Zum INDEX

Zu einer Zukunft der an der TU Berlin weiterhin nötigen allgemeinhistorischen Fachgebiete.

Von Christian Gizewski.

Stand: 9. Juni 2013.

Die mittlerweile abgeschlossene Auflösung - unter anderem - der allgemeinhistorischen Fächer an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Technischen Unichersität Berlin würde, wenn man dauerhaft nichts dagegen zu tun vermöchte, auf Dauer den Fortfall aller dortigen 'allgemeinhistorischen' wissenschaftlichen Erkenntnis- und Publikationsmöglichkeiten bedeuten.

EIN SOLCHER IST ABER NICHT IM INTERESSE EINER TECHNISCHEN UNIVERSITÄT UND DAHER AUF DAUER POLITISCH UNVERANTWORTLICH. ES GIBT VIELMEHR ZU IHM SINNVOLLE ALTERNATIVEN AUF DER BASIS EINER INTERNETBASIERTEN ALLGEMEINGESCHICHTE, DIE SINNVOLLERWEISE ENG MIT EINER TECHNISCHEN UNIVERSITÄT VERBUNDEN WERDEN SOLLTE.

'Allgemeinhistorisch' ist dasjenigen historische Wissen, das gesellschaftliche Prozesse und Strukturen als 'allgemeine' - d. h. welt-, menschheits-, kultur- und sonst übergreifend wirksame 'tiefere' Gründe des Geschehens in Vergangenheit und Gegenwart begreift und aus den 'Quellen' begründet. Es ist ein wichtiger Teil dessen, was eine Technische 'Universität' von einer Technischen 'Fachhochschule' interscheidet oder jedenfalls unterscheiden sollte.

Der sog. 'Bologna-Prozeß', dessen 'Umsetzung' auch in Berlin aug Anordnung eines etwas kurzsichtigen Bundesgesetzgebers seit eingen Jahre und durch Senatswissenschafts- und TUB-Universitätsverwaltung betrieben und jetzt 'vollzogen' wurde, hat im Bereich der Technischen Universität dazu geführt, daß gleich mehrere Kinder mit dem Bade 'exzellenter' Einsparungs-Reformen ausgeschüttet wurden.

Es scheinen sich aber im wissenschaftspolitischen Raum Stimmen zu mehren, die eine grundsätzliche Kritik am sog. 'Bologna'-Prozeß mit mittlerweile in seinem Rahmen gemachten konkreten und negativen Erfahrungen verbinden können. So fanden sich etwa in den Ausgaben 8 und 9 / 2009 der Verbandsmitteilungen 'Forschung und Lehre' des Deutschen Hochschulverbandes gleich vier in dieser Hinsicht aufschlußreiche Beiträge, deren Autoren und Titel an dieser Stelle einstweilen für sich sprechen mögen:

a) Werner Plumpe, "Ratings fördern das strategische Verhalten", Ausg. 8 / S. 570 ff. (Zur Ablehnung des Historikerverbandes einer Telnahme am 'Forschungsrating' des Wissenschaftsrates),
b) Rüdiger Görner, Die Verzinsung der Mediävistik. Englische Hochschulen unter dem Diktat der Ökonomie, Ausg. 8 / S. 572 f. ("Der Geist der Universität wird in Großbritannien vollends zum Gespenst"),
c) [grundsätzlich] Hans Joachim Meyer, Nur Mut zur Reform der Reform. Anmerkungen zum Bologna-Prozeß, Ausg. 8, 574 - 577 (Zum Bruch mit der akademischen Tradition Deutschlands in einer dringend zu reformierenden Reform).
d) [grundsätzlich und ausführlich] Andreas Dörpinghaus, Bildung. Plädoyer wider die Verdummung, Beilage zu Ausg. 9, 14 S. (Auseinandersetzung mit dem 'Bologna-Prozeß').

Solche Stimmen sollten auch die bisher noch nicht hinreichend Entschlossenen ermutigen, sich öffentlich und energisch gegen derzeitige Fehler einer in wichtigen Zügen 'kopflosen' Reform und die dirch sie verursachten Furschäden auszusprechen. Alle, die persönlich in ihr nach wie vor diskussionsbedürftige Probleme grundsätzlicher Art sehen, sind nach wie vor aufgerufen, dies nach dem Beispiel der o. g. Autoren und Wissenschaftlerkollegen fundiert, öffentlich und energisch auszusprechen. Sie sollten auf gar keinen Fall zu viel vom Kakao eines fiktiven Realismus trinken, der angebliche administrative oder wirtschaftliche Unausweichlichkeiten betrifft.

Immer wieder haben sich in den vergangenen Jahren Wissenschaftler gegen das beschränkt wirkende Übermaß einer 'Bolognisierumg' ausgesprochen.Auf der Grundlage ihres Rechts auf persönliche politisch-öffentliche und zugleich wissenschaftliche Stellungnahme nach Art. 5, Abs. 1 und 3 GG haben sie die Öffentlichkeit auf die Bedeutung ihres Faches hinweisen und einen geeigneten Raum für ihre weitere Amtstätigkeit rechtlich eingefordert, manchmal vergeblich, öfters aber auch mit Erfolg. .

Was etwa die Geschichtswissenschaften, speziell die allgemeinhistorischer Art betrifft, so haben sie an technischen Hochschulen eigentlich aller Arti im Gesamtfächerspektrum eine essentielle Komplementärfunktion. Warum sollte gerade unser gegenwärtiges technisches Wissen ohne eine allgemein wissensfundierte historische Erklärung und Infragestellung seiner Bedingungen auskommen?

Wieso lag gerdade der Neugründung einer 'Technischen Universität Berlin' in der Nachkriegszeit anstelle einer vormaligen 'Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg' die maßgebliche Überlegung zugrunde, technische Wissenschaften bedürften der vielseitigen Zusammenarbeit mit den Geisteswissenschaften - einschließlich der Geschichte - , damit bereits im technischen Wissenschaftsverständnis selbst eine dialektisch-kritische Grundeinstellung gegenüber tonangebenden, insbesondere politischen 'Hauptströmungen' - etwa nationalsozialistisch-imperialistischen - der Zeit entstehen könne? Die historisch-kritischen und zugleich hermeneutischen Prinzipien und Methoden der Geschichtswissenschaften stellen ein gedankliches Werkzeug dar, durch das technisches Wissen generell in Verbindung mit einer persönlich verantwortlichen (Art. 5, Abs. 3 GG), selbstbewußten, gebildeten und kritischen Einstellung des Wissenschaftlers zu seiner Zeit und ihren Mächten, d. h. dem Umfeld des technischen Wirkens, gebracht werden kann.

Darüberhinaus kann Geschichtswissenschaft als Verbund spezialisierter historischer Fachgebiete an einer Technischen Universität in flexibler, der Anlage der Universität entsprechender Weise mit anderen dortigen oder an anderen Universitäten befindlichen Fachgebieten aller Art gemeinsam Sonderforschungs- und Lehrgebiete bilden, so wie es bereits mehrfach in der Vergangenheit geschehen ist.

An der TU Berlin sind das 'Zentrum für Antisemitismusforschung', das 'Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung' oder das 'Zentrum für historische Urbanistik und Metropolenforschung' Beispiele dafür. Sie sind zumindest teilweise aus den allgemeingeschichtlichen Fächern der TU Berlin hervorgegangen und damit Beispiele für dessen schon früher gegebene Anlage zu einer speziell der Technischen Universität Berlin entsprechenden fachgrenzüberschreitenden Flexibilität.

Nicht genügend sind allerdings bisher die Möglichkeiten einer - gerade einer Technsichen Universität zukommenden - Internet-Basierung von Forschung, Lehre und Publikation im Bereich der anderen ursprünglich allegemeinhistorischen und der ihnen nnahestehenden philologischen Fachgebiete - wie Alte Geschichte. Mittelaltegeschichte, Neuere und Neuzeitgeschichte, Altphologie und Neuere Philologien - wahrgenommen u d politisch-administrativ unterstützt worden.

Hier fehlt es an zukunftsweisendenund der Technischen Universitöt eine großen wissenschaftlichenn Nutzen bringenden Konzepten, die auszuarbeiten eigentlich nicht schwer wäre.

So können sich die genannten Fachgebiete, wie es singulär ja schon geschieht (> Projekt 'Alte Geschichte im WWW / AGiW' ; http://agiw.fak1.tu-berlin.de/ ), an der Technischen Universität Berlin in Kooperation mit deren besonders leistungsfähigen Rechenzentrum an der Fortentwicklung und Propagierung fachspezifischer, internetbasierter Publikationsformen und Archivierungsmethoden beteiligen - Auch an zahlreichen außeruniversitären Aufgaben kann ein techniknaher Verbund geschichtswissenschaftlicher Fachgebiete der Technischen Universität Berlin wegen derer flexiblen Struktur mitwirken (Beispiel: fachliche Teilnahme an öffentlichen Diskussionen zu politisch-historischen Themen).

Haushaltsüberlegungen, die zu den vollzugenen Abwicklungsschritten geführt haben, sind insoweit letztlich nicht nicht begründbar. Die in ihrem Mittelpunkt stehenden Spar-Ziele scheinen in den vergangenen Jahren auch durch im Abwicklungspozeß konkurrierende, eher kurzsichtige Interessen betroffener Instutute der Universtät leider eine unnötige Unterstützung erfahren zu haben.

Was die allgemeingeschichtlichen Teilgebiete betrift, ist für den Autor dieses Beitrags aus eugener Efahrung jedenfalls gut denkbar, daß ihre Lehre noch mehr als bisher an dem Bedarf und den etwa schon vorhandenen Einrichtungen aller anderen Fakultäten der TUB ausgerichtet werden. Auch die Forschung auf allen geschichtswissenschaftlichen Teilfachgebieten kann sich um Konzepte gruppieren, in denen es zentral um historischen Entwicklungslinien und Grundstrukturen - von der Antike bis zu den 'modernen', stark durch ihre 'Technisierung' gekennzeichneten Gegenwartsgesellschaften - ginge.

Das alles wäre unter allen an einem Entscheidungsprozeß Beteiligten ohne unvertretbaren Aufwand in relativ kurzer Frist diskutierbar, wenn man wollte.

Die folgende Liste nur stichwortartig charakterisierter Fachgebietsaspekte eines Gesamtgebietes Geschichtswissenschaft an der TU Berlin soll nicht etwa bedeuten, daß für jeden dieser Fachgebietsaspekte eine Professorenstelle nötig wäre oder gar eingefordert würde. Ferner sind im einzelnen - etwa zu P. 2 - 4 - selbstverständlich auch andere Konzeptionen denkbar. Die Liste soll jedoch verdeutlichen, was alles im Rahmen einer verbundartig neu organisierten TUB-Geschichtswissenschaft sinnvoll getan werden könnte bzw. noch heute und ansatzweise sogar sofort kann. Jeder TU-Historiker, der zu ihnen wissenschaftlich verantwortlich etwas ausführen kann, sollte das daher an dieser Stelle darstellen können. D. h.: wer fachlich - auch für mehrere Aspekte - zuständig ist oder sonst begründete - vor allem aber interfakultativ und für die Behörden und für ein allgemeines Publikum - verständliche, angemessen kurze ( ca. 3 Seiten) Ausführungen erstellen möchte, ist herzlich eingeladen, dies zu tun. In den Ausführungen sollte vor allem der jeweilige Bezug des erörterten Wissenschaftsteilgebiets zum Wissenschaftsverständnis einer 'Technischen' 'Universität' dargestellt werden. Es geht dabei letztlich vor allem um eine inhaltlich zu einer Technischen Universität passende und fachlich im einzelnen sinnvolle Gesamzkonzeption. D. h auch: Stellen- und Finanzüberlegungen sollten zwar mitbedacht werden, brauchen und sollten hier aber nicht im Vordergrund stehen.

1. [Autoren-Vorstellung] Zum Kreis der kooperierenden Wissenschaftler der Fakultät I und anderer Fakultäten der TU Berlin, zu ihren aus der beabsichtigten Auflösung des Instituts für Geschichtswissenschaft an der Fakultät I der TU Berlin hervorgehenden Motiven für eine öffentliche Erklärung und zu ihrem wissenschaftlichen Profil.
2. 'Neuzeitgeschichte' als stark auf die Entwicklung 'moderner' Zivilisation(en) konzentriertes Teilgebiet einer theoretisch global orientierten 'Gesamtgeschichte'.
3. 'Mittelaltergeschichte' als stark auf 'vormodern-europäische' Entwicklungsprozesse konzentriertes Teilgebiet einer theoretisch global orientierten 'Gesamtgeschichte'.
4. 'Alte Geschichte' als vor allem den 'Altertumshochkulturen' prinzipell der ganzen Welt und ihren Nachwirkungen gewidmetes Teilgebiet einer theoretisch global orientierten 'Gesamtgeschichte'.
5. Das Querschnittsgebiet 'Geschichte der Technik und der Produktionsverhältnisse'.
6. Das Querschnittsgebiet 'Geschichte der Gesellschaftssysteme und Rollenstrukturen'.
7. Das Querschnittsgebiet 'Geschichte der Stadt und des Bürgertums'.
8. Das Sondergebiet 'Anthropologie und Geschichte'.
9. Das Sondergebiet 'Kunstgeschichte als Allgemeingeschichte'.
10. Das Sondergebiet 'Sprach- und Begriffsgeschichte als Allgemeingeschichte'.
11. Das Grenzgebiet einer 'Gegenwartsgeschichte'.
12. Das Grenzgebiet einer 'Zukunftsgeschichte'.

Im Zusammenhang mit der Selbstdarstellung der einzelnen Fachteilgebiete bietet sich - besonders an einer Technischen Universität - die wissenschaftliche Publikation von Autoren auf individuellen oder gemeinsamen WWW-Seiten an. Speziell Geisteswissenschaftler sollten die Unterstützung des TUB-Rechenzentrums für solche Internetpublikationen auf WWW-Seiten nutzen; es sind bisher nur wenige, die es in eigener und damit produktiver Veranwortlichkeit selbst tun. Der Aufwand dafür ist aber überschaubar und zeitlich begrenzt. Ohne vernünftigen Grund, wie es scheint, wird also diese so vielseitige, rationelle und wissenschaftsnützliche Form des Publizierens gerade von den wissenschaftlich Höchstqualifizierten nicht genutzt, die am meisten auf ihrem Gebiet kompetent mitzuteilen hätten. Prinzipiell müßte zwar jeder Interessent die Verantwortung für Inhalt und WWW-geeignete Form seiner wissenschaftlichen Internet-Publikationen selbst übernehmen. Aber das tut er zumindest in vielen Arbeitsschritten ja auch, wenn er konventionell publiziert; nur daß das papierene Publizieren weitaus weniger wirksam und dynamisch einzusetzen ist und allerlei Abhängigkeiten voraussetzt, denen ein WWW-Autor nicht ausgesetzt ist. Die Fähigkeit zur WWW-Publikation ist - zumal mit der Unterstützung des dafür bereiten zentralen Rechenzentrums der TU Berlin ('tubit') - auch für altere und alte Wissenschaftler leichter zu erlernen als etwa das Autofahren.

Wer in dieser Hinsicht etwas unternehmen kann und will, ist eingeladen, mit dem geschichtswissenschaftlich engagierten Bearbeiter dieses WWW-Projekts Kontakt aufzunehmen und zusammenzuwirken. Er hat in diesem Zusammenhang an seine historischen Kollegen an der Fakultät I der TU Berlin den in der Anlage I (unten) beigefügten Brief geschrieben.


Folgendes läßt sich der gegenwärtig zu beobachtenden m. E. unsinnigen Entwicklung gegenüber sinnvollerweise anstreben.

1. Auf längere Frist:

Aufhebung der die geschichtswissenschaftlichen Fächer und die ihnen zugeordneten Studiengänge betreffenden Auflösungsbeschlüsse der Universität und der Landeswissenschaftsverwaltung, verbunden mit einer inhaltlichen Neukonstruktion und -konturierung der geschichtswissenschaftlichen Fachgebiete an einer geisteswissenschaftlichen Fakultät der TU Berlin.

2. Für Gegenwart und nähere Zukunft:

a) Weiterführung einer geschichtswissenschaftlichen Betreuung aller dessen bedürftige Studiengänge an der TU Berlin und einer geschichtswissenschaftlichen Publizistik im Rahmen einer geisteswissenschaftlichen Fakultät an der TU Berlin.

b) Ausbau der Möglichkeiten, für den Internetbereich ein 'virtuelles' Institut für Geschichtswissenschaften an einer geisteswissenschaftlichen Fakultät der TU Berlin zu bilden.


ANLAGE I: Der beigefügte - in einigen jetzigen Formulierungen nachträglich verbesserte und verdeutlichte - Brief vom 10. Aug. 2009 richtete sich - mit einigen versehentlichen Auslassungen - an alle geschichtswissenschaftlichen Hochschullehrerkollegen, die gegenwärtig an der TU Berlin tätig sind oder früher einmal tätig waren.

ANLAGE II: Die dem Brief vom 10. Aug. 2009 beigefügte, die ihm ursprünglich vorangestellte, jetzt aber verselbstständigte, weil verbesserte und ggf. noch fortzuentwickelnde Liste mit Adressenangaben, welche den eigenaktiven Kontakt der Kollegen innerhalb der TU Berlin und auch zur universitären Außenwelt erleichtern sollen.

ANLAGE III: Thesen zum wünschenswerten Fortbestand der Geschichtswissenschaft an der TU Berlin. Zur Abschiedsfeier "Der Letzte macht das Licht aus" am 12. Febr. 2010.



Verantwortlich: Prof. Dr. Christian Gizewski, apl. Prof. für Alte Geschichte, TU Berlin, Fakultät I - Fachgebiete Geschichtswissenschaften. Adressen: Institut für Geschichte und Kunstgeschichte, Sekr. Alte Geschichte, Franklinstraße 28/29, 10587 Berlin, TEL.: [Deutschland] 030/314-24152; Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel., AB und FAX: [Deutschland] 030/8337810; WWW-Seite: http://agiw.fak.1.tu-berlin.de, EP: christian.gizewski@mailbox.tu-berlin.de .