Thesen zu Grundmotiven und Erkenntnisgrenzen in Hitlers politischem Selbstsverständnis.

Von Christian Gizewski.

(Stand 5. Sept.. 2015)


1. Mit der Überschrift 'Mein Kampf' knüpft Hitler objektiv-geistesgeschichtlich an die christliche Glaubens-Tradition an, wie sie etwa im 2. Timotheus-Brief des Paulus (Kap. 4, V. 7) Ausdruck findet: "Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten;" In einer Rede auf dem NSDAP-Parteitag in Nürnberg 1934 geht er sogar darüber hinaus, wenn er für die NSDAP-Mitglieder verbindlich feststellt. "Es genügt nicht zu glauben; es ist nötig zu kämpfen." Mit dem Wort 'mein' macht Hitler deutlich, daß er in diesem Kampf seinen ihm vor allem anderen wichtigen persönlichen Lebenssinn sieht.

2. Hitler versteht sein Buch nicht als Abhandlung, sondern als Zusammenfassung seiner rhetorischen (in soziologischer Terminologie) Sprachaktionen in einem 'Kampf' um die öffentliche Meinung. In diesem Sinne wiederholt er in dem Druckwerk ständig Begriffe wie 'Größe', 'Volk', 'Reich', 'deutsch'' und dazugehörige Bekenntnis-Gesten und -Symbole (wie vor allem das Hakenkreuz, dies in 'Mein Kampf' sogar als Raumteiler). Ständig setzt er auch die schon in der Antike systematisch ausgearbeuteten Mittel polemischer Rhetorik in einer ironischen und erbitterten Dauer-Schimpf- und Schrei-Sprache ein.

3. Hitler übt unter Berufung auf einige selektiv aus der Antiken-Tradition hergeleitete Kriterien Zeit- und Kulturkritik an seiner Zeit, so etwa an deren 'moderner' Literatur, Architektur und Bildender Kunst. - Zu weiteren Traditionsbindungen: Thesen 11 - 17.

4.Judenfeindlichkeits- und Rassereinheits-Ideologeme bei Hitler knüpfen objektiv an die religiösen Traditionen christlichen Judenhasses an. Damit im Widerspruch steht ein betontes Desinteresse an der Alten Geschichte des israelischen und jüdischen Volkes. Hitler hält deren Kenntnis für 'müßig'. Damit entgeht er einer historischen Relativierung seiner 'antsemitischen' Positionen.

5. Hitler verwendet in 'Mein Kampf' eine betont volkstümliche deutsche Sprache. Er knüpft insoweit unter anderem an Martin Lurhers Bibelübersetzung 'ins Deutsche' an. Mit der Gestaltung dieser 'Volkssprache' gibt er sich erkennbar Mühe. Die Grenzen eines Primär-Gebrauchs des 'Deutschen' liegen aber in der Verdrängung des Fremdwortgebrauchs und in der Vermeidung aller akademischen Sprachausdrucksmöglichkeiten. Hitlers Sprache ist insoweit 'restringiert', als sie den Bezug zu den fremdsprachlich-geistesgeschichtlichen Wurzeln der deutschen Sprache und ihren historisch-internationalen Verflechtungen nicht aktiv nutzen kann.

6. Das Schreiben des Autors als 'öffentlich-politisches Handeln', d. h. die Schriftpublikation in offensiv-politisch-rhetorischer Form, impliziert, daß Hitler jede wirklich dialektische Argumentation unterläßt: Primär widerlegt er gegnerische Argumentation nicht, sondern bekämpft sie.

7. Hitler eigen ist die Überbewertung der 'Nation' in ihrer Bedeutung für die politische Konstruktion der Staatlichkeit und der ethnischen Verhältnisse. Das Konzept Hitlers eines deutschen Nationalismus stammt, wie aus seiner Biographie bekannt ist, aus den Völker-Konkurrenzverhältnissen des habsburgischen Vielvölkerstaates.

8. Für Hitler ist sein Buch ebenso wie sein anderes politisches Handeln eine 'Abrechnung' mit und Abwehr von 'linken' und 'internationalistisch' orientierten Formen der Politik. Diese sieht er nicht in ihrer Unterschiedlichkeit, sondern rückt sie vielmehr in einem analytisch ungeeigneten Oberbegriff - etwa eines 'Weltjudentms' bzw. einer angeblich 'jüdisch-kapitalistisch-bolschewistisch' koordinierten 'Weltverschwörung' - zusammen.

9. Auch Hitlers Weltkriegserlebnisse und deren Enttäuschungs-Gefühle gehen in das 'Abrechungs'-Motiv ein. Nicht primär äußeren, sondern viel mehr inneren Feinden 'ohne nationale Gesinnung' gibt er die Schuld an der militärischen Niederlage der deutschen Seite und deren Folgen.

10. Hitler wendet sich immer wieder politisch-rhetorisch direkt an die Leser seines Werks. Häufig finden sich dabei aus einer Autoritätsposition heraus formulierte Appelle, Warnungen und Belehrungen mittels des 'man'-Subjekts.

11. Eine ständig auf eigene, einem abgelehnten 'korrupten Zeitgeist' widersprechende begriffliche Klarstellungen verwendete Gedankenarbeit ist beachtlich und nicht selten originell. Überraschend erscheint etwa seine positive Einschätzung der Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold und der 1848er Revolution (2. Bd., 7. Kap.). Berichte aus seiner Jugend, Beobachtungen von Menschen und Erlebnissen sind außerdem offen und - unter Berücksichtigung seiner Denkweisen - lebendig und informativ angeboten.

12. Es gibt bei Hitler einen objektiv-traditionsgeschichtlichen Bezug zu jüdischen Messias-Vorstellungen des Alten Testaments, und zwar über die christliche Frömmigkeits-Tradition. Sie schlagen sich in einem apotheotisch wirkenden 'Führer'-Begriff nieder.

12. Es gibt bei Hitler auch derartige Bezüge zu jüdischen und christlichen Chiliasmus-Ideen, etwa in der Vorstellung eines mit dem Nationalsozialismus erreichbaren 'ewig währenden Endzustandes' 'nationaler' Geschichte und Politik.

13. Es gibt bei Hitler ferner objektiv-traditionsgeschichtliche Bezüge zu einem römisch- und griechisch-historischen Bild von einer 'libera Germania' (Strabo, Caesar, Tacitus), das nachantik durch den Hunanismus rezipiert wurde. Auch findet sich - in Anknüpfung an die Gefühlswelt der antnapoleonischen 'Freiheitskriege' - eine Abwehrhaltung gegenüber 'westlicher Zivilisation'.

14. Es gibt bei Hitler derartige Bezüge - und zwar für die politischen Folgen seines Denkens besonders wichtige - zu einem griechisch- und römisch-rechtlichen Begriff von den 'iure gentium victi', wie er bei antiken Schriftstellern wie Polybios, Appian, Livius oder Caesar am Beispiel der Unterwerfung etwa Karthagos oder Galliens anschaulich hervortritt. Dieses antike 'ius belli', einschließlich des Rechts einer kriegerischen 'occupatio bellica' wurde nachantik in ganz Europa in der Epoche des Humanismus rezipiert und beherrschte seither vor allem das 'neuzeitliche' Völkerrecht in 'absolutistischen' oder 'imperialistischen' Zeiten.

15. Ähnlich wichtig ist der Bezug zu den in der Antike üblichen Formen der Vertreibung, Versklavung, Unterdrückung und Vernichtung von Völkern. Die im NS-System eingerichteten Formen der sklavereiartigen Zwangsarbeit, der territorialen Okkupation von 'Feindesland', der Unterdrückung einer 'feindlichen' Bevölkerung in besetzten Gebieten oder ihrer Vertreibung daraus sowie die Formen der Vernichtung 'innerer Feinde' wegen 'Landes-' und 'Hoch-Verrats' gehen darauf zurück. Dem Militär weist Hitler dazu passend nicht primär die Aufgabe der Verteidigung, sondern die der Ausführung einer Eroberungspolitik zur 'Sicherung' expansiv verstandener 'Lebensinteressen des Volkes' zu.

16. Hitlers Denken basiert objektiv-traditionsgeschichtlich besonders auch auf 'legibus solutus'-Vorstellungen der römischen Kaiserzeit - und den daraus in der vordemokratischen Neuzeit rezipierten 'absolutistischen' Staats- und Herrscher-Vorstellungen (N. Macchiavelli). Im NS-System entwickeln sie sich zu einer zentralen Vorstellung über die Aufhebung der Gewaltenteilung und die 'totale' Konzentration staatlicher Macht - einschließlich der Rechtsetzung - beim 'Führer'. Dieser gleicht insoweit einem antiken römisch-kaiserlichen 'imperator'.

16. Hitlers Denken knüpft in einer seiner politischen Leidideen objektiv-traditionsgeschichtlich sogar an antik-griechische bzw. -römische Ideen von einem 'hyperanthropos' bzw. 'homo superior' (Dionysios von Halikarnassos, Lukian) an. Damit hängt sein Begriff einer 'geborenen Elite' zusammen. Diese in der Neuzeit philosophisch (zum Beispel von N. Macchiavelli oder F. Nietzsche) rezipierten - und dabei der christlich-religiösen Tradition bewußt entgegengesetzten - Vorstellungen finden vor allem in der NS-ideologischen, 'rassetheoretischen' Unterscheidung von 'hochwertigen' und 'wertlosen Menschen' ihren Niederschlag.

17. Es gibt bei Hitler objektiv-traditionsgeschichtliche Bezüge zu einem christlich-theologischen Kreuzes-Denken und den mit ihm verbundenen Erlösungsvorstellungen. Daneben gibt es - allerdings vor allem bei anderen NS-Führern (Himmler) - den Versuch eines NS-ideologischen Rückgriffs auf eine (angeblich) vorchristlich-germanische Hakenkreuz-Kult-Praxis, welcher sich in verschiedenen Repräsentativbauten der NS-Zeit (wie zum Beispiel der Wevelsburg bei Büren/Westfalen) ausdrückt.

18. Der Gesamt-Text 'Mein Kampf' ist - auch für den historisch interessierten Leser - im einzelnen schwer zu überblicken und kaum in angemessener Zeit durchzuarbeiten. Auch überlappt sich eine offenbar in Eile vorgenommene imperfekte Stoffgliederung in zwei nacheinander erschienenen, umfänglichen Bänden. Diese Ordnungsmängel erschweren hin und wieder die Verständlichkeit. Zentrale Gedanken finden sich ferner - zumindest sachlich grundlos - oft wiederholt. So sind denkbare gedankliche Veränderungen zwischen den verschiedenen Neuauflagen in der NS-Zeit nur mir großem Aufwand zu ermitteln. Ein ausführliches Personen- und Sachverzeichnis (S. VII - XXVIII) ist offenbar als Gegenmittel gedacht.


Redaktionelle Verantwortung: Prof. Dr. Christian Gizewski, TU Berlin, GF Geschichte, Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP: christian.gizewski@tu-berlin.

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