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Nr. 5: Eine diskussionswürdige neue HRK-Empfehlung zum Bibliotheks- und Publikationswesenwesen der deutschen Hochschulen.

Bemerkungen zu ihrer Bedeutung für die IuK-Struktur-Diskussion an der TU Berlin. Von Christian Gizewski.

Am 5. Nov. 2002 verabschiedete die Hochschulrektorenkonferenz, die institutionelle Vertretung der Interessen aller Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland, eine Stellungnahme "Zur Neuausrichtung des Informations- und Publikationssystems der deutschen Hochschulen" . Sie ist im Internet zugänglich unter den URL-Adressen http://www.hrk.de/presse/2821.htm (Gesamttext ) und http://www.hrk.de/presse/2841.htm (Pressererklärung). Die Grundgedanken dieses Papiers werden hier aufgenommen und im Hinblick auf die derzeitige Diskussion über die Entwicklung der IuK-Strukturen an der TU Berlin kommentiert. D. Hg.

Letztbearbeitung: 1. Dez.2002. - Siehe auch die weiteren Beiträge in der Übersicht P6 und auf dem Forum P6.


Zu der vorausschauend und umfassend zu bedenkenden künftigen Entwicklung der IuK-Strukturen an der Technischen Universität Berlin gehört wesentlich die wissenschaftlich, wissenschaftsorganisatorisch, kommunikationstechnisch und wirtschaftlich sinnvolle Fortentwicklung ihres gesamten Bibliotheks- und Publikationswesens. Auch wenn sie in letzter Zeit wohl ein wenig in den Hintergrund der Erörterungen geraten ist, so handelt es sich doch eigentlich um das wissenschaftlich zentrale Problem aller Entwicklungskonzepte, welche die universitären IuK-Strukturen betreffen.

Eine Fortentwicklung des Bibliotheks- und Publikationswesens der TU Berlin ist notwendigerweise eine gemeinsame Angelegenheit

der Universitätsbibliothek und aller besonderer Bibliotheken in Universitätstbereich im Hinblick auf ihre insbesondere im Bereich des universitären Archivierungs- und Publikationswesens weiterzuentwickelnden Dienstleistungs- und Versorgunsfunktionen,

der Fakultäten, Institute und Wissenschaftlichen Einrichtungen in ihrer Eigenschaft als wissenschaftlich werteschaffender Institutionen und

des Zentralen Rechenzentrums der Universität und anderer in ihrem Bereich befindlicher Rechenzentren - im Hinblick auf die wissenschaftsadäquat und rationell zu organsierenden Rechnerdienste.

In gewissem Umfang ist sie auch eine Angelegenheit der Zentralen Universitätsverwaltung. Diese sollte jedoch keine administrativ führende oder gar wirtschaftlich-geschäftsführende, sondern nur eine unterstützende Funktion in einem Entwicklungsprozeß haben, der primär von der universitären Wissenschaft i. e. S. selbst bestimmt werden muß.

Die wesentlichen konzeptionellen Impulse müssen aus dem Bereich der akademischen Selbstverwaltung im engeren Sinne deshalb kommen, weil in einer Zeit öffentlicher Haushaltsnot, aber auch immer wieder zur Verwirklichung drängender, ja der Wissenschaft aufgedrängter und ihr gegenüber nicht selten grob unverständiger politischer Denkweisen - wie u. v. a. etwa eines 'indikatorenbasiereten' sog. 'Controlling' und der mit ihm verbundenen Zuweisungen von 'Budgets'- und materiellen 'Leistungsanreizen' an Wissenschaftler durch administrative Wissenschaftslenkungsinstanzen außerhalb des eigentlichen Wissenschaftsbereichs - nicht nur eine prinzipielle Ablehnung, sondern auch konstruktve Gegenmaßnahmen seitens der betroffenen Wissenschaft nahelegen. In Angelegenheiten der gesamten wissenschaftlichen IUK-Entwicklung bedeutet das eine dezidierte Wahrnehmung spezifisch wissenschaftlicher Interessen als Gegengewichts gegen ein von der Politik verlangtes Bauen Potemkinscher Dörfer im Bereich der Wissenschaft. Die zentralen Universitätsverwaltungen können sich meiner Einschätzung nach gegen derartige politische Zumutungen offenbar leider nicht richtig wehren.

Dazu bedarf es allerdings eines hohen Maßes an universitätsinterner Abstimmung unter den jeweils wissenschaftlich Agierenden und Betroffenen.

Was sollte in diesem Sinne nun aber im Mittelpunkt eines wissenschaftsnahen Konzepts für die zeitgemäße technische und organisatorische Fortentwicklung des Bibliotheks- und Publikationswesens einer Hochschule wie der TU Berlin stehen?

Zu dieser Frage enthält die Stellungnahme der Hochschulrektorenkonferenz "Zur Neuausrichtung des Informations- und Publikationssystems der deutschen Hochschulen" vom 5. Nov. 2002 interessante Einschätzungen und Vorschläge.

An ihr ist zunächst ihre Lagebeschreibung und Kausalanalyse hervorzuheben. Diese lenkt die Aufmerksamkeit vor allem auf das Verlagswesen und dann auf die Strukturen der Hochschulen: Das wissenschaftliche Bibliotheks- und Publikationswesen der Hochschulen befinde sich gegenwärtig in einer Zwangslage, welche letztlich darauf beruhe, daß die 'Wertschöpfungen' des wissenschaftlichen Bereichs außerhalb der Hochschulen - nämlich im Verlagswesen - kommerziell realisiert würden und alternativlos realisiert werden müßten, d. h. daß sie traditionell nicht im Hochschulbereich selbst marktverwendungsfähig gemacht würden Alle wesentlichen Vorarbeiten dafür fänden aber im Hochschulbereich statt. Das Verlagswesen organisiere lediglich die wissenschaftliche Begutachtung der kommerziell verlegten wissenschaftlichen Literatur, dies aber wiederum mithilfe von Hochschullehreren, also Angehörigen der Hochschulen. Andererseits seien die Preise, die die Hochschulen für die im wesentlichen auf ihrer eigenen Arbeit beruhenden 'Verlagsprodukte' zu zahlen hätten, mittlerweile so hoch, daß sie sich vielfach nicht mehr leisten könnten. Um dem entgegenzuwirken, müßten die Hochschulen ihre Strukuren und Verfahrensweisen angemessen ändern.

Darauf beruht dann der Entwurf zweier Gegenstrategien. Einmal solle der Hochschulbereich durch 'Konsortialverträge' auf die Preisgestaltung der Verlage Einfluß nehmen. Zum anderen sollten die einzelnen Hochschulen oder mehrere Hochschulen gemeinsam ihr Bibliotheks- und ihr Publikationswesen mittels der neuen elektronisch basierten Techniken so neuordnen, daß sie selbst zumindest in erheblichem Umfang "am Ende der Wertschöpfungskette" stünden und auf diese Weise die Engpaß-Probleme der wissenschaftlichen Verlagspublikation und ihrer Preisbildung künftig besser umgehen könnten.

Kritisch sei dazu zwar gleich bemerkt, daß der zugrundgelegte 'Wertschöpfungs'-Begriff offenkundig rein ökonomischer Art ist. Wissenschaftliche Arbeit hat , in dieser Begrifflichkeit gedacht, erst dann einen 'Wert', wenn man sie als 'Produkt' in Veräußerungsgeschäften für einem 'Marktpreis' zu Geld machen kann. Gegen einen solchen Begriff wären grundsätzliche Bedenken dann zu erheben, wenn er generell zum maßgeblichen Kriterium der Organisation wissenschaftlicher Arbeit gemacht würde, wie es heute hin und wieder, z. B. in wissenschaftspolitischen Spar- und Restrukturierungskonzepten, zu geschehen scheint. Wissenschaftlicher Wert ist aber größtenteils nicht dasselbe wie ein 'Marktwert wissenschaftlicher Produkte'. Die meiste wissenschaftliche Arbeit läßt sich nicht in Produktform bringen, wenn sie überhaupt stattfinden soll oder sinnvoll bleiben will. Trotzdem stellt sie einen nachweisbaren und gesellschaftlich anerkennten Wert eigener Art dar. Aus diesem Grunde erfolgt die Organisation wissenschaftlicher Arbeit in der Regel öffentlich-rechtlich - also z. B. nicht handels- oder gesellschschaftsrechtlich -, und ihre Finanzierung geschieht dabei notwendigerweise aus öffentlichen Mitteln.

Man kann aber trotzdem im vorliegenden Zusammenhang den offenkundig rein ökonomisch gedachten Begriff der 'Wertschöpfung' sinnvoll mitverwenden, um jedenfalls ein wenig zur Lösung eines wissenschaftsorganisatorischen Strukturproblems, nämlich der 'Unterfinanzierung' des Hochschulbereichs, beizutragen. Wenn die Verlage 'am Ende' einer 'Wertschöpfungskette', besser wohl: eines wissenschaftsintern stufenweise stattfindenden, späterhin außerhalb der Wissenschaft im Verlagswesen zum Abschluß gelangenden Wertschöpfungsprozesses stehend gedacht werden, so ist damit zurecht darauf hingewiesen, daß sich die Hochschulen des oft latenten wirtschaftlichen Wertes ihrer wissenschaftlichen Arbeit - wohl aus Traditionsgründen - weitgehend noch nicht so hinreichend bewußt sind, als daß sie daraus die nötigen organisatorischen Konsequenzen für ihre finanzielle Handlungsfähigkeit als Körperschaften des öffentlichen Rechts zögen.

Dennoch handelt es sich dabei nur um einen Teil der Gründe, die für eine schnelle Entwicklung des hochschulischen Bibliotheks- und Publikationswesens auf elektronischer Basis sprechen. Es geht vielmehr auch und eigentlich vorrangig um die schnelle Entwicklung spezifisch wissenschaftlicher Produktivität und Dienstleistungsfähigkeit in Forschung und Lehre - auch unabhängig von ihrer direkten wirtschaftlichen Verwertbarkeit.

So gedacht, erscheint von den o. e. Gegenstrategien, welche die HRK-Stellungnahme vorschlägt, die zweite in jeder Hinsicht wichtiger als die erste.

Denn zum einen läßt die HRK-Stellungnahme deutlich erkennen, daß 'Konsortialverträge' eigentlich kein geeignetes Mittel der Hochschulen sind, sich in einem Preiskampf mit nennenswertem Erfolg gegenüber den Verlagen durchzusetzen. Demgegenüber böte die zweite Strategie, die schnelle Fortentwicklung eines elektronisch basierten Publikations- und Bibliothekssystems innerhalb einzelner oder mehrerer Hochschulen, welches auch die 'Wertschöpfung' im ökonomischen Sinne einschlösse, eine echte Chance, aus dem Preis-Schwitzkasten des Verlagswesens herauszukommen.

Zum anderen wäre, um es seiner Wichtigkeit wegen zu wiederholen, die zweite Strategie vor allem auch ein wesentlicher Beitrag zur Fortentwicklung einer spezifisch wissenschaftlichen Produktivität und Diensteistungsfähigkeit des öffentlich-rechtlich organisierten Wissenschaftsbetriebs.

Was müßte geschehen, um eine solche Entwicklung an der TU Berlin schnell voranzubringen? Dazu seien folgende Thesen zur Diskussion gestellt:

1) Eine vordringliche Voraussetzung für die Verwirklichung der zweiten Strategie wäre, daß die einzelnen Fakultäten ungefähr in der Art und mit dem Gewicht von Promotions- und Habilitationsausschüssen Herausgeber-Gremien (wissenschaftliche 'Editions-Ausschüsse') für die Begutachtung und Qualitätssicherung aus ihrem Bereich für die universitäre elektronische oder Druck-Publikation bereitgestellten wissenschaftlichen Arbeiten einrichteten. Eine wissenschaftliche Publikation ohne die Begutachtung solcher Eidtionsausschüsse ist zwar immer möglich und auch wissenschaftlich sinnvoll. Ein mit dem Gutachtersystem der Verlage wissenschaftlich konkurrenzfähiges Gutachtersystem eines universitären Publikationswesens wäre aber trotzdem nötig, nämlich um die 'Autoritäts-Vorteile' und damit die karrierebezogene Unumgehbarkeit und renomméebezogene Attraktivität der Verlagsbegutachtung als Engpaßproblem zu beseitigen. Die zusätzliche Arbeit, die dadurch auf die Hochschullehrer für die Zeit ihrer Tätigkeit in einem 'Editions-Ausschuß' zukäme, müßte dann - im Hinblick auf die Konkurrenz der Verlagsbegutachtung - sinnvollerweise irgendeine Art der Honorierung erfahren; diese könnte, soweit Überlast vorliegt, in der Freistellung der einbezogenen Hochschullehrer von anderen Aufgaben bestehen. In die Begutachtungsarbeit könnten und sollten alle fachlich in Frage kommenden Hochschuillehrer, auch die sog. 'nebenberuflichen', nach einem Geschäftsverteilungs- oder Rotationsplan einbezogen werden. Fachliche 'Editionsaausschüsse' wären auch als gemeinsam von mehreren Hochschuilen gebildete denkbar.

2) Die Universitätsbibliothek wäre mit den nötigen Mitteln und Kräften auszustatten, um die ihr im Interesse ihrer eigenen wissenschaftlichen Entwicklung neu zuwachsenden Aufgaben einer zuverlässigen, gesicherten Archivierung elektronischer Publikationen und ihrer technischen angemessenen Bereitstellung für ein Publikum bewältigen zu können. Die HRK-Stellungnahme spricht von einer einzigen BAT-II a-Stelle für jede Hochschule; es ist aber wohl mehr Personal nötig. Dies insbesondere auch deswegen, weil zumindest ein geeignet groß dimensionierter, technisch und fachlich sorgfältig zu bedienender Dienstrechner für Archivierungs- und Internetpublikationsaufgaben zu der bisher üblichen Ausstattung der Universitätsbibliothek hinzukommen müßte.

3) Ein solcher neu zu installierender, relativ großer und bedienunsgbedürftiger Dienstrechner mag bei der Universitätsbibliothek selbst oder anderwärts in der Universität stationiert sein. Bei einer solchen für den Gesamtbereich der Universität wahrzunehmenden Dienstleitungsaufgabe ist jedenfalls kaum vorstellbar, daß sie ohne engste Kooperation der Universitätsbibliothek mit einem Zentralen Rechenzentrum sicher, übersichtlich und wirtschaftlich erfüllt werden könnte. In Zukunft müßte es daher zu einer noch engeren organisatorischen Verflechtung der jetzigen 'Zentralen Einrichtung Universitätsbibliothek' mit der 'Zentralen Einrichtung Rechenzentrum' kommen.

4) Das derzeit an der TU Berlin diskutierte - und zum Glück noch nicht durchgeführte - Konzept, die IuK-Strukturen der Universität um fakultätseigene Serverorganisationen neu zu bilden und dabei das jetzige Zentrale Rechenzentrum aufzulösen, sollte auch im Hinblick auf die im Sinne der HRK-Stellungnahme vordringliche Aufgabe einer Neustrukturierung des Bibliotheks- und universitären Publikationswesens aus wirtschaftlichen und aus wissenschaflichen Gründen gleichermaßen aufgegeben werden. - Ein Zentrales Rechenzentrum könnte über einen satzungsmäßig neu zu gestaltenden, die Fakultäten und deren 'Editions-Ausschüsse' einbeziehenden Rat die Aufgabe wahrnehmen, in engster wissenschaftlich-technischer Abstimmung mit den Fakultäten die diesen beim Aufbau eines universitären wissenschaftlichen Editions-Systems zufallenden neuen Aufgaben wirtschaftlich, technisch zuverlässig und organisatorisch überschaubar zu lösen. Das gilt nicht nur für die Fakultäten, die den in ihnen zusammengefaßten Wissenschaftfächern nach eher technikfern sind und eigene wirklich funktionsfähige Server-Organisationen mit ihren eigenen Mitteln schwerlich bilden könnten - wie z. B. die Fakultät I -, sondern generell für alle: Sie müßten alle ja mit einem - für die ganze Universität betrachtet - unverhältnismäßigen Aufwand auch alle technischen Probleme einer universitären Edition und Archivierung wissenschaftlicher Publikationen dezentral für ihren Bereich selbst lösen und bezahlen, wenn es die ZRZ nicht gäbe. Das erscheint erscheint nicht nur wenig sinnvoll, sondern - im Hinblick auf die Notwendigkeit, öffentliche Mittel wirtschaftlich einzusetzen und dabei die Belange der Gesamtkörperschaft Universität mit allen ihren Gluiedern zu wahren - auch hochschulrechtlich bedenklich.


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