O

16. 'Folienverpackungen, Folienreste'. O

17. 'Papier- und Papp-Verpackungen'. O

18. 'Gummiringe, Bindfäden, Schnürsenkel, Plastikschnüre'. G

19. 'Schrauben, Nägel, Drähte'. G

20. 'Vergessene Kleidung und ihre Teile' (Mützen, Badekleidung, Einzelhandschuhe oder -strüpfe, Hals- und Taschentücher). G

21. 'Leere Feuerzeuge'. G

22. 'Leere Batterien.' S

23. 'Plastikkleingeräte, Kämme, Haarspangen.' G

24. 'Zeitungen, Zeitschriften.' G

25. 'Taschen und Tüten.' (G)

26. 'Folienverpackter Hundekot' (G)

27. ... [wird ergänzt]

C. Zur 'Analyse'.

Ein Viertel des Kleinmülls ging aus dem Einkauf von Fertiggerichten, Bier-, Saft-, Wasserflaschen und Zigaretten hervor. Reste gekaufter Hygiene-Artikel kamen vor, aber nicht häufig. Abgenutzte oder schadhaft gewordene Gebrauchsartikel oder ihre Teile machten ein Viertel des gesamten Anfalls aus. Ein weiteres Viertel kann man als Begleitobjekte von Einkäufen bezeichnen. Besonders häufig (regelmäßg) blieben Papiertaschentücher und Zigarettenkippen liegen. Abgelegte oder vergessene Kleidung war selten. Kaum je vorhanden waren persönlich identifizierbare Reste. Das weist darauf hin, daß die Ableger von Kleinmüll vor dem Wegwerfen zu überlegen pflegen, ob sie so handeln sollen. Dies wiederum läßt darauf schließen, daß ihr Wegwerfmotiv typischerweise - also zumeist - rücksichtslos und persönlich zurechenbar ist. Es kann und sollte korrigiert werden. Im Hintergrund dürften auch allgemeinere moralische Defekte sozialer Denkweisen stehen; es scheint in dieser Hinsicht ein Mangel an gesellschaftlicher Selbstorganisationsfähigkeit, eine Art 'sehende Ohnmacht', vorzuliegen: jeder sieht 'das Problem', geht aber daran vorbei. Nur 'Sonderlinge' - griech. 'idiotai', allerdings in einem positiven Sinne gegenüber allgemeinüblichem Fehlverhalten - bücken sich und fassen an.

D. Lösungsvorschläge.

a) Mitgenommene Kleinmülltüten oder -säcke könnten eine Eigenverantwortlichkeit erleichtern.

b) Häufiger an Brennpunkten des Kleinmüll-Anfalls stationierte öffentliche Abfalleimer könnten auf die Möglichkeit seiner Beseitigung aufmerksam machen.

c) Eine Anpassung des Ordnungswidrigkeitsrechts könnte eine 'Pflicht zur persönlichen Nachsorge' vorsehen.

d) Amtliche Verkehrsbeobachtung an Brennpunkten könnte erzieherisch wirken.

e) Werbung für eigenaktive Kleinmüllbeseitigung unter Verbrauchern in Zeitungen, Film und Fernsehen könnte öffentliche Diskussionen anregen

f) Dezidiert freundliche Ansprache Unaufmerksamer ist möglicherweise die unaufwendigste und wirksamste Methode.

E. Denksprüche.

a) 'Bei uns in Israel gibt es so etwas nicht.'

b) 'Habent sua tempora vitiosi' (lateinisch. 'Jede Zeit hat die für sie bezeichenden Rücksichtslosen').

c) 'Lumpen, Eisen, Knochen und Papier, ausgeschlagene Zähne sammeln wir.' (ungerechtfertigtes Spottlied auf das gewerbsmäßige Lumpensammeln im früheren 20. Jht. > https://de.wikipedia.org/wiki/Schrottsammler).

F. Literatur zum Thema 'Wegwerfgesellschaft.

Systematische Kurzdarstellung der angesprochen Probleme und dazu passende Literatur in 'Wikipedia',

s. v. 'Wegwerfgesellschaft':

https://de.wikipedia.org/wiki/Wegwerfgesellschaft

DISKUSSIONSFORUM.

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