Zur Verbesserung der WWW-Außendarstellung der TU Berlin am Beispiel der geschichtswissenschaftlichen Fachgebiete.

Kritische Bemerkungen von Christian Gizewski.


1) Wissenschaftsgrundsätzliche Bedenken gegen ein 'corporate design' für die Selbstdarstellung einer Universität.

Der Begriff 'corporate design', so eine knappe Definition der 'Wikipedia', "bezeichnet einen Teilbereich der Unternehmensidentität (corporate identity) und beinhaltet das gesamte Erscheinungsbild eines Unternehmens oder einer Organisation. Dazu gehören sowohl die Gestaltung der Kommunikationsmittel (Firmenzeichen, Geschäftspapiere, Werbemittel, Verpackungen, Internetauftritt und andere) als auch das Produktdesign. Auch die gemeinsame Architektur wird bei einem durchdachten Corporate Design mit einbezogen."

Die Technische Universität Berlin hat sich irgendwann einmal in nicht allzu ferner Vergangenheit dazu entschlossen oder verleiten lassen, für ihre Selbstdarstellung von einer darauf spezialisierten Firma ein 'logo' anfertigen zu lassen, das in kursiver Rotschrift die zwei Buchstaben T und U mit senkrecht in den rechten Schenkel des U eingestelltem, klein- und weiß-geschriebenem 'berlin' sowie darunter den nochmals kleiner gehaltenen Schriftzug 'Technische Universität Berlin' enthält. Nicht enthalten ist in dem 'logo' ein Hinweis auf den Status der TU Berlin als Körperschaft des öffentlichen Rechts, und stünde nicht - wie gesagt sehr klein geschrieben - ganz unten 'Universität', so könnte 'TU' auch für etwas beliebiges anderes in Berlin verwendet werden, zum Beispiel für 'Trade Utilities Berlin', 'Touristic Union Berlin', 'Tailormade Upsets Berlin', um hier nur einige englischsprachige Einfälle zu notieren. Das Wort 'logo' ist ein synthetischsprachliches Wort, das vom griechischen Wort 'logos' (Wort, Gedanke, Idee, Vernunft) herkommt, sich seiner Bedeutung nach jedoch zu 'logos' verhält wie 'Leere' zu 'Lehre'.

Dieses TUB-'logo' ist unten abgebildet und zugleich dem 'logo' eines typischen Wirtschaftsunternehmens gegenübergestellt, welches sich den Satz "Wir lieben Lebensmittel" zu eigen gemacht hat. Besucht man ein Ladengeschäft des Lebensmittelkonzerns, so findet man einheitlich mit schwarzen Hemden, auf deren Rückseite der Spruch steht, bekleidete Mitarbeiter vor; sie wirken ein wenig wie markiertes Vieh. Der Spruch wird in seiner ganzen werbemäßigen Wahrheit, Einprägsamkeit und auch Menschenwürdigkeit deutlich, wenn man einmal in die untenstehende Abbildung 'klickt', um die ihm korporativ adsignierte Melodie (aiff-Format) freizusetzen .

Es liegt dem Verfasser dieser Kritik am Herzen, zu betonen - und es ist auch wahr -, daß die TU Berlin mit der Lebensmittelfirma inhaltlich nichts zu tun hat. Die TUB ist ja eine Universität, und die Lebensmittelfirma ist ein Wirtschaftsunternehmen. Es gibt ja wichtige Unterschiede zwischen einer wissenschaftlichen und einer wirtschaftlichen Institution, so wie es Unterschiede zwischen kirchlichen und wirtschaftlichen Institutionen oder künstlerischer Tätigkeit und wirtschaftlicher Tätigkeit gibt. Die Wirtschaft erzeugt normalerweise 'Produkte' und erbringt 'Dienstleitungen' (die offenbar im Wege einer radikalwirtschaftsliberal-theoretischen petitio principii manchmal ebenfalls als 'Produkte' bezeichnet werden). Die Wissenschaft erzeugt demgegenüber (es sei denn, sie ist Teil eines Wirtschaftsunternehmens) keine 'Produkte', und sie bedient im strikten Sinne des Wortes auch niemanden. Sie arbeitet vielmehr bestimmungsgemäß für den kostenlosen, unverfälschten, freien Erkenntnisgewinn der gesamten Menschheit. Ähnlich ist es ja mit der Seelsorge: sie erzeugt keine 'Seelsorgeprodukte' in verschiedenen Qualitätsklassen für bestimmte Marktsegmente und will damit auch keine marktgerechten Preise oder gar Renditen erzielen. Und so auch die Kunst (es sei denn, sie ist Teil eines größeren oder kleineren Wirtschaftsunternehmens): sie arbeitet nicht primär für einen Markt, sondern für eine unverfälschte, freie Verständigung unter beliebigen Menschen - auch unter denen, die kein Geld haben - über alle ideellen Aspekte ihrer menschlichen Existenz.

All diese nicht-wirtschaftlichen Einrichtungen finanzieren sich folglich prinzipiell nicht über einen Markt und können es bestimmungsgemäß auch gar nicht. Ihre Finanzierung - oder auch Nichtfinanzierung - erfolgt vielmehr aus anderen Quellen: aus Steuermitteln, Spenden, Fürsorge- und Versorgungsleistungen. Würden sie prinzipiell über einen Markt finanziert, so bliebe bei der Wissenschaft nur ihr unmittelbar wirtschaftsnützlicher Anteil übrig, in der Seelsorge nur das kostenpflichtige und zeitlich begrenzte Betreuungsgespräch unterschiedlicher Zuwendungsintensität und in der Kunst ihre unehrlichen und primär auf Verkäuflichkeit ausgerichteten Formen, sei es als Kaufhauskitsch, sei als Ware für ästhetische Luxusbedürfnisse oder 'in Kunst investierte' Vermögensanlagen mäzenatisch auftretender Vermögender.

Inhaltlich hat also die TU Berlin, es sei wiederholt, mit einer Lebensmittelfirma gar nichts zu tun.

Aber formal? In der Form ihrer Selbstdarstellung mittels eines 'corporate design' in der Öffentlichkeit? Warum verkleidet sich eine Universität als Wirtschaftsunternehmen, wenn sie keines ist?

Das wird an einer bestimmten Strömung in der gegenwärtigen Welt öffentlich propagierter Ideen liegen, in welcher eine durch nichts begründete Hoffnung grassiert, nämlich: man müsse alles nur marktwirtschaftlich angehen, und es würde schon funktionieren.

Dabei soll hier nicht behauptet werden, an der Struktur gegenwärtiger Universitäten sei nichts auszusetzen. Denn eine Universität von heute hat ja eigentlich eine Struktur von vorgestern, nämlich eine, die man in ihrem Kern - trotz verschiedener Hochschulreformen der vergangenen zwei Jahrhunderte bzw. der letzten fünf Jahrzehnte - nach wie vor in der Kontinuität der Ständegesellschaft früherer Epochen sehen muß. 'Fakultäten' mit 'Dekanen' und 'Ordinarien', ein von 'vicarii' umgebener 'rector', manchmal mit der Amtsbezeichnung 'Präsident', ein 'Kanzler', ein 'Mittelbau' i. S. des alten 'adlatus'-Musters ( Beispiel: Wagner in Goethes 'Faust'; Bedeutung: 'beigeordneter - oder auch mitgebrachter - Zuarbeiter einer Hauptperson'), 'Berufungen' und vieles andere erinnern an an die römische oder vorrömische Antike, das Mittelalter und die Kirchengeschichte. Das strukturell fortschrittlichste Element an der gegenwärtigen 'alma mater' (Übersetzung: 'göttinnengleich' - wie Venus oder Ceres - 'segenspendende Mutter') sind, allgemein gesprochen, ihre Studenten. Der Ausdruck 'Kommilitonen' trifft - in ausnahmsweise sympathischer Weise - dagegen mehrfach etwas ganz Richtiges. Wenigstens etwas.

Der tiefere gegenwartsgesellschaftliche Grund für diese 'konservative' Universitätsstruktur dürfte darin liegen, daß die prinzipiell stets explosive wissenschaftliche Freiheit (Art. 5, Abs. 3 GG) mit ihrer Hilfe politisch besser kontrollierbar bleibt, zumindest für solche politischen Kräfte, die eine 'öffentliche Meinung' maßgeblich zu überformen beanspruchen. Die Universität vermag es m. E. in einer schwächlich-altertümlichen Verfassung vor allem nicht, einer informellen, aber systematischen Indienstnahme karrierewilliger Wissenschaftler für außerwissenschaftliche Zwecke den nötigen systematischen Widerstand entgegenzusetzen.

Auch wenn also eine 'strukturkonservative' Verfassung der Universitäten heute nicht mehr wirklich wissenschaftsgemäß ist, so wäre doch von einer 'marktwirtschaftlichen' Überformung des Universitätswesens ungleich viel weniger Wissenschaftsangemessenheit zu erwarten.

Aus solchen wissenschaftsbezogen-grundsätzlichen Überlegungen kommt der Verfasser dieser Zeilen also zu dem Ergebnis, daß die Ausdruckform eines 'corporate design' einer Grundidee der Wissenschaft widerspricht, und zwar deshalb, weil sie offenbar von einer marktwirtschaftsorientierten Fehleinschätzung der gesellschaftlichen und geistigen Bedürfnisse wissenschaftlichen Handelns ausgeht.

Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Adam Smith kann nicht hier, soll aber an anderer Stelle stattfinden.

Die daraus resultierende Forderung ist: Abschaffung des 'corporative design' an der TU Berlin.

Wissenschaftsrechtliche Bedenken gegen ein 'corporate design' der TU Berlin.

Art. 5, Abs. 3, S.1 GG stellt fest: "Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei." Es gibt keine Möglichkeit für den Gesetzgeber, diese - schon von Natur aus bestehenden - Rechte einzuschränken. Täte er es, so gäbe es dagegen ein Widerstandsrecht sowohl nach Art. 20, Abs. 4 GG als auch auf der viel weitergehenden naturrechtlichen Grundlage.

Kann schon der Gesetzgeber Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre nicht reglementieren, so kann das erst recht nicht eine akademische Selbstverwaltung im Wege der Gremien-Beschlußfassung auf zentraler Universitäts- und auf Fakultätsebene. Noch weniger kann es ein Universitätspräsident oder Dekan im Wege der ihnen gesetzlich zugedachten Weisungsbefugnisse. Am allerwenigsten aber kann es jemand, der lediglich beauftragt ist oder es freiwillg übernommen hat, eine WWW-Darstellung universitärer Wissenschaft zu gestalten.

Das bedeutet: die Selbstdarstellung wissenschaftlicher Arbeit ist ausschließlich Angelegenheit derjenigen, die sie aufgrund ihrer erwiesenen wissenschaftlichen Qualifikation in entsprechenden Funktionen verrichten. In anderen Angelegenheiten - z. B. bei der Mittelverwaltung, Stellenbesetzung oder Lehrveranstaltungsplanung - dienen zwar kollektive Einrichtungen und Amtsstellungen der Universität der Abstimmung und effektiven Verwaltung. In Angelegenheiten der wissenschaftlichen Selbstdarstellung jedoch ist dafür keinerlei Grund zu erkennen. Dort gibt es vielmehr eine Zuständigkeitsordnung von 'unten nach oben'. Primär zuständig sind die einzelnen Wissenschaftler, danach für etwa verbleibende Probleme etwa die Fakultäten und danach evtl. noch eine Zentralverwaltung.

Das heißt, was die WWW-Seiten-Gestaltung betrifft: Die Gesamtuniversität muß dabei - wie etwa auf der TU-WWW- Seite http://www.tu-berlin.de/ - äußerste Zurückhaltung wahren. Es ist nicht ihre Sache, die wissenschaftlichen Selbstdarstellungen der einzelnen an der Universität tätigen, für ihr Fachgebiet nicht umsonst verantwortlichen Wissenschaftler auf einer solchen WWW-Seite zusammenzufassen und dafür Regeln vorzugeben. Sie kann es nicht einmal mit deren Zustimmung, sollte sie vorliegen; denn das wäre dennoch kompetenzwidrig. Auf einer von der Gesamtuniversität verantworteten WWW-Seite können jedoch zu vorhandenen wissenschaftlichen WWW-Selbstdarstellungen einzelner Wissenschaftler Querverweise ('links') hergestellt werden.

Die Gesamtuniversität kann - und sollte - sich ferner dafür einsetzen und dabei behilflich sein, daß Wissenschaftler der Universität das WWW-Medium für wissenschaftliche Selbstdarstellungen - und viel besser noch: für wissenschafliche Publikationen generell - nutzen. Leider - und für mich unverständlicherweise - arbeiten Wissenschaftler, zumidest Geisteswissenschaftler, wissernschaftspublizistisch im allgemeinen nicht oft mit dem WWW-Medium. Aber das kann nicht rechtfertigen, ihnen die eigenhändige und eigenverantwortliche Selbstdarstellung dort von Universitäts wegen 'abzunehmen'. Wissenschaftler können ja auch ihre Forschungsarbeiten und Lehrveranstaltungen nicht irgendwo in Auftrag geben oder ggf. durch Gegenzeichnung fremde Entwürfe dafür genehmigen.

Die einzelnen, aus eigenem wissenschaftlich-akademischem Recht an der TU Berlin wirkenden Wissenschaftler - ungeachtet ihres 'Status' - sind in jeder Hinsicht frei, was die inhaltliche und die formale Gestaltung ihrer wissenschaftlichen WWW-Seiten betrifft, ob diese nun innerhalb der TU Berlin technisch betreut werden oder anderwärts. So gibt es auch keine rechtliche Möglichkeit, die Nutzung der TU-Technik (etwa des TU-Rechenzentrums) von der Anpassung an irgendwelche 'corporate design'-Ideen abhängig zu machen, ob diese nun von Universitätsgremien beschlossen worden sind oder nicht. Das wissenschaftliche Individualrecht geht vor, und die Universitätsgremien dürfen ja nichts Rechtswidriges beschließen.

Allen in diesem Recht evtl. Verletzten stünde der Weg zum Verwaltungsgericht (§§ 68 ff. VwGO) und danach ggf. auch zum Bundesverfassungsgericht (Art. 19, Abs. 4, Art. 93, Abs. 1 GG) offen.

3) Vorschläge zur möglichen Verbesserung der WWW-Seite http://www.tu-berlin.de/ .

Der Verfasser dieser Kritik ist durch einen eher belanglosen Vorgang auf ihre Notwendigkeit hingewiesen worden. Er wollte eigentlich nur bei irgendjemandem, der dafür zuständig ist, anregen, seine vielfach besuchte und zitierte, wissenschaftlich, wie er meint, beachtliche WWW-Seite http://agiw.fak1.tu-berlin.de ('Alte Geschichte im WWW. Experimentelles WWW-Projekt für wissenschaftliche Lehre, Publikation, Diskussion und Nachrichten auf dem Gebiet der Alten Geschichte -AGiW') auch über die TU-Hauptseite besser zugänglich zu machen.

Zunächst fand er in zwei Tagen niemanden, der sich dafür letztlich zuständig fühlte.

Späterhin begegnete er darüber hinaus Bedenken, was einzelne seiner Anregungen betraf. Er wollte ins Gespräch bringen,

1) der besseren Lesbarkeit wegen die Textfarbe des TUB-WWW-Textes von weitgehend Rot auf durchgehend Schwarz umzustellen und die normale Schriftgröße auf ein auch dem älteren Leser entgegenkommendes Normalmaß zu erhöhen,

2) der besseren Orientierung wegen nur eine einzige Verweisebene innerhalb der TU-WWW-Seite anzulegen, also eine Verzweigung in labyrinthische Unter-Unter-Unter-Ebenen zu vermeiden; so ist der Querverweis der TU-WWW-Seite auf die WWW-Seite http://agiw.fak1.tu-berlin.de des Verfassers dieser Kritk praktisch unauffindbar, weil auf einer Verweisebene 5. Tiefengrades verborgen,

3) die Selbstdarstellungsbeiträge der einzelnen an der TU tätigen Wissenschaftler generell aus der TU-WWW-Seite herauszunehmen und statt dessen deutliche, unübersehbare Querverweise auf andernorts vorhandene, selbstgefertigte wissenschaftliche Selbstdarstellungen dieses Personenkreises anzubringen.

Zu 1) hörte er, die schwer leserliche rote Textfarbe entspreche dem vom Akadamischen Senat beschlossenen Konzept eines 'TU-eigenen corporate design' und könne deswegen nicht verändert werden. Für die Einstellung einer größeren Schrift gebe es einen Schalter, den man bedienen könne, wenn man ihn gefunden habe.

Zu 2) wurde ihm entgegengehalten, das müsse die für ihn zuständige geisteswissenschaftliche Fakultät entscheiden, auch wenn sie nicht technisch versiert sei.

Zu 3) mußte er dem Sinne nach vernehmen, da könne ja jeder kommen und vehemente Forderungen stellen.

Ja, sicherlich: 3) wäre im allgemeinen Interesse wahrscheinlich das Beste.

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Verantwortlich: Prof. Dr. Christian Gizewski, apl. Prof. für Alte Geschichte, TU Berlin, Fakultät I - Fachgebiete Geschichtswissenschaften. Adressen: Institut für Geschichte und Kunstgeschichte, Sekr. Alte Geschichte, Franklinstraße 28/29, 10587 Berlin, TEL.: [Deutschland] 030/314-24152; Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel., AB und FAX: [Deutschland] 030/8337810; WWW-Seite: http://agiw.fak.1.tu-berlin.de, EP: christian.gizewski@tu-berlin.de .